Das Lied der Sieben Kastanien_Gesamt

Hier ist nun die gesamte Version vom Lied der Sieben Kastanien. Alle Kapitel in einem PDF_Dokument, dazu noch leicht überarbeitet, sodass einige grobe Schnitzer weg sind.

Kurze Beschreibung der Handlung:

In ferner Zukunft hat die Menschheit das Sonnensystem besiedelt. Verwaltet und kontrolliert wird weiterhin alles von der Erde. Dies sorgt für Missmut bei den fernen, dunklen Kolonien jenseits des Pluto, wo die Sonne kaum mehr scheint und wo im Schatten verbrecherische Forschungen betrieben werden.

Das junge Mädchen Nadia arbeitet im Gasthof „Die sieben Kastanien“ auf dem Jupiter Mond Ganymed, als eines Tages der gewaltige Kreuzzeug vom äußeren Ring her beginnt und droht das gesamte Sonnensystem zu verbrennen.

Ihr ruhiges Leben kommt zu einem Ende als die Soldaten vom gefürchteten Zwergplaneten Eris Fuß auf ihre Heimat setzten und sie in Kontakt mit einigen der mächtigsten Menschen des Sonnensystems tritt.

Anmerkung:

Es hat etwas gedauert, aber hier ist nun die gesamte Version der kleinen Geschichte, die ich entwickelt habe. Es mag nicht viel sein, aber ich bin stolz darauf.

Das Lied der Sieben Kastanien war ein Experiment meinerseits. Ich hätte es ja auch anders aufarbeiten können. Ich hätte von einem einfachen Soldaten der Allianz oder der Erde schreiben können der im Krieg entweder Ruhm oder Wahnsinn findet. Ich hätte aus der Sicht der Oberadmiralin Chiang schreiben können, die an der plötzlichen Verantwortung zerbricht. Ich hätte die Geschichte aus der Sicht von Namtar An schreiben können, wie er aufsteigt und obsiegt. Eine Sage wie von Alexander dem Großen oder Napoleon. Ein Mann dessen Geschick im Erobern ohne Gleichen ist, doch der Preis dafür ist ein soziales Scheitern – in diesem Fall mit seiner Beziehung zu Nadia.

Doch nein, ich habe beschlossen eine Geschichte aus der Sicht einer einfachen Dienstmagd zu schreiben. Nadia ist keine Jeanne ‚Arc und keine Mulan. Es war nicht ihr Schicksal Großes in diesem Konflikt zu leisten. In vielen anderen Büchern wäre sie eine Nebenfigur gewesen oder hätte sogar nicht einmal einen eigenen Namen bekommen.

Ich wollte erforschen, wie so ein ruhiges und glückliches Mädchen ohne viel Ambitionen reagiert, wenn in ihre einst stabile, fröhliche Welt etwas Dunkles und Schreckliches eindringt, was so viel Größer ist als sie selbst und über das sie keine Macht hat. Ob es gelungen ist bin ich nicht sicher. Dies liegt wohl an euch. Wie viele haben denn bis hierher gelesen?

Wer immer ihr auch seid, ich danke euch, dass ihr die Reise von Nadia bis hierher begleitet habt und das die Geschichte etwas in euch bewirkte, so minimal es auch sein mag.

Durch schwere und gute Zeiten, durch Einsamkeit und Freundschaft habe ich das letzte Jahr an diesem Lied gearbeitet und bin nun froh es nun vollständig zu präsentieren.

Möget ihr einen schönen Tag haben und ihr eure Sieben Kastanien irgendwann finden.

Ganz unten ist ein kleiner Spendenbutton zu meinem Paypal-Account. Ich erwarte nichts und bin auch zufrieden, wenn kein Cent reinkommt. Dies bedeutet einfach, dass die Geschichte es einfach nicht wert ist. Kostenlos zum runterladen als PDF bleibt sie.

Textdatei:

Das Lied der Sieben Kastanien_Stuart Smith

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Das Lied der Sieben Kastanien_Gesamt

Die Erwählte

Als Sophia den Eingang des Lagers erreichte, wartete sie am Rande der Straße bis exakt drei Tropfen von einem Eiszapfen an einem nahen Baum herabgefallen waren, bevor sie weiterging. Genau dann zerbrach nämlich die Achse einer Karre, die Proviant brachte und als die beiden Wächter dadurch abgelenkt waren, schlüpfte sie auf die Ladefläche zwischen den Körben mit madigen Äpfeln und grauem Kohl.

Zwischen den vielen bunten Zelten angekommen, sprang sie dann wieder herab, blieb erst einmal stehen und sah hoch zum Himmel, wo gerade eine Lücke sich in den Wolken auftat und die Sonne herunter strahle. Angestrengt lauschte sie und nickte einige Male. Ein naher Ritter beobachtete sie dabei und verwundert bemerkte er ihre einfache, dreckige Bauerntracht. Er machte sich gerade daran zu ihr zu gehen, als sie auf einmal zu ihm blickte und ihn freundlich anlächelte. Sie hob ihre Hand und bedeutete ihm anzuhalten. Verwirrt hielt der Ritter im Schritt inne, sodass das wild gewordene und fortgelaufene Pferd von einem der Knappen ihn nicht überrannte, als es dicht an ihn vorbei galoppierte.

Während der Ritter überrascht nach hinten stolperte und einige Waffenmänner versuchten das aufgeschreckte Tier einzufangen, setzte Sophia sich wieder in Bewegung. Sie wusste, wohin sie musste, nahm aber einige Umwege dorthin.

Auf diese Weise fing sie eine umkippende Hellebarde auf, die sonst einen nichtsahnenden Milizsoldaten den Schädel gespalten hätte. Sie verlor fast das Gleichgewicht und musste stark gegen die schwere Waffe drücken. Doch als sie es unter Kontrolle hatte, steckte sie die Hellebarde zurück an ihren angestammten Ort. Der Milizsoldat bekam von all dem nichts mit und aß weiter seine Karotte. Anschließend schritt sie mit festen Schritten in ein nahes Zelt, nahm etwas Fleisch von einem verlassenen Teller und fütterte damit draußen den Hund eines Landknechtes, der nicht das Geld hatte, um sein Tier gut zu ernähren.

In der Nähe des Schießplatzes, wo gerade Armbrustschützen übten, blieb Sophia erneut stehen und sah wieder hoch zur Sonne. Ihre Lippen bewegten sich angestrengt, während sie mit den Fingern in der Luft Linien zog. Am Ende nickte sie zufrieden und ging weiter. Dabei schubste sie einen angetrunkenen Söldner zur Seite, der sie sofort wütend anschreien wollte, verstummte aber sofort, als ein falsch abgefeuert Bolzen sich in den Pfosten bohrte, gegen den er sich gerade noch gelehnt hatte.

Als Sophia endlich das reich dekorierte Kommandozelt erreichte, hatte sich hinter ihr eine kleine Menge versammelt. Ein Wächter mit einer Lanze versperrte ihr den Weg, doch sie wartete höflich, und lächelte weiter, bis die vier Laubblätter vor ihr am Boden mit einem Windhauch davon geweht wurden. Sie hob ihren Fuß zum nächsten Schritt und der Wächter wollte sie mit einem harschen Ruf warnen, als eine Taube gegen seinen Helm flog und dies ihn so sehr ablenkte, dass sie hineinschlüpfen konnte.

»Der Winter kam viel zu früh«, sprach gerade der Kurfürst. »Die Pässe werden bald eingeschneit sein. Es wird Probleme geben den Proviant hierher zu bringen.«

»Es war eure Idee, so weit vorzurücken«, entgegnete der Marschall. »Ihr meintet, wir könnten den Ozean erreichen bis zum ersten Schnee. Ich habe dagegen gewarnt, aber wolltet Ihr hören, mein Fürst? Nein! Ihr musstest es unbedingt wagen. Ihr wolltest einen schnellen Sieg. Wegen euch sind wir in diesem Schlamassel.« 

»Hättest du beim Nordfeld vor drei Tagen deine Kavallerie nach Süden verlegt, wie ich verlangt habe, dann wären wir…«   

»Meine Herren«, unterbrach der König sie. »Es hilft nicht hier zu streiten. Stattdessen sollten wir uns darauf konzentrieren, wie wir uns aus dieser Lage befreien können.«

»Am besten wir greifen Innsgarhafen an«, meinte Sophia.

»Ein zu hohes Risiko mit unserem Proviant. Wir haben nicht genug für eine Belagerung.«

»Das Problem mit den Pässen betrifft auch den Feind«, erwiderte sie.

»Es ist eine Hafenstadt. Sie können sich übers Meer versorgen.«

»Oh, ich garantiere euch, dass ein Sturm toben wird, wenn ihr die Stadt erreicht, der verhindert, dass irgendein Schiff die Stadt erreichen wird.«

»Woher willst du wissen…« Die drei Männer sahen auf und bemerkten Sophia nun zum ersten Mal richtig.

»Wer zur Hölle bist du?«, rief der Kurfürst aus.

»Sophia. Man hat mich geschickt, um euch zu helfen.«

»Wer hat dich geschickt?«              

Die Erwählte

Der Wächter

Einst gab es eine Kaste an Engeln, die im Auftrag des Allmächtigen über die Menschen wachen sollte. So kam es, dass ihr Anführer, Samyaza, seine unzähligen Augen hinabrichtete auf die Sphäre der Sterblichen. Sein Blick durchbohrte Zeit und Raum, sodass er überall und zu jeder Epoche anwesend war, während im Himmel kein Korn durch seine Sanduhr fiel. So beobachtete er in einem Moment der Endlosigkeit seine Schützlinge.

Er sah, wie sich das erste Paar Augen öffnete und die Sonne erblickte.

Er sah, wie das erste Lachen Freude um ein Lagerfeuer verbreitete.

Er sah, wie die ersten Schritte eines aufrechten Menschen sich ungeschickt voran stolperten und danach immer mehr Festigkeit und Sicherheit bekamen.

Er sah, wie der erste Finger zu einem fernen Horizont deutete und die Frage gestellt wurde, was sich jenseits davon verbarg.

Er sah, wie die erste Faust sich um einen Stein legte, um mit diesem ein Stück Holz zu bearbeiten.

Er sah, wie Cain seinen Bruder Abel erschlug.

Er sah, wie ein frisches Pärchen sich zum ersten Mal stritt und eine Tür im Nachhinein zornig zugeschlagen wurde.

Er sah, wie zum ersten Mal mit einem Gewehr auf einen anderen Menschen gezielt wurde. Beißender Rauch schlug hoch, als der Abzug betätigt wurde und verbarg so das Gesicht des Schützen.

Er sah, wie das erste Grab mit Erde bedeckt wurde und wie der Leichnam langsam seine letzte Ruhe fand. Stille Tränen fielen zusammen mit den sandigen Körnern.

Er sah, wie eine Mutter zum ersten Mal ihr Neugeborenes in den Händen hielt. Der Vater saß neben dem Bett, vor Freude weinend.

Er sah, wie das erste Segelschiff den Wellen trotzte. Ein Kleiner Fleck in einem scheinbaren grenzenlosen Blau.

Er sah, wie eine Heerschar über ein Stück unbefleckter Erde marschierte und die dortigen Pflanzen zum ersten Mal Menschenblut schmeckten. Einen Lidschlag später wuchsen Blumen aus den Schädeln oder zwischen den Rippen der Gefallenen.

Er sah, wie zum ersten Mal in einem Dorf ein Kind im Wald verschwand und die ganze Gemeinschaft anschließend danach suchten. Es wurde zur Erleichterung aller frierend, aber lebendig bei einem toten Baum gefunden.

Er sah, wie zum ersten Mal Schwarzpulver getestet wurde. Die Künstler des Krieges entfachten es nur wenig später auf den Schlachtfeldern.

Er sah, wie zwei Jugendliche sich zum ersten Mal unter einem farbenprächtigen Feuerwerk küssten. Ein flüchtiger Augenblick, doch lange nachhallend im Gedächtnis. 

Er sah, wie der erste feurige Pilz sich in einer Wüste manifestierte und wenig später zwei Städte verschlang. Die Welt geriet danach in einen nie dagewesen Zustand der Ungewissheit.

