Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 25:

Als die Tage begannen kälter zu werden, so startete man damit die Sauna beim Gasthaus Die Sieben Kastanien herzurichten. Es war nicht klar, ob die Admiräle solch eine Einrichtung besuchten, doch sie taten es jedes Jahr und manche Gewohnheiten gingen bis in die Knochen und blieben dort.

Nach der Schlacht beim Neptun wartete Namtar An darauf, dass die beschädigten Schiffe bei Eris und Makemake repariert wurden und zurückkamen. Bei der Erde wiederum hatte man die Orbitalstädte Heaven One und Two komplett umgestellt, sodass sie nun ausschließlich für den Bau neuer Kriegsschiffe benutzt wurden um die katastrophalen Verluste der letzten Monate zu ersetzen. Die Allianz wollte den Krieg beenden, bevor die Produktion sich voll entfalten konnte. Dementsprechend planten Natmar An und die anderen gerade die zweite Schlacht bei Ceres.

Das Sonnensystem war erneut in Entsetzen gehüllt nach der Vernichtung zweier Erdflotten, doch Chiang versprach, dass die Erdregierung obsiegen und die Allianz zerdrücken würde. Das Parlament entschied mit überwältigender Mehrheit, dass Eris und alle anderen bewohnten Kolonien im äußersten Kreis bombardiert und ausgerottet werden sollten, da sie eine dauerhafte Bedrohung für den Frieden darstellten.

All dies wirkte aber wie eh und je so fern von Ganymed.

An einem Nachmittag strich ein besonders eisiger Wind über die Berge und Nadia und Sonja dürften als erstes die Sauna nutzen.

»Ah, das tut gut«, seufzte Sonja, lehnte sich zurück und streckte die Arme über den Kopf, nachdem Nadia Wasser über die Kohlen gekippt hatte und der Dampf aufstieg. »Schade, dass es noch nicht Winter ist. Ich würde mich hiernach so gern mit Schnee einreiben.«

»Ja, das wird herrlich«, stimmte Nadia zu, deren rot-blondes Haar nun frei über ihren Rücken fiel. »Ich kann es kaum erwarten Schneemänner zu bauen.«

»Du bist siebzehn Nadia!«

»Na und’Was hat Alter damit zu tun Schneemänner zu bauen?«

»Ich gebe es auf. Na ja. Schade auch, dass gerade keine hießen Jungs in der Herberge sind. Wir hätten sie hierzu einladen können.«

»Weißt du denn nicht mehr, wie das letztes Jahr schiefging, Sonja?«

»Ach, sei leise. Mein Körper hat sich seitdem mehr entwickelt! Und diese Bastarde hatten ein loses Mundwerk und dachten nur an große…«

»Ich finde so viel hat sich nicht an dir verändert, Sonja.«

»Halt endlich den Mund, okey Nadia?«

Während sie auf ihren Handtüchern saßen und schwitzen, so musste Nadia an alte finnische Sagen denken, nach denen ein Besuch in der Sauna dazu genutzt wurde um die eigenen Sünden rein zu waschen.

Dies gab ihrem besorgten Geist, sowie den angespannten Muskeln etwas Erleichterung. In den letzten Wochen hatte sie in ihrer Unsicherheit viele unschöne Sachen gedacht.

Eigentlich hatte sie nicht vorgehabt sich auf irgendeine Seite zu stellen, doch desto mehr Zeit sie mit Namtar An verbrachte, desto mehr freute sie sich über die Siege der Allianz. Dies tat sie nicht, weil sie an die Gründe und Überzeugungen der Allianz glaubte, sondern simpel weil sie den Hochadmiral mochte.

Dies war schrecklich, da in den Schlachten doch viele tausend Menschen starben. Jedes Leben war für sie kostbar und wenn jemand einging in die Reiche des Himmels, so bedeutete dies, dass die Person so viel Schönheit dieser Welt verpasste und Trauer zurückließ. Im Vergleich zu Planeten oder Sternen lebten Menschen so kurz und sie fühlte immer einen Stich, wenn jemand zu früh gehen musste.