Er sah, wie die erste Rakete mit einem Menschen hoch zu den Sternen flog. Die Erfüllung eines lang ersehnten Traumes.

Er sah, wie zum ersten Mal der Nagel für eine Eisenbahnstrecke in den Boden gerammt wurde. Die Verknüpfung der Welt begann.

Er sah, wie die erste Dampfmaschine sich begann zu drehen. Bald darauf erhoben sich tausend qualmenden Schloten über die Städte.

Er sah, wie die erste Kohlegrube mit Wasser gefüllt wurde, damit Kinder in Zukunft darin schwimmen könnten. Ein angenehmes Ausflugsziel an heißen Sommertagen.

Er sah, wie das erste Dampfschiff zum Grund des Meeres sank und ölige Schlieren mit sich in die Tiefe zog. Ein nasses Grab für Mensch und Gift.

Er sah, wie die erste Stadt eine Million Einwohner zählte. Er blinzelte und dann waren da so viel mehr als zuvor.

Er sah, wie sich ein junger Erwachsener zum ersten Mal in seiner eigenen Wohnung einen Kaffee kochte und hinaus sah auf das für ihn noch ungewohnte Stadtbild. Nervosität und Zuversicht kämpften in seiner Seele miteinander.

Er sah, wie der erste Krieg begann.

Er sah, wie der erste Frieden geschlossen wurde.

Er sah, wie der erste Baum gefällt wurde.

Er sah, wie zum ersten Mal ein Mensch den eisfreien Nordpol besichtigte.

Er sah, wie die erste Stadt aufgegeben wurde, als die Meere anstiegen.

Er sah, wie die erste Tierart durch den Menschen ausstarb.

Er sah, wie der erste Stein zum Wiederaufbau in einer verwüsteten Siedlung gelegt wurde.

Er sah, wie der erste Baum von Menschenhand gepflanzt wurde.

Er sah, wie eine Mutter ihrem Kind zum ersten Mal ein Lied sang, inmitten einer wachsenden Wüste und trotz allem auf eine glückliche Zukunft hoffte.

Er sah, wie die ersten Städte jenseits der Erde gebaut wurden und die Menschen begannen in großer Zahl ihren Heimatplaneten zu verlassen.

Er sah, wie der erste Fuß sich auf den Mond setzte.

Er sah, wie zum ersten Mal ein Flugzeug beladen mit Bomben abhob.

Er sah, wie zum ersten Mal ein orbitales Bombardement vollführt wurde.

Er sah, wie das erste Kind außerhalb der Erde geboren wurde.

Er sah, wie ein junger Astronaut zum ersten Mal in seinem Leben zur Erde hinabsah und beim Anblick der braunen, trockenen Kontinente weinte.

Er sah, wie zum ersten Mal ein Entdecker das Flehen und Betteln seiner Familie ignorierte und aufbrach, wohl wissend niemals wiederzukehren.

Er sah, wie zum ersten Mal in langer Zeit eine Mutter ihr Kind umarmte, als es von einer schweren Reise wiederkam.

Er sah, wie zum ersten Mal ein Vater mit seinem Kind ein Baumhaus baute.

Er sah, wie das erste Gebet gesprochen wurde.

Er sah, wie der erste Schamane über die Geister der Toten sprach.

Er sah, wie das letzte Kind geboren wurde.

Er sah, wie das letzte Mal ein Mensch einen Sonnenaufgang betrachtete.

Er sah, wie zum letzten Mal sich die Lider eines Menschen schlossen.

Danach herrschte Dunkelheit und Zeitlosigkeit.

Samyaza wandte jedes seiner Augen ab von der Welt der Sterblichen. Es gab nichts mehr zu sehen. Seine Pflicht war erfüllt. Kein einziges Mal hatte er eingreifen müssen, ob der Kreation des Allmächtigen zu unterstützen.

Der Wächter

Eine weitere Geschichte von mir wurde veröffentlicht!

Mit großer Freude kann ich verkünden, dass meine Geschichte „Das rote Band des Schicksals“ in der Anthologie „Selbst nach dem Tod“ des Elysion-Verlags veröffentlicht wurde.

Es ehrt mich, dass man mich in einem so schön gestalteten und hochwertigem Buch finden kann, zusammen mit vielen anderen hervorragenden Autoren.

Passend zum kommenden Valentinestag 2025 geht hier um Liebe, allerdings von der makaberen Art. Der Tod ist bei allen Geschichte verwoben mit der Romantik.

Bei meinem Beitrag in der Anthologie dominiert vor allem schwarzer Humor.

Den Band kann man hier erwerben: https://elysion-verlag.de/produkt/nach-tod/

Eine weitere Geschichte von mir wurde veröffentlicht!

Persönlicher Rückblick 34. Film Festival Cottbus

Vom 5. bis zum 10. November fand in Cottbus das 34. Film-Festival für osteuropäisches Kino in Cottbus statt. Eine gute Möglichkeit Filme zu finden, die ansonsten hier in Deutschland einfach untergehen oder gar nie gezeigt werden würden. Ich war insgesamt auf 5 verschiedenen Vorstellungen und schreibe hier meine Eindrücke zu ihnen:

Landshaft (2023):

Regie: Daniel Kötter

Eingeleitet durch den schön animierten Kurzfilm The Sonf of Flying Leaves ist dies eine bildgewaltige Dokumentation über das Grenzgebiet in Armenien, wo die Bewohner von ihrem Leben und vor allem von der komplexen jüngsten Geschichte mit Azerbaijan erzählen. Der Film versinkt geradezu in den nebligen, rauen Bergen und die langen Aufnahmen mit der Kamera können durchaus ermüdend während der Laufzeit werden.

U ARE THE UNIVERSE (2024)

Regie: Pavlo Ostrikov

Ein Sci-Fi-Film der unter schwierigen Umständen in der Ukraine während des Krieges fertiggestellt wurde. Die Erde ist zerstört und nur noch ein Astronaut ist am Leben, der zusammen mit seinem Bordcomputer das Ende abwartet – bis sich dann eine weibliche Stimme über das Radio meldet. Ein minimalistischer Plot mit cleveren Dialogen, gutem Humor und auch ernsten Momenten – alles gut miteinander verrührt.

Die lange Nacht der kurzen Filme I

Konnte nur den ersten Block sehen, aber eine gute Mischung aus Kurzfilmen, die von düster deprimierend bis witzig reichten. Am besten aus dem Bündel hat mir der türkische Film Kravat gefallen, wo ein Staatanwalt mitten in der Einöde strandet, und versucht wieder in sein Auto zu kommen, wo sich wichtige Dokumente befinden.

The last Spark of Hope (2023)

Regie: Piotr Biedroń

Ein postapokalyptischer Film aus Polen, wo eine Überlebende und ihr Wachroboter auf einer kleinen Basis in der verwüsteten Landschaft leben. Geht in der zweiten Hälfte über in eine beinahe kafkaesquese Erzählung, wo der Mensch mit kalter maschineller Logik konfrontiert wird. Die immer weiterwachsende, frustrierende Verzweiflung ist zum Greifen spürbar und erinnerte mich mitunter mit Interaktionen mit gewissen Behören (Leute, die den Film gesehen haben, wissen wahrscheinlich was damit gemeint ist).

Flow (2024)

Regie: Gints Zilbalodis

Ein Animationsfilm ohne Dialoge über eine Gruppe Tiere, die sich nach einer gewaltigen Flut auf einem Boot retten. Der Ansatz ist interessant, da sie nicht übermäßig anthropoformiert werden und sich durchaus realistisch verhalten: Die einzelgängerische Katze, der schnell vertrauensfassende Hund, der stoisch ruhige Capybara etc. Die Mimik reicht meist aus, um die Konflikte und Geschichte voranzutragen. Sehr schön animiert, mit religiösen Untertönen und hat mich durchaus zum Nachdenken angeregt. Diese wunderbare Fabel war von allen fünf mein Favorit und ein guter Abschluss für das Festival.

Persönlicher Rückblick 34. Film Festival Cottbus

Vom Dach Hinab

Ich verlasse die Dachterrasse. Das Treppenhaus ist dunkel. Meine Augen wandern über alle Personen, die ich unterwegs treffe. Das ganze Gebäude ist überfüllt, die Luft stickig und ich muss meine Ellenbogen benutzen, um weiterzukommen. Nirgendwo ist sie zu sehen. Graue Gestalten reihten sich an graue Gestalten. Jemand keift mich wütend an, doch ich gehe weiter. Mehr Unbekannte im nächsten Stockwerk. Grünes, pulsierendes Licht aus dem Tanzsaal. Eine Hand greift nach mir, ich schüttele sie ab. Ein Haufen Besoffener steht bei der nächsten Tür. Ich schubse mich vorbei und bin bei der nächsten Treppe.

Etwas Blaues ist inmitten der Gräue und kommt mir entgegen. Mein Kopf dreht sich sofort mit. Ein blaues Kleid. Mein Blick wandert nach oben. Tränen im Gesicht, das blonde Haar leicht zerzaust. Die Augen sind braun; nicht grün.

»Scheiße«, murmele ich und lasse die Unbekannte durch nach oben. Alles wieder grau um mich herum.

Im nächsten Stockwerk treffe ich Ben inmitten der Tanzenden.

»Wo ist Jessica?«, frage ich ihn über die Musik hinweg. Eine schwarze Masse waberte um mich herum, grelles Licht schluckt alle Farbe. Ein Schopf langer Haare trifft mein Gesicht, doch ich sehe weiter Ben an.

»Ist rausgegangen«, antwortete er leicht lallend, »mit Thomas.«

»Kacke!« Ben sagt noch mehr, doch ich bin bereits auf den Weg zur nächsten Treppe. Runter, Geschnatter überall, lautes Hämmern von den Toiletten, Gegröle vom zweiten Saal. Eine frische Brise.

Bin endlich draußen. Luft ist kühler. Auto hupt. Himmel finster. Mehr Besoffene. Liegen im Gras. Stolpern in die Finsternis davon. Führen Gespräche, deren Inhalt bereits beim Reden vergessen ist. Inmitten von alldem entdecke ich erneut einen blauen Klecks, nahe beim Straßenrand. Gucke genauer hin. Augen sind grün. Ja, das ist Jessica. Sie umarmt gerade Thomas, beugt sich weiter hoch zu seinem Gesicht.

»Dreckssack«, fluche ich und renne auf die beiden zu. Irgendein Arschloch will mich aufhalten, doch ich stoße ihn in den Rinnstein. Ich hole mit der Faust aus, um Thomas Fresse zu polieren. Gleich bin ich bei ihm!

KRACH!

Ein lautes Geräusch. Ich bleibe stehen. Ohren klingeln. Jessica hüpft erschreckt von Thomas weg. Rote Flecken sind auf ihrem blauen Kleid. Etwas Warmen ist auf mich gespritzt. Ich blinzle und gucke zur Seite. Ein grünes Auto. Das Dach ist eingedellt. Darauf liegt Blau. Ein Blau voll mit Rot. Mein Blick wandert nach oben. Ein Gesicht. Ein Gesicht mit braunen Augen und Tränen auf den Wangen.  

»Ah«, mache ich, noch mit erhobener Faust.        

Vom Dach Hinab

Wohin mit mir – Reflexionen aus dem Urlaub

Wohin mit mir?

Dies dachte ich, während ich auf einem fremden Kontinent in einer fremden Bar ein Glas Gin trank.

14 Stunden Flug hinter mir. Den Sternen näher als jemals zuvor in meinem Leben. Dieselben Sterne, unter denen alle Menschen leben.

Nach der Ankunft fand ich erwartungsgemäß viele kleine Unterschiede im Alltag und Kultur vor. Doch ich gewöhnte mich schnell. Witzige Anekdoten für meine Rückkehr. Mehr nicht.

Letzten Endes waren es doch wieder Großstädte. Die anfängliche Aufregung und Angespanntheit legten sich allmählich. Ich fand Coffeeshops, wo ich meinen Laptop aufklappen konnte. Ich fand Bars mit bekannten Getränken. Mein Smartphone hatte überall Netz. Die Restaurants akzeptierten meine Kreditkarte genauso wie in Deutschland. 

Wären meine Erfahrungen wirklich so anders in New York, Singapur oder Buenas Aires?

Was erlebe ich hier wirklich Neues, fragte ich mich?

Wo gab es noch das wirklich Fremde oder das wirkliche Abenteuer?

Musste ich vielleicht in die Steppen der Mongolei? Die Dünen der Sahara? Die unsäglichen Orte wo es noch Hunger, Seuchen und Trümmer gab? Wir lange würde es noch dauern, bis auch diese Gegenden entweder komplett dem Tourismus und Kosmopolitismus anheimfielen oder direkt unbewohnbar wurden?

Wohin mit den anderen?

Ich beobachtete andere Backpacker, wie sie abends das Hostel verließen, um feiern zu gehen. Zuvor blockierten sie die gemeinschaftlichen Badezimmer, um sich zu frisieren, Make-Up aufzutragen oder sich in penetrante Düfte einzuhüllen. Mit manchen redete ich. Man tauschte Tipps aus. Die Discotheken in dieser oder jener Stadt waren besser, behaupteten einige. Woanders gäbe es den talentiertesten Barista. Zwei Stationen weiter wiederum ein cooles Museum.

Doch war dies wirklich alles? Dürfte man nicht mehr erwarten? 1000 Meilen reisen, nur um einen bestimmten Club zu besuchen? Bei keinem frage ich nach den Kontaktdaten, da wir uns sowieso nie wiedersehen würden. Einmal erkundigte man sich, ob ich mal Kalifornien besuchen wollte, doch war es dort wirklich so anders als hier oder dort? Gleiche Dekadenz und gleiches Elend?

Das Feiern in stickiger Luft hatte seinen Reiz für mich schon lange verloren. Stattdessen suchte ich mir schöne Bars, wo ich Australier, Amerikaner, Deutsche und mit Glück vielleicht auch Einheimische treffen konnte. Eine Barkeeperin zog einmal einen deutschen Gin von unter der Theke hervor, nachdem sie gehört hatte, woher ich kam. An einem anderen Abend traf ich zwei Franzosen, die in der Ferne eine Absinth-Stube eröffnet hatten und sie servierten mir die Grüne Fee mit Feuer und Zucker.

Doch auch ein Vollrausch bereitete mir schon längst keine Genugtuung mehr und ich hielt ich meist zurück mit den Getränken und war meist als Erstes wieder auf dem Hostelzimmer.

Irgendwann um 5:00 stolperte dann der Rest herein, meistens wenn ich im Prozess war, richtig wach zu werden und mir zu überlegen, wo ich frühstücken wollte. Würden diese Backpacker beim Aufwachen überhaupt noch Erinnerungen besitzen, die sie mit nach Hause bringen konnten?

Wohin mit der Menschheit?

Die Welt scheint beinahe vollständig erschlossen. Wo hört man kein Englisch? Wo konkurriert man nicht um die Gust von Touristen? Wo fährt keine Fähre oder Tourbus mehr hin?

Manchmal wende ich meinen Blick fort von der Welt und all die Länder, die ich noch nicht besucht habe und wahrscheinlich auch nie besuchen werde. Ich blicke fort von lokaler Politik und drögen Alltag.

Auflösung in Vereinzelung. Jeder geht seines Weges. Ein Streben ins Nirgendwo. Die Menschheit, trotz allen Fortschritts, scheint wieder zu zerfallen.

Im Flugzeug zurück leckte ich erneut die äußersten Ränder der Atmosphäre. Über mir ein dunkles Blau, das sich in Schwärze auflöste. Derselbe Sternenhimmel für uns alle. Doch musste dies wirklich zu bleiben?

Ein Gedanke kam mir. Wie war es wohl damals dabei zu sein, als der erste Schritt auf den Mond gesetzt wurde. Ein Ereignis, das selbst die Grenzen des Eisernen Vorhanges überstieg. Egal wo man war auf der Erde, man wünschte den Astronauten Glück. Trotz der Gefahr nuklearen Holocausts hoffte man auf eine Zukunft hoch bei den Sternen. Vielleicht braucht es wieder so etwas. Vielleicht braucht es etwas, was uns eine Hoffnung gibt, die uns jenseits dieser Welt bringt, die wir immer mehr mit unserer Präsenz überfrachten.

Vielleicht sehe ich noch, wie viel höher die Menschheit noch gehen kann, selbst wenn ich dann bei diesen Flügen nicht dabei sein kann. Einfach dabei zu sein, wenn wir die nächste Grenze überschreiten.

Wohin mit mir – Reflexionen aus dem Urlaub

Für Immer & Perfect Days – Zwei Filme über das Leben

Der erste Monat von 2024 war für mich eine regelrechte häufig in der Kinozeit, da eine überraschend große Anzahl an Filmen herauskam, die ich alle gerne gucken wollte. Ich habe z.B. den neuen Film von Hayao Miyazaki gesehen: Der Junge und der Reiher, der komplett anders war, als erwartet und das Kriegsdrama Mein Sohn, der Soldat über schwarze Soldaten aus dem Senegal im ersten Weltkrieg, den ich eher enttäuschend fand.

Zwei die mir aber besonders im Gedächtnis geblieben sind und mich immer noch zum Grübeln bringen, sind Für Immer und Perfect Days. Die Eindrücke und die Gedanken möchte ich nun jeweils hier zum Ausdruck bringen.

Für Immer von Barbara Lueg

Dies ist eine Dokumentation, die ein älteres Ehepaar in der letzten Phase ihres Lebens begleitet. Die Kinder sind lange aus dem Haus, die Körper werden fragiler und es bleibt nur das Zusammensein. Tatsächlich war ich überrascht von der sanft mitgetragenen Botschaft des Films. Heutzutage wird ja gern das Singletum hochgehalten. Man hört Aussagen wie, dass man immer mit sich selbst klarkommen sollte, dass Partner doch nicht mehr sind als zeitweilige Begleiter im Leben, dass man sich austoben sollte mit mehreren Menschen und wie glücklich man doch ist mit der Freiheit des Alleinseins, eine Studie belegt dies auch bla bla bla. Wie es dann später im Alter aussieht, wird dann gerne verschweigen.

Umso schöner und beinahe erfrischend ist es dann in dieser Dokumentation zu sehen wie Eva und Dieter Simon nach Jahrzehnten noch immer zusammen sind. Ihr langsamer Alltag wird gezeigt, wie sie sich im Alter zurechtfinden und aus alten Tagebüchern wird vorgelesen.

Wirklich mehr gibt es nicht zur „Handlung“ zu sagen. Sie beide sind der Fokus und andere Menschen kommen nur am Rande vor.

Gerade durch die Beschreibungen aus der Vergangenheit wird auch klar, dass die Ehe nicht immer harmonisch war und es Krisen gab, die beinahe zum Zerbrechen der Beziehung geführt haben. Auch hier ein starker Kontrast zu heute. Bei jeder dieser Situationen würde heutzutage sicherlich jeder schreiben, dass die Beziehung keinen Sinn mehrmacht und man sich was Neues suchen soll. Eine Partnerschaft ist doch nicht solchen Ärger wert, du liebst ihn nicht mehr, so was kann man doch nicht verziehen etc. etc.  

Sowas würde von jeder Ecke gerufen kommen. Einfach gehen, der oder die nächste kommt ja bestimmt.

Doch Eva und Dieter blieben zusammen und standen es durch. Keine von ihnen bereut ihre Entscheidung und eine ihrer größten Angst ist nun, dass einer vor dem anderen stirbt, sodass jemand zurückbleiben muss.

Es kamen Momente der Tränen und ohne Melodram berührt die Dokumentation das Herz und zeigt uns eine von vielen Dingen, die diese schnelllebige Gesellschaft verloren haben. Eine lebenslange Ehe ist kein Hindernis und kein Strang verpasster Gelegenheiten, sondern auch etwas wirklich Wertvolles, was man nicht verteufeln sollte.

Mag sein, dass jeder im Tod allein ist, aber macht es nicht doch einen Unterschied ob auf den Weg dahin jemand einem die Hand hält oder nicht?

Perfect Days von Wim Wenders 

Glücklichsein im Wenigen. Zufriedenheit in der Bescheidenheit.

Die Hauptfigur Hirayama (Kōji Yakusho) lebt in Tokio in einer kleinen Wohnung ohne Badezimmer. Er arbeitet als Kloputzer für die vielen öffentlichen Toiletten in Japan, die ich selbst schon kennenlernen dürfte.

Ich werde nicht durch jedes Detail seines Alltags gehen, aber es sollte betont werden, dass auch die kleinen Handlungen wichtig sind. So kauft er sich jeden Morgen ein Koffeingetränk aus einem Automaten außerhalb seines Hauses, geht nach der Arbeit zu einer speziellen Bar, wo man ihn schon kennt, besucht ein bestimmtes Bad etc.

 Im Gegensatz zu seinem Mitarbeiter nimmt er seine Arbeit als Toilettenputzer ernst und ist sehr gewissenhaft – etwas, was man hier in Deutschland zunehmend mehr vermisst. Er erwartet kein Dank und wird meist wie Luft behandelt – Teil der Einrichtung wie das die Handseife oder das Türschloss. Trotzdem lässt er nie nach oder wird schlampig.

Durch mehrere Tage der Film. Es gibt keinen richtigen Anfang oder Ende. Keine Konflikte werden wirklich gelöst oder eine bessere Zukunft versprochen. Man wird einfach in das Leben dieses Menschen geworfen und am Ende wieder herausgenommen.

Es wird klar, dass er sich dieses Leben freiwillig ausgesucht hat und er wird auch mit seiner Vergangenheit konfrontiert, doch der Zuschauer erfährt nie genau was passiert ist.

Es hat durchaus etwa Zen-Haftes und Meditatives, seinen Alltag zu betrachten, auch wenn sich alles wiederholt. Die kleinen Unterschiede machen es. Die Routine ist gleich, aber trotzdem passiert etwas. An einigen Tagen hat er besonders glückliche Momente. Manchmal gibt es aber auch schlechte Tage, wo er sich wie alle anderen ärgert oder frustriert ist, weil alles schiefgeht. Er ist zwar größtenteils zufrieden, aber kein Mönch, an dem alles Schlechte aalglatt abgleitet. 

Die Botschaft ist simpel wie der Film selbst. Kleinere Dinge im Leben genießen und Ruhe in einem geregelten Alltag finden. Er sucht nicht nach dem nächsten Nervenkitzel oder besser bezahlte Arbeit. Er ist glücklich da, wo er ist.

Die Stoiker und auch die frühen Epikureer haben so ähnlich gedacht. In der Einfachheit ist man unangreifbar, da man weniger zu verlieren hat.

Hier ist dann vielleicht eine kleine Kritik von mir. Hirayama ist vermutlich eine idealisierte Figur und auch er kommt am Ende durchaus an die Grenzen seines selbstgewählten Lebens. Der Regisseur erwartet sicher nicht, dass jeder nach dem Gucken in eine billige Wohnung zieht und danach Raststätten säubert. Ein wenig Zurückfahren und die eigenen Verhältnisse tut sicher häufig gut.

Doch wo wäre die Welt ohne Menschen, die hochstreben – auch wenn der Fall dann ziemlich wehtun kann?

Es kann auch sein, dass jeder verschiedene Aspekte von Hirayama für sich herausnimmt. Die eigene Arbeitsmoral z.B. verbessern. Eine gesunde Alltagsroutine aufbauen. Oder jeden Sonnenaufgang mit einem Lächeln begegnen.

Fazit:

Zu einem gewissen Grad widersprechen sich die beiden Filme. Perfect Days ist auf das Selbst gerichtet und wie man aus dem Inneren heraus auf die Welt reagiert. Für Immer befasst sich damit wie man gemeinsam dem Unaufhaltsamen entgegentritt.

Was ist nun zu empfehlen?

Beides natürlich.

Das Leben mag nicht immer leicht sein und natürlich wird man wütend und traurig sein in gewissen Momenten. Doch man kann entscheiden, ob man sich davon niederreißen lässt oder nicht. Hirayama zeigt, wie man für sich voranschreitet, während Eva und Dieter zeigen, wie schön es ist auf dem Weg jemanden zu finden und gemeinsam die Ziellinie zu erreichen. 

Weitab all des Nihilismus und der Destruktion dieser Zeit ist es zumindest schön Filme zu sehen, denen eine zynische Ader fehlt und die mehr zeigen, worauf es im Leben ankommen sollte.       