Aber diese Menschen auf den Schlachtschiffen starben für das, woran sie glaubten. Es waren Soldaten, die du nicht kanntest.

Nadia vertrieb diese inneren Wörter mit einem Kopfschütteln und meditierte weiter, während Sonja weiter Wasser nachgoss.

Sie war eine einfache Angestellte in einem friedlichen Gasthaus. Die große Politik des Sonnensystems war ohne Interesse für sie und vermutlich auch für 99% aller anderen Menschen. Dies änderte sich dann aber als der Krieg ausbrach und plötzlich kam von allen Seiten unbewusster Druck, der sie dazu drängte sich für eine Seite zu entscheiden und eine klare Position zeigte. Keiner hatte es von ihr wörtlich verlangt und manche hatten sie sogar davon abgeraten, doch unter den Gesichtern konnte sie kennen, dass man doch etwas von ihr erwartete.

Und ihr eigene Unentschlossenheit hatte sie selbst zermürbt… und nun.

»Träumst du wieder von rosa Wolken, Nadia?«, fragte Sonja, die sie beobachtet hatte.

»Nein, Sonja«, seufzte Nadia und öffnete wieder die Augen. Sie musste sich demnächst am besten irgendwo im Wald auf einen Baumstamm setzen.

Eine Weile saßen die beiden Mädchen nebeneinander. Man hörte draußen schwach wie Kevin Feuerholz für den Hauptkamin schlug.

»Was machen wir, wenn die bleichen Bastarde die Erde erreichen?«, fragte Sonja dann.

»Wie meinst du das?«

»Verflucht noch mal! Ich will es nicht zugeben, aber die Allianz scheint doch eine Chance zu haben diesen Krieg zu gewinnen und ich habe Angst deswegen, Nadia. Fürchterliche Angst.«

»Wieso hast du Angst, Sonja?«

Ihre Freundin strafte sie mit einem giftigen Blick. »Deine kleine Schwester ist auf der Erde. Machst du dir etwas keine Sorgen, was die bleichen Bastarde der Erde antun könnten?« Sie zog ihre Beine hoch und vergrub den Kopf in ihren Knien. »Was sie unserer aller Mutter antun könnten. Die Erde ist unsere Heimat. Wie kann jemand nur sich dafür entscheiden gegen die eigene Mutter zu kämpfen.«

»Weil Kinder irgendwann aus dem Schutzschirm ihrer Eltern treten und alleine weitergehen müssen«, meinte eine Stimme und ein frischer Windzug zog durch die Sauna.

Eine Familie von Fledermäusen, die draußen unter der Regenrinne des Saunahäuschens geschlafen hatte, wurden unsanft von Sonja’s Schrei geweckt und protestierten die Störung dadurch, dass sie um Kevins Kopf zu fliegen begannen und wütend fiepten.

Die Mitarbeiterin der Sieben Kastanien griff nach einem schweren Holzeimer, während sie mit ihrer freien Hand versucht das wichtigste zu verdecken – komplett vergessend, dass sie sich in einer Sauna befanden, wo es einem nicht peinlich sein sollte nackte Haut zu zeigen – und wollte diesen nach den eintretendem Namtar An werfen. Ein Schwall an Flüchen drohte dabei mit durch den Raum zu fliegen.

Doch die Kaskade an Schimpfwörtern blieb ihr allerdings im Hals stecken und der Eimer fiel ihr aus der Hand. Auch Nadia, die ruhig da gesessen hatte, ächzte bei dem Anblick.

Der Hochadmiral schloss die Tür hinter sich und trat zu den Bänken.

Sein Körper… war kaum ansehbar.

So normal sein blasses Gesicht auch war, darunter war seine Haut mit Verwachsungen, Narben und Entzündungen bedeckt. Viele Stellen glitzerten feucht und an anderen schien das blutige Fleisch direkt offen in der freien Luft zu liegen. Anschlüsse, Verteiler und andere mechanische Erweiterungen ragten aus ihm heraus und waren umgeben von rötlichen Beulen aus denen Eiter tropfte. Kabel zogen sich wie Adern unter der geschändeten haut dahin.

Es schien keinen Quadratzentimeter unter seinem Hals zu geben, der gesund wirkte.

Das war die ganze Zeit über unter dem Mantel, den er trug?

Sonja gab ein Würgen von sich, während Nadia einfach in Schock auf die offen Wunden starrte, die in seiner Brust prangten. Sie wollte ihn nicht weiter betrachten, doch sie konnte den Blick einfach nicht abwenden.

Ist das Weiße da ein Teil seiner Rippe?

»Ich darf mich doch setzen, oder?«, fragte der Hochadmiral.

»Wir sind zufälligerweise noch hier drin«, entgegnete Sonja, die sich nun sehr für eine Stelle an der gegenüberliegenden Wand interessierte und versuchte sich wieder zu sammeln.

»Mach das irgendwas? Ich dachte eine Sauna ist auch ein Ort der Versammlung.«

»Wir sind zwei junge Mädchen!«

»Na und? Was macht das?«

Ahnend, dass die Diskussion nirgendwo hinführen würde, machte Nadia eine versöhnende Geste und sagte: »Bitte, Mister. Setzen sie sich.«

»Danke, Nadia.«

Namtar An legte das Handtuch auf die Bank und setzte sich mit einem Seufzen genau zwischen den beiden Mädchen.

So verharrte er dann für fünfzehn Minuten mit geschlossenen Augen. Nadia goss ab und an etwas Wasser nach. Die beiden Angestellten schwiegen ebenfalls und versuchten ihn nicht zu anzusehen. Dennoch hing der Geruch nach antiseptischen Mitteln, der von ihm ausging, bald schwer in der Luft. Sie sollten relativ bald hier raus gehen.

»Dies ist also eine Sauna«, sagte er, als die beiden Mädchen sich gerade mit Blicken darüber einigten den Raum zu verlassen. »Wirklich angenehm. Ja, wahrlich, ich spüre wie die Energie in meine Glieder zurückkehrt und die Sorgen gedimmt werden. Es ist besser sogar als eine gute Tasse Kaffee, würde ich sagen.« Mit einem Lächeln drehte öffnete er wieder die Lider und sah zu Nadia. »Aber ich glaube ich hab euren Aufenthalt hier verdorben. Ich habe vergessen, dass ein Körper wie der meiner kein alltäglicher Anblick hier ist.« Er hob seinen Arm und betrachtete die wunden Stellen. »Die ist einer der Preise dafür, wenn man im äußersten Ring leben will. Man bringt sowohl seinen Geist als auch seinen Körper an deren Grenzen und dann mit technischen Möglichkeiten über die Grenzen hinaus.«

»Wie kann man sich nur entscheiden an einem Ort zu leben, der so etwas mit einem anstellt?«, fragte Sonja.

»Weil man frei sein will. Genauso, wie man sich gegen Eltern stellt, wenn sie einem unterdrücken wollen. Es überrascht mich, dass du eben gefragt hast, wie man sich gegen die eigenen Eltern stellen kann. Nach unseren Nachforschungen hattest du ja ebenfalls seinen schweren Bruch mit deinen Eltern.«

Die Luft vibrierte in der aufkommenden Beleidigung, die in Sonja schwellte. Mit einem Schlucken hielt sie sich aber zurück und sagte stattdessen: »Das ist was anderes.«

Der Hochadmiral sagte nichts weiter dazu, lächelte aber wissend und nahm ein anderes Thema auf: »Du hast dich entschieden und das ist gut so. Das Leben besteht aus Entscheidungen. Man muss wählen und jede Wahl bedeutet Konsequenzen. Ich und die Allianz haben uns entschieden und nun ertragen wir die Konsequenzen.« Er ballte seine Hand zur Faust.