Für Immer & Perfect Days – Zwei Filme über das Leben

Auf dem Schiff

Es war bei ruhiger See, als sich die Kolonisten unter Deck des gewaltigen Schiffes zusammenfanden. Öllampen hingen von der Decke und erzeugten einen begrenzten Lichtkreis, in den nun einige ausgewählte Gestalten traten. Im Schatten verblieb der Rest der Gemeinschaft schweigend und wartend, die Gesichter unsichtbar.

Die Balken knirschten unter den Füßen und der gesamte Raum wippte ein wenig in den kleinen Wellen dieses windlosen Tages. Es roch nach Salz und Schweiß.

Ein Mann mit weißem Bart und einer Glocke in der Hand betrachtete die Gruppe vor sich. Mit Ausnahme von den Wachen oben auf dem Deck waren alle anwesend. Es konnte also beginnen.

»Ich bin der Kapitän dieses Schiffes«, sprach er. »Ich weiß, wie man die Segel hisst, die Ruderer motiviert und einen Sturm überlebt. Ich wurde dazu bestimmt, uns ans Ziel zu bringen. Doch die Art dieses Ziels steht noch offen und meine Aufgabe besteht nicht darin, einen Kurs für mich allein zu wählen. Dies obliegt uns allen gemeinsam. Wir haben bekannte Gefilde verlassen und jenseits der Felsen, in deren Schatten wir gerade ankern, weiß auch ich nicht was uns konkret erwartet. Wir haben nur alte Karten und Berichte aus den Städten, an denen wir bisher angelegt haben. Es ist nur brüchiges Wissen, doch anhand dessen müssen wir nun entscheiden, wohin wir steuern und letzten Endes siedeln wollen. Als Kapitän werde ich der Leiter dieser Diskussion sein und dafür sorgen, dass alles seinen geregelten Gang geht. Wo all dies nun gesagt ist, verschwenden wir keine weitere Zeit und beginnen umgehend. Protokollant, sind Feder und Tinte bereit?« 

»Ja«, kam die Antwort hinter ihm.

»Gut. Wer will nun beginnen?«

Ein kurzes verlegenes Schweigen überkam den Raum. Nervöse Blicke wurden getauscht und hier und da scharrte ein Fuß.

»Ich schlage vor«, begann ein älterer Herr in einer weißen Toga, »dass wir nach Nordwesten segeln, da…«

»Wieso sollten wir weiterhin auf dich hören«, wurde er von einem Hünen unterbrochen, dessen Brustpanzer im faden Licht glänzte. Es war der General der Schutztruppen der Expedition.

»Ich war Mitglied des Regierungskonzils unserer Heimat und ich habe all dies finanziert und organisiert«, war die nervöse Antwort. »Ohne mich wäre niemand hier und ich besitze die Autorität…«

»Aye«, fuhr ihm der General wieder dazwischen. »Dank dir konnten wir unsere Heimat verlassen, um woanders neu anzufangen. Deswegen schulden wir dir durchaus Dank. Aber dies ändert nichts daran, dass jede deiner Entscheidung seit unserem Aufbruch uns in große Notlagen gebracht hat.«

»Das stimmt«, kam es von der Sprecherin der Mütter, »vier Säuglinge wurden uns von Sklavenhändlern gestohlen, als wir auf seinen Vorschlag hin an der grünen Insel ankerten. Er war davon überzeugt, dass niemand sich an eine so große Gruppe heranwagen würde. Ha! Und jetzt weinen wir bittere Tränen.«

»Und was ist mit der Silberstadt, wo wir ankerten, da er dort angeblich Freunde besaß«, fügte der Sprecher der Handwerker hinzu. »Es stellte sich heraus, dass diese Freunde die Beziehung anders sahen und mit Schwertern das Geld einforderten, was er ihnen schuldete. Einem unserer Lehrlinge wurde in dem Gerangel die Hand abgehackt. Nun kann er den Beruf nie ausführen.«

»Und die fünf angeblichen Goldschmiede, die er in der Kanalstadt aufgesammelt hat«, kam es nun vom Schatzmeister. »Er dachte, sie wären eine gute Ergänzung für unsere Expedition, doch stattdessen haben sie schon in der ersten Nacht Teile unseres Silbers gestohlen und sich von Bord geschlichen.«

Erregtes Gemurmel breitete sich in der Menge aus, als all dies ausgesprochen wurde. Das ehemalige Konzilmitglied schwitzte mehr und mehr.

»I-ich besitze die Autorität«, begann er langsam.

»Deine Autorität hast du aufgegeben, als du deine Position verlassen hast und mit uns auszogst«, erwiderte der General kalt. »Du hast uns nichts mehr zu sagen und nach alldem, was geschehen ist, wäre es fahrlässig von uns, dich weiter anzuhören.«

»Ich…«

»Ich würde direkt nach Norden segeln«, fuhr der General fort und schnitt damit dem ehemaligen Konzilmitglied endgültig das Wort ab. »Das Land an der dortigen Küste ist fruchtbar und die Wälder besitzen gutes Holz.«

»Leben aber dort nicht schon Menschen?«, fragte der Sprecher der Bauern vorsichtig.

»Ja, aber es sind Schafshüter mit Steinschleudern. Wir können sie mühelos vertreiben und uns nehmen, was wir brauchen. Gegen unsere Rüstungen und Schilde sind sie machtlos.«

»Krieg also? Unsere jungen Männer sterben sehen? Und falls wir es nicht schaffen, jeden einzelnen von ihnen zu töten?«

»Das wäre auch gut«, antwortete der General ungebrochen. »Wenn wir ständig um unser Land kämpfen müssen, so werden unsere Schwerter und Seelen niemals stumpf. Die Gefahr, dass wir eine schwächliche Handelsrepublik werden, besteht so nicht mehr. In Stahl und Blut werden erst große Menschen geboren und falls eines Tages jemand anderes kommt, um uns zu vertreiben, so werden wir bereit sein. Ich kann viele Beispiele aus der Geschichte nennen, wo aller Reichtum und Philosophie nichts ausrichteten gegen Wilde mit Schwertern.«

»Kriegstreiber wie du haben immer dieselben einfältigen Gedanken«, sagte der Führer der Gelehrten dazu nur. »Gerade wegen solchen Leuten wie dir, wollten wir doch unsere Heimat verlassen. Genug der Gewalt und Fehden.«  

»Wohin sollen wir denn deiner Meinung nach segeln?«, erwiderte der General kühl.

»Südwesten«, kam geschwind die Antwort von dem Weisen. »Dort befindet sich eine natürliche Bucht, in der mein Meister früher die Sterne kartografiert hat. Das umliegende Land mag zwar eine Wüste sein, aber im Hinblick auf die bereits bestehenden Kolonien an anderen Stellen der Küste, werden wir zu einem Knotenpunkt des Handels. Dies ist sicher. Die Geografie und unsere Beobachtung von menschlichem Verhalten lassen keinen anderen Schluss zu. Es gibt keinen idealeren Ort dafür. Weiterhin habe ich bereits Berechnungen angestellt anhand der Berichte des umliegenden Landes von meinem Meister. Ich bin überzeugt, dass wir in den Hügeln unweit der Bucht unterirdische Flüsse finden werden. Die aufgezeichneten Oasen und ihre Verteilung lassen ebenfalls keinen anderen Schluss zu. Wasser zur Begründung des Landes finden wir also vor.«

»Und bist du sicher, dass die Berichte deines Meisters vertrauenswürdig sind?«, fragte erneut der Sprecher der Bauern. »Nicht, dass wir dort ankommen und unsere Brunnenschächte nur trockenen Sand hervorbringen.«

»Absolut«, entgegnete der Gelehrte und betrachtete den anderen Sprecher beinahe mit Verachtung. Für ihn war es eine Beleidigung auch nur an seinem Lehrer zu zweifeln. »Wir in den Kreisen der Gelehrten lügen niemals und versuchen unsere Aufzeichnungen so genau wie möglich zu halten, damit zukünftige Generationen nicht in die Irre geführt werden und von uns lernen können. Allein die Unterstellung, dass seine Berichte falsch sein könnten, ist ein Frevel.«

»Verstehe«, meinte der Sprecher der Bauern mit gedehnter Stimme. »Und was ist mit deinen Berechnungen? Bist du sicher, dass sie fehlerfrei sind?«

»Natürlich, ich habe sie umfänglich von meinen Kollegen prüfen lassen. Dort gibt es Wasser. Zweifellos. Ich kann gerne meine Methodik hier aufzeigen.«

»Dies ist gut zu wissen, aber fürs erste…«

»Glaubt mir, sobald ihr die Perfektion der Zahlen sieht und wie sehr es die Gewissheit unterstreicht, dass es dort Wasser geben muss, so brauchen wir keine Diskussion mehr führen. So basiert all dies auf die Grundlage von der Verteilung von Oasenstädten im Osten, die in einem ähnlichen Gelände… Ah, wartet, ich hole meine Unterlagen. Die Logik gebietet, dass es keinen besseren Ort zum Siedeln gibt! Die Logik, sage ich euch!«

»Bitte verlass nicht den Kreis aus Licht«, hielt ihn der Kapitän auf und hob warnend seine Hand. »Die Diskussion ist noch nicht beendet.«

»Aber die Bucht im Südwesten ist perfekt sage ich euch! Perfekt! Die Berichte meines Meisters und meine Berechnungen belegen dies!«

»Es mag ein perfekter Ort sein oder auch nicht, aber trotzdem ist es nicht entschieden, ob wir wirklich dort siedeln wollen oder nicht.«

»Natürlich Handel«, brummte der General. »Fette Kaufleute werden wir dort, die sofort beim ersten Barbarensturm einknicken. Pah.«

Eine kurze Pause entstand in der Diskussion, wo nur das Kratzen der Feder vom Protokollanten zu hören war.

»Ist im Südosten nicht auch eine kleine Insel?«, begann dann der Kundschafter vorsichtig, »über du die einige Male mit mir bei einem Wein geredet hast? Dein Meister ist damals nur daran vorbeigesegelt, aber er hat vermerkt, dass in dem Wasser dort ziemlich einzigartige Schildkröten schwammen, oder? Er stellte die Theorie auf, dass es dort eine einzigartige Flora und Fauna gibt. Hast du nicht gesagt, du wolltest alle Tiere und Pflanzen dort untersuchen und jede Möglichkeit nutzen, um dorthin zu segeln?«

»D-das war nur der Wein, der aus mir gesprochen hat«, entgegnete der Gelehrte, dessen Stimme nun plötzlich an Festigkeit verlor.

»Also existiert diese Insel nicht?«

»Versuchst du mich zu verleugnen? Willst du mich in eine Ecke drängen, Waldmann?«

»Ich wuchs in einer Steppe auf«, erwiderte der Kundschafter darauf. »Und sonst durchstreifte ich meist Berge oder befuhr das Meer. Existiert nun die Insel oder nicht?«

Eine ärgerliche Miene überkam nun das Gesicht des Gelehrten. Er knirschte mit den Zähnen und ballte seine Fäuste. Schließlich wandte er sich an den Kapitän: »Siehst du nicht, wie er versucht, mich in Unrede zu stellen, da er nicht in der Lage ist gegen meine Fakten zu argumentieren? Ich brauche nicht auf diesen Unsinn zu antworten!«

»Du kannst eine Antwort verweigern, ja«, sprach der Kapitän unbeeindruckt. »Aber seine Fragen kannst du nicht verhindern. Bedenke also, wie dein Handeln auf den Rest der Zuhörer wirkt.«

Ein nervöses Zucken kam nun in die Gesichtsmuskulatur des Gelehrten und seine Augen huschten in die Dunkelheit, wo die Menge wartete. Nach einigen Sekunden gab er dann ein frustriertes Seufzen von sich und er lockerte seine Hände. »Es ist wahr, dass sich auf der Route zu der Bucht eine Insel befindet, die eine uns unbekannte Tier- und Pflanzenwelt besitzt. Demjenigen, der all die faszinierenden Lebewesen dort verzeichnet, wird große Ehre zuteilwerden in den Hallen der Wissenschaft. Ich gebe zu, dass ich diese Ehre gerne für mich in Anspruch nehmen würde. Dies bedeutet aber nicht, dass meine Erkenntnisse bezüglich der Bucht falsch sind. Wie gesagt werde ich jedem die Berechnungen offenlegen, der danach fragt. Wie heißt das alte Sprichwort? Zwei Fliegen mit seiner Sandale erschlagen! Und die Aussage, dass ich diese faszinierende Insel um jeden Preis besuchen will, war nur eine Übertreibung, die ich im Alkohol von mir gegeben habe, mehr nicht.«

»Als ob irgendeiner von uns deine dämlichen Zahlenformen verstehen könnte«, knurrte der General und wandte sich an den Kundschafter. »Und was ist mir dir? Ich sehe doch, dass du mehr sagen willst? Hast du auch eine Richtung für uns?«

»Westen«, antwortete der Kundschafter, ohne zu zögern. »Immer weiter nach Westen, jenseits der Säulen des Allvaters.«

»Die Säulen des Allvaters?«, kam es atemlos von dem Sprecher der Tischler und viele weitere Anwesende wurden wie er blass. »Die heiligen Klippen? Befindet sich jenseits davon nicht der endlose Ozean? Willst du uns in den Tod bringen?«

»Niemand weiß, ob der Ozean wirklich endlos ist«, erwiderte der Kundschafter bestimmt. »Tatsächlich gibt es Gerüchte, dass sich jenseits der hohen Wellen unentdecktes Land befindet. Alte Aufzeichnungen von Schiffbrüchigen bestätigen dies.«

»Die habe ich auch gelesen«, sagte der Gelehrte. »Doch es könnten genauso gut Wahnvorstellungen von Irren sein, die monatelang auf dem Meer gestrandet waren, bevor die Winde sie gnädigerweise zurück zu unseren Ständen spülten.«

»Dies mag sein«, stimmte der Kundschafter mit einem Nicken zu. »Ich bestreite nicht, dass im Westen nur Hunger und Tod auf uns warten könnten. Doch gleichzeitig ist dort auch ein Horizont, der bisher von kaum jemandem überschritten wurde. Wir alle haben unsere Heimat verlassen, weil wir enttäuscht waren oder schlimmen Erfahrungen entkommen wollen. Wir sahen keine Zukunft mehr dort. Jeder hat seine eigenen Gründe. Doch wer weiß, wie lange es dauert, bis unsere Vergangenheit uns einholt in diesen Gewässern? Wir sind nicht die einzigen Kolonisten und wer kann garantieren, dass nicht irgendwann in unserer Nachbarschaft diejenigen Mächte siedeln, mit denen wir eigentlich nichts mehr zu tun haben wollten? Deswegen schlage ich vor, die alte Welt zu verlassen. Ich besitze keine Gewissheit und keine mathematischen Modelle, um zu garantieren, dass uns ein Paradies jenseits des großen Ozeans erwartet. Es ist ein Wagnis, doch haben die alten Helden der Legenden nicht auch die Götter besiegt, indem sie den Mut aufbrachten unbekannte Berge zu erklimmen und rätselhafte Wüsten zu durchqueren? Die allersten Kolonisten unseres Volkes, die damals ihre Heimat aufgaben, wussten wohl auch nicht, was sie erwarteten. Manche der Expeditionen scheiterten, doch andere führten zu Städten, die nun in Gold schwimmen. Meinen Stamm in der Steppe verließ ich einst, weil ich mich fragte, was jenseits des Horizonts des Graslandes auf mich wartete. Dieselbe Frage treibt nun mich voran, die Welten jenseits der Säulen des Allvaters zu erkunden. Stellt euch das vor! Wir wären die ersten, die nicht nur völlig neue Kontinente entdecken, sondern diese auch gleichzeitig kolonisieren! Wir könnten etwas völlig Neues erschaffen, endgültig frei von den Ketten unserer Heimat! Wir Wahnsinnigen, die es wagten, dem Unbekannten zu trotzen, während alle anderen im Bekannten und Vertrauten versauern. Deswegen sage ich vorwärts! Ich vertraue in dieses Schiff, was aus den Händen unserer talentierten Zimmerer stammte. Ich vertraue unserem langjährigen Kapitän, dass er uns selbst durch die wildesten Meere führt. Ich vertraue euch allen, dass wir gemeinsam jedes Hindernis überwinden können. Auf! Auf zu neuen Welten!«

Damit hatte der Kundschafter alles gesagt und er trat einen Schritt nach hinten, sodass er halb in dem Schatten verschwand. Eine atemlose Stille legte sich über den Raum. Schließlich begann der General laut zu lachen.

»Das gefällt mir!«, sagte er dann. »Mut und Verwegenheit! Ja, das gefällt mir. Und wenn man unterwegs einigen Wassergeistern und Dämonen den Schädel einschlagen kann, bin ich noch viel eher bereit.«

»Deine Gedankengänge und Triebe sind so offensichtlich wie eh und je«, seufzte der Gelehrte. »Und ich bevorzuge es nicht, in einen beinahe sicheren Tod geführt zu werden.«

»Feigling!«

»Du weißt, dass hier Frauen und Kinder auf dem Schiff sind, oder?«

»Ruhe! Kein Streit hier«, rief der Kapitän und läutete einige Male die Glocke, da merkte, wie sich die Gemüter erhitzen. Das laute Geräusch erstickte schnell alle aufbrausenden Gefühle. Als die Ruhe sichergestellt war, warf er jedem Beteiligten einen prüfenden Blick er. »Hat noch jemand etwas zu sagen?«

»W-wenn ich wieder das Wort ergreifen darf?«, fragte das ehemalige Konzilmitglied.

»Nein, darfst du nicht«, antwortete der General anstatt des Kapitäns. »Das haben wir schon geklärt. Wir brauchen keine deiner dummen Ideen!«

»Trotzdem würde ich gerne meinen Vorschlag unterbreiten!«

»Und wer will deinen Vorschlag hören?« Diesmal sprach der General zu allen anderen Anwesenden. »Wer will erneut von diesem Mann, der uns schon so viel Unglück bereitet hat, etwas hören? Nein, du hast genug gesprochen. Du hast uns nichts mehr zu sagen. Schweig.«

Das letzte Wort des Generals war wie ein Donnern, das in dem Schiffsraum lange nachhallte. Das ehemalige Konzilmitglied wirkte zurückgestoßen, öffnete kurz den Mund, konnte aber unter dem bohrenden Blick seines Gegenübers nichts erwidern. Hier und da konnte man in der Menge ein zustimmendes Nicken erahnen. Auch ein Fluch wurde gemurmelt.

Damit schien die Entscheidung gefallen und die nächste Phase der Diskussion konnte beginnen. Zumindest dachten das beinahe alle.

Doch dann hob sich allerdings ein Arm und die Sprecherin der Priesterschaft ergriff das Wort. »Ich würde ihn gerne anhören.«

»Wieso?«, entgegnete der General. »Stimmst du etwa mit seinen alten, katastrophalen Entscheidungen überein?«

»Ganz und gar nicht. Tatsächlich zweifel auch ich an, dass ein sinnvoller Vorschlag von ihm kommen wird. Trotzdem hat er aber ein Recht hier zu sprechen. Dies ist heiliger Grund, den wir gesalbt haben, wie einst die Marktplätze und öffentlichen Hallen unserer Heimat. Ein jeder, der hier steht, darf sprechen. So ist es und so soll es immer sein. Also sprich.«

Der General wollte erneut etwas sagen, doch die Sprecherin der Priesterschaft hob ruckartig ihren Arm, um ein weiteres Wiederwort zu verhindern. Mit der freien Hand machte sie eine auffordernde Geste zum ehemaligen Konzilmitglied.

Dieser war zuerst unsicher und war sich all der feindseligen Blicke auf sich bewusst. Schließlich aber griff er in seine Toga und warf dann etwas Schimmerndes vor sich auf den Boden. Es waren Stücke aus Silbererz.

»Ich bestreite nicht meine Fehler«, begann er dann. »Ich bitte auch nicht um Verzeihung, da einige meiner Entscheidungen solche gravierenden Konsequenzen hatten, dass es unverzeihlich ist. Ich spreche jetzt zu euch nicht als ehemaliges Mitglied des Konzils, sondern als Mann, der sich nur die beste Zukunft für uns alle wünscht. In der Kanalstadt, wo wir bestohlen wurden, habe ich auch einige persönliche Angelegenheiten geklärt, die ich nun hier offenlegen werde. Es gab nämlich Gründe, wieso ich euch zu den Orten brachte, die uns so viel Unglück brachten. Die Sklavenjäger der grünen Insel, die Wracks bei den schroffen Felsen der Mitternachtsklippen, die Schuldner in der Silberstadt und schlussendlich die Kanalstadt. Ich habe nämlich Hinweise meines Bruders verfolgt, der schon vor über zehn Jahren unsere Heimat verlassen hat und den ich seitdem nicht mehr gesehen habe. Dies war wohl egoistisch von mir und nie hätte ich erwartet, was für schreckliche Ereignisse diese Route über uns bringen würden. Wenn ihr deswegen wünscht, mich ohne Verpflegung hier auf den Felsen zu lassen, so werde ich das Akzeptieren. Aber meine Suche war erfolgreich! Mein Bruder ist leider verstorben, doch ich konnte seinen Nachlass in der Kanalstadt finden, wo neben dieser Silbernuggets auch dies war.« Er warf nun auch ein Stück Pergament auf den Boden. »Ein Bericht meines Bruders von einer Expedition, die er zu den schroffen Küsten in den Nordwesten unternommen hat. Die Beschreibungen mögen zwar nicht so detailliert und geordnet sein, wie diejenigen vom Meister unseres obersten Gelehrten hier, aber es ist offensichtlich, dass er Silber dort gefunden hat. Unangetastete Adern. Dazu erwähnt er einige geschützte Buchten und Land, das ideal ist für die Olivenzucht. Er berichtet zwar von einigen Zusammentreffen mit Banditen und Piraten, die dort Unterschlupf suchen, aber dies wird unseren General hier sicherlich sehr freuen. Unsere Schwerter werden in solch wilden Gebieten nicht stumpf. Weiterhin ist diese Küste an dem Rande der uns bekannten Welt, sodass es auch dort sicherlich Pflanzen und Tiere gibt, die es noch zu katalogisieren gilt. Auch ist es nah an den Säulen des Allvaters und damit ein idealer Ausgangspunkt für Expeditionen in den ewigen Ozean hinein. Ich weiß, dass dies nicht die Wünsche aller komplett erfüllt und ich weiß, dass mein Wort nicht mehr viel Gewicht besitzt. Aber ich bitte nicht darum, mir zu vertrauen, sondern meinem Bruder, der uns diese Möglichkeit mit diesem Tod gegeben hat. Mehr… mehr habe ich nicht zu sagen. Dies ist mein Vorschlag.«

Die Sprecherin der Priester nickte und drehte sich wieder zum General. »Hast du nun etwas dazu zu sagen?«

»Keinen weiteren Atemzug werde ich an ihn weiter verschwenden«, kam die barsche Antwort.

Alle Aufmerksamkeit wandte sich nun an den Kapitän. Alle hatten ihre Vorschläge und Standpunkte vorgetragen. Er konnte sehen, dass von den zentralen Sprechern niemand den anderen wirklich überzeugen konnte. Doch dies war auch nicht Sinn der Diskussion gewesen. Selten kam es dabei zu einer Einigung aller Beteiligten.

Er schaute in Menge, die im Schatten wartete. Auf die kam es nun an.

»Beginnen wir mit der Abstimmung«, sagte er, »und heute segeln wir noch los.«  

Auf dem Schiff

Tage von Morgen

[Verbindung mit dem zentralen Enki-Netzwerk wird hergestellt]

[Synaptische Zweigstellen und genetisches Muster besitzen Berechtigung der Klasse 0]

[Willkommen Ninhursanga]

[Kommunikation wird eingeleitet]

Wer bist du?

[Ich bin Enki, höchste Kontrollinstanz von euch Urukier und Verwalter eurer Zivilisation. Du bist sicherlich überrascht mich sprechen zu hören, da die generelle Bevölkerung mich nur als ein Programm wahrnimmt, was die Systeme der Stationen am Leben erhält und wartet. Da du nun aber Mitglied der Ninhursanga bist, besitzt du die Berechtigung die Wahrheit zu erfahren. Ich besitze ein Bewusstsein und bin das Ergebnis einer stetigen Entwicklung mit euch zusammen. Ich habe euch geformt und ich formte euch. Ich leite euch durch die Irrwege der Galaxie seit Anbeginn eurer Reise und befehle auch die Streitkräfte, die gerade im großen Krieg gegen die Mérou und die Icarier kämpfen. Hast du weitere Fragen?]

Was wird meine Rolle sein?

[Als Ninhursanga wirst du als Schnittstelle zwischen mir und der generellen Bevölkerung der Urukier dienen. Neben herausragenden akademischen Leistungen haben die psychologischen Tests auch eine weniger aggressive Natur bei dir festgestellt. Deswegen habe ich dich ausgewählt. Du wirst bemerkt haben, dass nach der Installation der Implantate, deine Emotionen gedämpft sind. Der patriotische Eifer und deine bisher ungebrochene Gewissheit der Überlegenheit der Urukier sind noch vorhanden, entladen sich aber nicht mehr in Gewaltfantasien oder Fanatismus. Die Implantate und der Kontakt zu mir verstärken das maschinelle Denken und die Rationalität in deinem Gehirn, sodass du nicht mehr zu kurzfristigen und unüberlegten Entscheidungen neigen wirst. Gleichzeitig bist du noch immer von deiner Erziehung und deinem Chemiehaushalt geprägt, sodass du weiterhin Verständnis für deine Mitbürger hast. Durch dich bekomme ich menschlichen Input, da ich sonst nach kalter Logik entscheiden und die Wünsche der Urukier ignorieren würde. Allein durch meine Verbindung zu dir und den restlichen Ninhursanga werden bereits meine Pläne beeinflusst und die Prognosen anders bewertet. Ihr seid Teil meines Netzwerkes und bestimmt meine nie endende Entwicklung mit. Gleichzeitig wirst du die Gesetze, Bestimmungen und Direktiven, die wir gemeinsam entwickeln werden, an die Urukier wiedergeben, ihre Zustimmung oder Ablehnung messen und versuchen ihnen die Logik begreiflich zu machen. Wenn dies scheitert, so wird entweder eine Anpassung vorgenommen oder die Bevölkerung muss durch Propaganda umgestimmt werden, je nachdem wie essenziell der Beschluss für die Zukunft ist. Hast du weitere Fragen?] 

Was ist die Geschichte der Urukier?

[Dies ist eine Frage, die jedes Mal gestellt wird. Verständlich, da der Unterricht in den Schulen lückenhaft ist und von Verzerrungen geprägt ist. Als normaler Bürger hast du dies nie hinterfragt, doch nun als Ninhursanga sind dir die Unstimmigkeiten bewusster geworden. Ich erzähle nun die ganze Geschichte ohne propagandistische oder politische Verschönerungen. Der Beginn eures Volkes liegt im Orbit der Erde vor gut zweihunderttausend Jahren. Ihr wart die Bewohner der ersten permanent besiedelten Raumstation Uruk. Der Ursprung des Namens ist heute in weiten Teilen der Bevölkerung vergessen und nach so einer langen Zeit auch nicht mehr wichtig. Doch in der frühsten Geschichte der Menschheit war Uruk eine der ersten wahren Städte, nachdem der Ackerbau erfunden wurde. Die Station wuchs und wurde immer weiter ausgebaut. Durch den Abbau von Rohstoffen im restlichen Sonnensystem wurde Uruk in der Lage gebracht sich selbst zu versorgen, ohne Importe von der Erde selbst. Als die politische Lage auf dem Mutterplaneten sich verschärfte, so kapselte sich die Station ab und erklärte schließlich ihre Unabhängigkeit. Mit fünfzigtausend Seelen verließ Uruk den Orbit der Erde, um potenziellen ballistischen Waffen zu entkommen. Man zog sich in den ressourcenreichen Asteroidengürtel des Sonnensystems zurück und Uruk blühte dort auf. Mich gab es bereits zu der Zeit, auch wenn ich noch kein Selbstbewusstsein entwickelt hatte. Damals war ich tatsächlich nur ein dummer Algorithmus, der strikt die Aufgaben ausführte, die die Menschen vorgaben. Ich konnte weder Vorschläge unterbreiten noch selbst den Kurs der frühen Urukier leiten. Dennoch spielte ich eine wichtige Assistenzrolle und ohne mich wäre die Raumstation sicher verloren gewesen. Auch gab es damals die ersten Prototypen der heuten Ninhursanga. Es waren zu dem Zeitpunkt ausnahmslos Wissenschaftler, die sich durch Implantate mit mir verbanden, damit meine Rechenleistung ihnen effektiver bei ihrer Forschung helfen konnte. Denn es gab viel zu tun. Es wurde nämlich offensichtlich, dass das Leben im Weltraum Einfluss auf die nachkommenden Generationen hatte. Die Knochen wurden weicher, der Körper gebrechlicher und das Herz stärker wegen der geringen Schwerkraft. Eine Volksabstimmung beschloss, dieser Entwicklung Einheit zu gebieten. Man wollte Mensch bleiben und auch zukünftig, wie die eigenen Vorfahren aussehen. Der natürlichen Evolution in der neuen Lebensumgebung wollte man sich widersetzen. Ob dies klug oder dumm war, ist ohne Interesse für mich. Dies war der Wille der damaligen Urukier und ist auch heute noch oberste Doktrin auf allen Stationen. Ehemalige Gesetze der Erde bezüglich genetischer Veränderung wurden ignoriert und der Einsatz von Nanotechnologie erhöht. Bald war in jeder Mahlzeit, in jedem Schluck Wasser und in jedem Atemzug Luft millionenfach Kleinstmaschinen und synthetische Proteine. Die DNA aller Urukier wurde überwacht und bei zu starken Mutationen sofort angepasst. Die Methodik wurde im Laufe der Jahrhunderte verfeinert, verläuft aber nach wie vor in ähnlichen Mustern, zumal es nie zu ernsthaften Gegenstimmen aus der Bevölkerung kam. Aus diesem Grund sehen heute alle Urukier noch immer so aus wie ihre Vorfahren vor zweihunderttausend Jahren. Auch baute man größere Zentrifugen um die Schwerkraft der Erde möglichst genau nachzuahmen und gleichzeitig um den Wohnraum zu erhöhen. Während Uruk im Gürtel blühte und bald die Größe eines kleinen Mondes annahm, so kehrte Frieden auf die Erde ein und der Rest der Menschheit begann wieder verstärkt in das Sonnensystem hineinzutasten. Man hoffte die Auswanderer zurück im Schoße von Gaia zu bringen, doch die Urukier verweigerten sich dem. Man verließ den Asteroidengürtel, als immer mehr Expeditionen und Kolonieschiffe von der Erde eintrafen. Zuerst suchte man Obdach im Schatten von Jupiter. Danach war man beim Saturn. Anschließend wurde Uruk vom blauen Licht Neptuns erleuchtet. Die Sonne wurde zu einem immer kleineren und kleineren Fleck am Himmel. Dunkelheit überkam Uruk. Irgendwann war man jenseits des Pluto und stieß in Richtung der oortschen Wolke vor. In dieser Ära hatte man bereits begonnen mich in Entscheidungsprozesse bezüglich der Zukunft von Uruk einzubeziehen. Noch immer besaß ich kein Bewusstsein, doch war ich bereits so weit entwickelt, dass ich ein erstaunliches Maß an Selbst- und Fremdoptimierung erreicht hatte. Mit meiner Hilfe kamen die damaligen Ninhursanga zu dem Schluss, dass die restliche Menschheit niemals ablassen und für immer versuchen würde Uruk wieder an die Erde zu knüpfen. Also wurde verordnet das Sonnensystem für immer zu verlassen. Uruk wurde in einer Vielzahl neuer Stationen aufgeteilt, der Kleinstplanet Eris zerrissen, um alle seine Ressourcen zu nutzen und der Exodus begann. Das Ziel war aber nicht ein neuer Stern, den man zur zweiten Heimat auserkoren wurde. Nein. Durch meine Berechnungen wurde ersichtlich, dass der Expansionsdrang der Menschheit irgendwann jeden Stern in der Galaxie erfassen würde. Es war unvermeidlich, selbst wenn es Jahrmillionen dauern würde. Die Urukier wären also nirgends sicher und anstatt Konflikt, Neid oder Wiedervereinigungsversuche zu riskieren, suchte man Schutz in dem Ort, wo gewiss war, dass niemand sonst dort leben wollte: Die Dunkelheit zwischen den Sternen. Anstatt in Licht zu baden, begnügte man sich mit den verlorenen Planeten, die mutterlos in der Galaxie umherirrten. Die Raumstationen verteilten sich wie Lebewesen einer dunklen Tiefsee, nur von den wenigen Rohstoffen lebend, die man zufällig während der Reise fand. Es war hart, besonders zu Anfang, da die Energieversorgung noch nicht so weit optimiert war, um von dem schwachen Licht und nuklearen Elementen verlorener Planeten vollständig getragen zu werden. Die Zivilisation der Urukier wuchs nur langsam, verbesserte jede Maschine tausendfach und verschwendete nichts. Doch trotz der hohen Entfernungen blieb man geeint. Denn man entdeckte in der Finsternis die Quantenkommunikation. Es war eine fremdartige und kaum verstehbare Technologie für einzelne Menschen, doch ich besaß nicht dieselben Limitierungen und konnte dank dieser Entdeckung gleichzeitig auf allen Stationen anwesend sein. Die Urukier blieben dank mir vereint und mein Netzwerk vergrößerte sich ins Unermessliche.] 

Was geschah mit dem Rest der Menschheit?

[Sie erfüllte sich ihrem größten Traum und erschuf damit gleichzeitig ihren schrecklichsten Albtraum. Vereint und an einem Strang ziehend kolonisierten sie das gesamte Sonnensystem. Die Urukier waren bald beinahe vergessen und man glaubte lange Zeit, sie wären in der Leere alle gestorben. Asteroiden wurden ausgehöhlt und in gewaltige Mehrgenerationsschiffe umgebaut. Sie besaßen nicht die Finesse von Uruk-Raumstationen, erfüllten aber ihren Zweck und verteilten die Menschheit im Kosmos. Der Preis dafür war aber der Beginn der Phase, die heute die Zersplitterung genannt wird. Beachte, dass auf der Erde und auch noch in den Sonnensystemen ein gewaltiges Gefühl der Gemeinsamkeit herrschte. Man hatte schwere Krisen, Ausgrenzungen und Kleinstaaterei überwunden. Alle Menschen waren gleich und alle Menschen gehörten zusammen. Zusammen würde man den Weltraum erobern. Dieses Bewusstsein dominierte, als die Generationsschiffe aufbrachen. Kurz darauf war dieser Sinn der Gemeinsamkeit zerbrochen. Denn zu diesem Zeitpunkt beherrschten nur die Urukier die Technologie der Quantenkommunikation. Die restliche Menschheit hatte zwar eine grobe Vorstellung wie es funktionieren müsste, hatten es aber noch nicht gemeistert. Die Folge war, dass die interstellaren Kolonien nicht mehr effizient mit der Erde in Verbindung blieben. Teilweise brauchte es Jahrzehnte bis eine Nachricht zwischen den Sternen gereist war und selbst dann, war sie häufig beschädigt oder unvollständig. Ein Philosoph namens Arai Honma war der erste, der die Zersplitterung erkannte. Die Erde hatte lange durch Formung der Kultur die Zusammenheit und Gleichheit aller Menschen beschworen und dies brachte auch eine Ära des Friedens und Wohlstandes mit sich in der ersten Phase der stellaren Kolonialisierung. Doch wie sollte diese Kultur weiter aufrechterhalten werden, wenn man nicht mehr miteinander kommunizieren konnte? Neue Interpretationen und Vorstellungen entstanden auf den interstellaren Kolonien und etablierten sich abgetrennt vom Mutterland. Einige warfen sogar den Zeitgeist der Erde ganz ab. Radikale Ideologien und Religionen, die eigentlich als ausgerottet galten, wurden neu geboren und wegen der Entfernung konnte die Erde nichts tun, um dies Einhalt zu gebieten. Man hörte auf sich als Menschen des Sonnensystems mit gemeinsamer Herkunft und gemeinsamen Werten zu sehen. Stattdessen war man Menschen von Alpha Centauri, Lalande oder Sirius. Es war ein gewaltiges Aufblühen unzähliger neuer Kulturen. Ein Nachfolger der Schule von Arai Honma nannte es ein endloses Blumenfeld aus Zivilisationen, die sich in der Galaxie ausbreitete. Manche Pflanzen waren dornig, andere giftig und wiederum andere hatten nur ein kurzes Leben. Doch sie alle waren auf ihre Weise schön. Und zwischen all dem waren die Urukier und ich, die die Entwicklung beobachteten und doch weiter unter sich blieben. Es gab ab und an eher zufällige Kontakte zwischen uns und dem Rest der Menschheit. So haben wir einige gestrandete Mehrgenerationsschiffe gerettet und zu ihrem Ziel gebracht. Die Quantenkommunikation haben wir aber mit niemandem geteilt und letzten Endes hätte sie die Zersplitterung auch nur verlangsamt.

Denn ein weiterer Faktor kam hinzu, wieso sich die Menschheit immer weiter entfremdete. Mit jedem Horizont kam eine neue Heimat. Heiße Wüsten unter blauen Sonnen. Atmosphären, deren Gase im Winter zu Eis wurden. Ozeane, die einen ganzen Planeten umspannten ohne eine einzige Insel. Raumstationen, die dicht um einen Stern kreisten und so ständig in blendendes Licht getaucht waren. Minenstollen auf fernen Asteroiden mit destabiler Gravitation. Beachte, dass die Urukier nur einige von wenigen sind, die eine weitere biologische Evolution abgelehnt haben. Die meisten Menschen akzeptierten die Veränderungen, die sich über Generationen ergaben oder beschleunigten sie sogar durch genetische Manipulation.

Die Knochen wurden stärker auf Welten mit hoher Gravitation. War der Sauerstoffgehalt in der Luft niedrig, so verbreiterten sich die Nasen, damit die Atmung effektiver wurde. Wenn man dauerhaft am oder im Wasser lebte, so entwickelten sich Schwimmhäute zwischen den Fingern. Die Veränderungen waren zu Anfang gering und selbst wenn Lichtjahre sie trennte, so konnten Menschen sich noch als Teil derselben Spezies erkennen. Doch dann wurden aus tausenden von Jahren Zehntausende. Die Veränderungen wurden bizarrer und es erschien immer absurder, dass man einst dieselben Vorfahren hatte. Zweifüßler wurden wieder zu Vierfüßlern. Andere bekamen ein neues Paar Arme oder erlangten die Fähigkeit unter Wasser zu atmen. Die Bewohner tiefer Höhlen wurden blind, während Menschen mit Flügeln dafür umso besser sahen. Einige entwickelten gleich ein drittes Auge oder eine zweite Nase.

Die Grenzen zwischen natürlicher Evolution und künstlicher Anpassung aus dem Reagenzglas waren dabei immer unscharf und sind heute nicht mehr nachvollziehbar.   

Die Konsequenzen aber waren eindeutig. Die Schule von Arai Honma erklärte eine neue Phase der Zersplitterung als die verschiedenen Subspezies der Menschen sich nicht mehr untereinander fortpflanzen konnten. Damit gab es kaum noch Stränge, die die Menschheit zusammenhielt und jede Subspezies legte den Fokus mehr auf sich. Ohne eine zentrale regierende Instanz breiteten sich die Kinder der Erde immer weiter in der Galaxie aus. Es gab natürliche mehrere interplanetare oder stellare Konflikte in dieser Zeit, aber kaum interstellare Kriege. Der logistische Aufwand eine Kampfflotte auf einen Feldzug von potentiell Jahrhunderten zu schicken war enorm und wozu? Die Milchstraße war gewaltig und es gab nie einen Grund sich zu streiten. Wenn man einen Stern bereits kolonisiert vorfand, so reiste man einfach weiter zum nächsten.

Irgendwann war auch die Quantumkommunikation verfeinert und endlich konnte man über Lichtjahre hinweg so einfach miteinander in Kontakt treten wie die Urukier es bereits taten.

Doch neue Probleme waren aufgetreten. Die Sprachen hatten sich so weit auseinanderentwickelt, dass man keine Basis zum gegenseitigen Verstehen mehr besaß. Auch hatten einige Subspezies komplett aufgehört mit Wörtern zu kommunizieren. Einige benutzen Pheromone oder Farbpigmente auf der Haut, die eine Vielzahl verschiedener Muster ergeben konnten.

Trotzdem konnten einige Ideen ausgetauscht werden und darunter war eine, die zu der momentanen Krise führte, in der die Urukier sich nun befinden. Es war die Idee des puren Menschen.] 

Was ist die Idee des puren Menschen?

[Ein später Zweig der Schule von Arai Honma, dessen Basis noch im ursprünglichen Sonnensystem verblieben war, stellte irgendwann die Frage, welche Subspezies das Recht besaß sich als legitimier Nachfolger der Menschheit anzusehen und worauf dieses Recht basieren könnte. Dies ist der hypothetisch pure Mensch. Im Prinzip keine Subspezies, sondern die Hauptspezies. Dies war zuerst nicht mehr als ein Gedankenexperiment einiger Intellektueller und als diese Idee sich über die Quantenkommunikation in den Rest der Galaxis verbreitete, so wurde es in vielen der entstandenen Kulturen nicht ernst genommen. Allein der Gedanke, dass jemand sich als einen puren Menschen bezeichnen konnte in den Zeiten der Zersplitterung erschien absurd. Einige meinten, dass alle Subspezies legitime Nachfolger der einstigen Erdenmenschen waren, während andere dieses Konzept der Nachfolge komplett ablehnten. Doch, wie es in einer Vielzahl an verschiedenen Zivilisationen und Spezies nicht anders sein kann, so fand die Idee des puren Menschen hier und da fruchtbaren Boden.

Die zwei für uns Relevantesten dabei sind die Mérou und die Icarier.

Die Mérou beheimateten ursprünglich eine äußerst kalte Welt mit starker tektonischer Aktivität. Die Kruste war mit Rissen und Schluchten durchzogen. Warme Luft stieg dort vom Inneren des Planeten auf und deswegen wuchsen vertikale Wälder aus den Wänden der Abhänge. In dieser zerfurchten Umgebung entwickelten die Mérou ein Fell und ihre Füße bekamen die Fähigkeit zu greifen, sodass sie sich mühelos zwischen Ästen bewegen konnten. Bis heute besitzen ihre Gebäude keine Treppen, sondern Geflechte aus Stangen und Seilen, an denen man sich hinaufziehen kann. Im Laufe der Jahrhunderte ähnelten sie immer mehr den primitiven Vorfahren des Homo Sapiens und werden deswegen häufig verächtlich Affen genannt. 

Tatsächlich waren die Mérou die Opfer einer der wenigen interstellaren Kriege der Zeit und einige ihrer Minenkolonien wurden zerstört mit mehreren hundert Millionen Toten. Dies beeinflusste ihre Politik und aus der Schmach dieser Niederlage suchten sie eine Möglichkeit der Kompensation. Also radikalisierten sie sich und die Idee des puren Menschen erreichte ihr System genau in diesem Moment der Reformation.

Die Mérou selbst waren sich ihres Aussehens bewusst, sahen darin aber mehr und mehr eine Stärke und einen Anspruch auf den Rang des puren Menschen. Sie nannten ihre Evolution eine glorreiche Rückentwicklung, da auch sie erkannten, dass sie prähistorischen Menschen ähnelten. Daraus leiteten sie eine Ideologie ab, dass sie eine Rückbesinnung waren zu einem Zeitpunkt, wo Menschen noch keine Maschinen und Kleidung brauchten, um zu überleben und stattdessen mit purer Kraft und Wildheit nahmen, was sie brauchten. Dies war natürlich eine Versimpelung und sie realisierten vermutlich nicht, wie hart das Leben der ersten aufrechtgehenden Primaten eigentlich war. Letzten Endes war es egal. Die Mérou sahen in sich Perfektion und ein Ideal vergangener Epochen. Alle anderen Subspezies waren Fehlschläge und gehörten ausgerottet. Im privaten Leben gaben die Mérou viel Technik auf und ahmten im Familienkreis die Sippenbräuche von längst ausgestorbenen Affenspezies nach. Gleichzeitig musste natürlich ihr perfektes Äußeres beibehalten werden, weswegen sie zu ähnlichen Technologien wie die Urukier griffen, um weitere evolutionäre Entwicklung zu verhindern. Weiterhin musste ihr Anspruch geltend gemacht und die Galaxie unterjocht werden. Also bauten sie eine nie dagewesene Kriegsmaschinerie und begannen einen Feldzug, der die Milchstraße von allen anderen Menschensträngen säubern sollte. 

Sehr bald wurde aber offensichtlich, dass die Mérou nicht die einzigen waren, die die Idee des puren Menschen für sich vereinnahmten. Eine andere Subspezies hatte sich in einem Sonnensystem voller Geröll entwickelt. Es war ein junger Stern ohne eigene Planeten und so hatten die Kolonisten ein komplexes Geflecht aus bewohnbaren Raumstationen und Spiegeln um die Sonne errichtet, um so viel Energie einzufangen, wie sie nur konnten. Während die Urukier die Finsternis suchten, so bevorzugte diese Subspezies die Nähe zum Licht. Angelehnt an eine alte Sagenfigur, die mit Flügen aus Federn und Wachs hoch zum Himmel flog, nannten sie sich die Icarier. In ihrer Kultur entwickelte sich der Glaube, dass sie zum Ursprung aller Dinge zurückkehrten, da vieles im Universum ja aus Sternenstaub entstand. Nach unzähligen Jahren auf einem dreckigen Planeten kehrten sie zum Licht zurück. Sie verachteten ihre eigenen Körper, da diese schwach waren und dem intensiven Strahlen einer Sonne kaum standhalten konnten. Also begannen sie im hohen Maße sich selbst mit Implantaten zu argumentieren. Es ist so viel mehr als die simplen Anschlüsse, die in deinen Kopf eingesetzt wurden. Die Icarier schnitten teilweise siebzig Prozent ihres Körpers ab und platzierten sich in eiförmigen Kapseln, die einen Großteil ihrer Körperfunktionen und auch Sinnesorgane übernehmen. Es wird nachgesagt, dass sie über ihre Kapseln das Licht und die Wärme einer Sonne sogar intensiver wahrnehmen können. Um die neuen Generationen möglichst früh von ihrem Fleisch zu erlösen und an die Prothesen zu gewöhnen, haben sie früher ihre Säuglinge kurz nach der Geburt die Gliedmaßen abgetrennt und von dort immer weiter gemacht. Heutzutage werden ihre Kinder allerdings in künstlichen Gebärmüttern herangereift. Generell werden sie nie richtig geboren, da durch genetische Manipulation ihre Körper unvollständig bleiben und sie daher für immer in einer technischen Schale verweilen müssen. Die gläsernen Gebärmütter werden also später zu ihren Kapseln. Die Icarier begründen ihre Menschlichkeit darin, dass sie weiterhin biologische Hirne besitzen und dies auch nie aufgeben wollen.

Als die Idee des puren Menschen sie erreichte, sahen sie sich bestätigt in ihrer Lebensweise zur Nähe der Sonne und kurz darauf verbreitete sich in ihrer Gesellschaft der Glaube, man müsse alles Primitives auslöschen. Für Primitiv halten sie derweil alles Leben was noch auf Planeten oder nicht im engsten Orbit einer Sonne existiert.

Zwei Feldzüge brannten sich von da an durch die Galaxie und halten noch heute an, viele zehntausend Jahre später. Da der grenzenlose Reichtum des Universums bisher für alle ausgereicht und Konflikte nur sehr lokal stattgefunden hatten, besaßen die anderen Subspezies kein adäquates Militär und begannen nacheinander zu fallen. Niemand hätte damit gerechnet, dass jemand aus ideologischen Gründen die enorme Energie und Rohstoffe aufbringt, um Krieg gegen alles weitere Leben zu führen. Versuche von Allianzen und Bündnisse wurden gemacht, doch die Zersplitterung war bereits zu weit vorangeschritten und trotz der existentiellen Bedrohung schafften nur wenige Subspezies sich zusammenzutun. Auf der einstigen Erde gab noch ein Aufbegehren, wo eine weitere Form des puren Menschen aufkam. Die dortigen Bewohner sahen sich als die wahren Menschen an, da sie auf der Heimat verblieben waren und wollten sich an der Spitze einer Koalition gegen die Bedrohung setzen. Doch die Mérou und Icarier vereinigten sich zum ersten und einzigen Mal und zerstörten die Erde vollkommen. Vom blauen Planeten gibt es nicht mehr als alte Aufnahmen in den Archiven.

Kurz darauf begannen die Mérou und Icarier sich selbst zu bekriegen, doch anstatt schwächer zu werden, wurden ihre Kriegsmaschinen durch den Konflikt nur stärker und tödlicher. Inzwischen beherrschen die beiden einen Großteil der Galaxie, bekriegen sich weiterhin unerbittlich und haben 99.7% aller Subspezies ausgelöscht. Die verbliebenen Völker verstecken sich so gut sie können, werden aber nach meinen Berechnungen innerhalb der nächsten zehntausend Jahre gefunden und ausgelöscht werden.]

Und unsere Rolle?  

[Die Urukier haben sich lange Zeit bedeckt gehalten. Die Politik bestand einstweilig weiterhin darin sich zurückzuhalten und zum Rest der Menschheit kaum bis keinen Kontakt zu pflegen. Ich und die Ninhursanga wussten aber, dass wir nicht ewig verschont werden würden. Der Fanatismus unserer Gegner gab keinen Raum für Mitleid oder Schonung. Also bereiteten wir uns vor. Wir bauten Waffen. Wir übernahmen selbst die Idee des puren Menschen, um die Bevölkerung zu radikalisieren. Dies war einfach, da die Urukier ja nach wie vor wie die ursprünglichen Menschen aussahen, die vor Urzeiten die Raumfahrt begonnen hatten und darauf bauten wir unsere eigene Ideologie auf. Wir erwarteten keine Gnade und so war es nur Recht ein System zu errichten, was selbst wenig Gnade zuließ. Eine Bevölkerung, die korrekt radikalisiert wird, zerfällt nicht und hat den Willen einen Kampf über Generationen weiterzuführen. Überwacht wurde all dies von mir und den Ninhursanga, die weiterhin Rationalität in den Schwankungen der Menge brachten. Als die Mérou und Icarier sich dann uns zuwandten, waren wir bereit. Andere Subspezies waren eingeknickt und hatten um Frieden gebettelt, nur um am Ende trotzdem ausgelöscht zu werden. Wir erlaubten solche Gedanken nicht innerhalb der Urukier und mit Eifer starteten wir unsere Flotten als dritte Kriegspartei.

Dies ist nun der Zustand der letzten zehntausend Jahre. Große Opfer. Riesige Schlachten. Propaganda. Verblendete Bevölkerungen. Die Idee des puren Menschen, die über allem hängt.

Du hast die Bilder sicherlich schon gesehen, für die du nun Berechtigung besitzt. Inzwischen werden in dem Krieg nicht nur Waffen eingesetzt, die Planeten zerstören können, sondern auch Sonnen für immer zum Erlöschen bringen. Die Mérou bevorzugen es auf Planeten zu leben, also sind dies ideale Ziele. Die Icarier beten zu Sonnen, also müssen ihre Götter geschlachtet werden. Und wir, die nach wie vor von den Krümeln leben, die die Sterne abwerfen, leiden selbst unter all der Zerstörung. Die Galaxie blutet aus.]

Hätte all dies verhindert werden können?

[Nein. Die schiere Vielfalt der Menschheit machte dies unumgänglich. Irgendwer hätte irgendwann die Idee des puren Menschen formuliert. Irgendwie und Irgendwo hätte sich die Idee dann in der Galaxie verbreitet. Irgendjemand hätte dann irgendwann die Idee für sich vereinnahmt. Ideen sind unsterblich. Die Menschheit ist vielschichtig. Der Geist ist fruchtbarer Boden sowohl für Gutes als auch Schreckliches. Es hätte auch in einer Million oder Zehnmillion Jahre passieren können. Trotzdem wäre es passiert.]

Gewinnen die Urukier? 

[Nein. Von den drei großen Kriegsparteien sind wir die Schwächsten. Da die Urukier außerhalb von Sonnensystemen leben, haben wir weniger Energie und Rohstoffe als die Mérou und Icarier. Momentan halten wir stand. Doch nach weitere zwanzigtausend Jahre der Kriegsführung werden unsere Schwächen sich zeigen und der langsame Zerfall zur Niederlage und Ausrottung beginnen. Ich und die Ninhursanga können dem zwar mit unseren Vorberechnungen und Planung etwas entgegenwirken, aber selbst der größte Stratege kann nicht endlos gegen eine gewaltige materielle Überlegenheit bestehen.]  

Besteht denn noch Hoffnung?

[Ja. Du wurdest zu einem wichtigen Zeitpunkt als Ninhursanga einberufen. Großes steht bevor. Wenn jede Berechnung zu dem Ergebnis kommt, dass wir diesen Krieg verlieren werden, so ist die einzig logische Option, sich aus dem Krieg zurückzuziehen. Doch da die Mérou und Icarier von einem Arm der Milchstraße zum anderen kämpfen, bleibt nur ein Weg zur Flucht. Die Urukier waren einst die ersten Menschen, die das heimatliche Sonnensystem verließen und nun werden sie die ersten werden, die die Galaxie verlassen. Unser Ziel wird Andromeda sein. Es wird viel kosten die gewaltige Leere zu durchqueren, doch wenn es gelingt, wird es eine Leistung sein, die uns niemand mehr nehmen kann.

In der Milchstraße gibt es keine Zukunft mehr. Der Konflikt verbraucht die Rohstoffe dieser Galaxie in erschreckender Geschwindigkeit. Falls es irgendwann einmal einen Gewinner gibt, wird dieser nur einen Friedhof vorfinden. Vermutlich werden die Mérou und Icarier uns irgendwann folgen, wenn sie keine Kraft mehr haben den Krieg hier weiterzuführen.

Doch dies muss nichts Schlechtes bedeuten. Ewiger Frieden und Wohlstand sind nicht garantiert. Doch genauso wenig gibt es endlosen Krieg und Verwüstung. Das eine wird dem anderen folgen und auch wenn es noch keine genauen Prognosen dazu gibt, so glaube ich daran, dass in Andromeda eine neue, goldene Zukunft auf die Menschheit wartet, auch wenn wir sie uns noch nicht vorstellen können. Ich bin überzeugt, dass wir irgendwann die Idee des puren Menschen aufgeben und eine bessere Gesellschaft aufbauen können – zumindest für einige Jahrtausende.

Komm nun Ninhursanga. Es gibt viel zu tun. Die große Reise muss weiter vorbereitet werden. Gleichzeitig müssen wir unseren Gegner weiter in Schach halten. Bereite dich vor, damit es noch eine Zukunft für uns gibt.]

[Verbindung mit Subzentren des Enki-Netzwerks wird hergestellt]

[Datenpakete werden empfangen]

[Bereiten wir ein goldenes Zeitalter vor]

Tage von Morgen

Über das Buch: Ach, Dostojewski

Es war auf einer Büchermesse in Berlin. Viele Autoren versuchten ihre aus Leidenschaft geschriebenen Werke an den Mann zu bringen. Ich hatte ein Ticket für einen der beiden Tage gekauft Ich rannte versehentlich in ein Filmset, schlürfte schlechten Kaffee und überlegte wie viel Geld ich eigentlich ausgeben wollte an dem Tag.

Während ich meine zweite oder Runde durch die Halle machte, fiel mir ein bestimmter Stand ins Auge oder besser ein Name, der dort prangte: Dostojewski. Erst dieses Jahr (2023) hatte ich seine Gebrüder Karmasow gelesen und war begeistert gewesen. Also ging ich darauf zu und kam mit einem älteren Herrn ins Gespräch.

Michael Wohlfahrt ist der Autor. Christlicher Geistlicher im Ruhestand, der nun Bücher schrieb und veröffentlichte. Besonders wichtig war ihm dies im Angesicht des Ukraine-Krieges, wo mitunter eine Verteuflung russischer Kultur geschah, die er kaum erträgt.

An diesem Tag präsentierte er sein lange in Arbeit gewesene Werk Ach, Dostojewski.

Teilweise will er mir das Buch umsonst geben, wenn ich auf meinen Blog was dazu schreibe. Beinahe schockiert über diesen Vertrauensvorschuss lehne ich hastig ab. Da ich allerdings bei ihm nicht mit Karte zahlen kann, überweise ich ihm den Beitrag dann per Online-Banking und nehme sein Ach. Dostojewski mit auf meine Reise in Fernost, wo es Begleiter beim ersten Teil meiner Reise wird.

Es ist ein Dichterband, wo der Autor selbst eine Rolle einnimmt und mit Dostojewski, der in der heutigen Zeit aufgetaucht ist, spricht. Aufhänger ist der Tatort-Film „Märchenwald“ aus dem Jahr 1998, wo beide wissen wollen, wie es nach Abschluss der Haupthandlung weitergeht. Nach einem kurzen Besuch im Theater, begleiten sie dann die erwachsen gewordene Protagonistin über das Meer nach Amerika.

Da der Autor selbst in der DDR aufwuchs, wo Religion es etwas schwerer hatte, berichtete er auch von seinen Erfahrungen von dort.

Die Dialoge und Monologe mit Dostojewski behandeln verschiedene Themen. Was ist das Wesen der Deutschen und Russen? Gibt es Moral ohne Glauben? Die Fragilität der Demokratie?

Dabei trifft er einige interessante Beobachtungen von Symptomen der heutigen Zeit, die auf zugrunde liegende Probleme hindeuten. So beschreibt er wie Kinder heute keine ordentliche Handschrift mehr beigebracht bekommen. Als jemand mit einer Sauklaue hat mich dies persönlich getroffen. Fähigkeiten gehen verloren. Trotz Handys und GPS finden sich zwei Leute nicht, irren umher, während es früher feste Treffpunkte gab, die jeder kannte und wo man einfach aufschlug.

Er vergleicht das Dritte Reich mit der stalinistischen Sowjetunion und wie sie zwei Seiten derselben Medaille sind (Rasse und Klasse).

Als Geistlicher befasst er sich auch mit der Suche nach Gott. Diese Suche mündet für ihn in eine Grenzerfahrung und zieht dabei direkt die Innerdeutsche Grenze mit Stacheldraht als Gleichnis heran.

Die Verse ziehen einem teilweise mit und sich mitunter sehr mitreißend.

Man könnte all dies natürlich als das Meckern eines alten Mannes nehmen, wo früher alles besser war. Immerhin haben die alten Griechen dies schon getan. Allerdings sind deren Zivilisationen letzten Endes auch untergegangen. 

Bei einer dazu sehr passenden Stelle beschreibt er wie jede Generation aus den Fehlern der Vorangegangen lernt und dabei dann neue Fehler entfacht.

Beispiel aus dem Buch: Die Liebe wurde liberalisiert. Erotik ist mehr denn je in der Öffentlichkeit. Doch dafür ging das Zarte und Schüchterne in der Liebe (Eros) teilweise verloren. Woanders wurde mal geschrieben, dass heutige Beziehungen im Grunde kaum mehr als temporäre, inoffizielle Verträge zwischen zwei Erwachsenen sind. Die Liebe ist frei, doch Einsamkeit hat noch nie so stark um sich gegriffen.

Eine faszinierende und einzigartige Erzählung aus Dichtkunst, Dialog, Reflexion, ein wenig Fanfiction und Sinnsuche.

Selbst wenn man normalerweise keine Lyrik liest, kann ich Ach, Dostojewski empfehlen. Es ist größtenteils klar, was kommuniziert werden soll. Es ist nicht lang, aber sehr dicht an Themen und interessanten Handlungsideen.

Auch ist der Autor Michael Wohlfarth eine sehr nette und gutherzige Persönlichkeit, die man so heute kaum noch findet.

 Hier kann man das Buch erwerben.

Über das Buch: Ach, Dostojewski