»Aber was ist, wenn man sich nicht entscheiden will?«, fragte Nadia.

»Nun, dass ist auch eine Wahl. Man wählt einfach nicht zu wählen. Doch nach Kierkegaard bedeutet so eine Entscheidung die Selbstaufgabe, die Selbstlüge. Man legt eine Maske auf und geht in der Masse unter. Man ist nicht man selbst und wenn dieser Zustand andauert, vergisst man auch wer man einmal war. Nur wenn man ständig wählt, wird man zu sich selbst.«

»Doch manche Entscheidungen sind so schwer, kaum erträglich und viel so groß für jemanden wie mich.«

Der Hochadmiral lachte über die Worte. »Ach, so gern wäre ich in deiner Postion dies sagen zu können, Nadia. Auf dir lastet keine Bürde und nicht das Leben vieler. Frag dich selbst, was du willst und entscheide dann so, wie du denkst, dass es richtig ist. Und wenn du etwas länger dafür brauchst, so sei es. Aber nimm diesen Ratschlag von mir an: Verharre nicht zu lange im Raum des Nicht-Entscheidens. Es bringt nichts Gutes mit sich.« Damit erhob er sich wieder und nahm das Handtuch an sich, an dem nun rote Flecken sichtbar waren. »Nun muss wieder zu meinen Pflichten. Doch nun wirken sie nicht so erdrückend wie zuvor. Ich habe das Gefühl, dass die Sauna etwas von mir gewaschen hat. Etwas Dunkles. Ja, eine faszinierende Erfindung..«

Er lächelte noch einmal zu ihnen und ging hinaus.

»Ich werde solche Albträume heute haben«, meinte Sonja. »Verdammter Bastard! Und was ist eigentlich mit euch beiden? Denkst du nicht, du bist etwas zu freundschaftlich mit ihm?«

»Mmh«, machte Nadia nur, lehnte sich zurück und blendete die Welt um sich herum aus, indem sie wieder die Augen schloss.

Prolog

Kapitel 24

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Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 25:

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 24: Operation Inanna

Es war als die ersten Blätter sich verfärbten im Jahre 2274, als eine große Gruppe von Allianz-Schiffen, den Orbit um Uranus verließ, wo Brahma Seven weiterhin belagert wurde. Die kleine Flotte von Sedna war erst wenige Tage zuvor in den Orbit des Gasriesen angekommen und flog nun weiter, anscheinend mit Schiffen der dort stationierten Charon Flotte. Sie waren auf den Weg zum Jupiter, genau wie die Makemake und die Haumea Flotte. Anscheinend bereitete Namtar An einen zweiten, noch gewaltigeren Angriff auf Ceres vor, mit der größten Konzentration an Schiffen, die die Allianz jemals an einem Ort zusammengezogen hatte.

All dies wurde aufmerksam vom Militär der Erde beobachtet und die 11. Flotte verließ ihre Stellung bei Brahma Four im Asteroiden-Gürtel vier Tage später und hielten Kurs auf Neptun. Zuvor hatte sie Informationen von einem Agenten beim Neptun bekommen, dass die Charon Flotte mehr Verluste beim Angriff gegen die Titanen erlitten hatte, als die Allianz es zugeben wollte. Zuerst hatte man dies mit Skepsis betrachtet, doch nach einer genauen Untersuchung hatten die Sensoren tatsächlich gezeigt, dass nur wenige Schiffe die Belagerung aufrecht erhielten und weitere Quellen vom Widerstand auf den Monden des Gasriesen bestätigten die Information.

Nun die Chance sehend einen Planeten im äußeren Ring zurück zu erobern und die 9. Flotte mit ihren wertvollen Titan-Schiffen bei Brahma Seven zu befreien, griff die 11. Flotte mit aller Macht an. Vor dem Krieg hatte sie aus 4 Schlachtschiffen, 10 Fregatten, 13 Zerstörer und 21 Kreuzer bestanden, doch nach der 1. Schlacht um Ceres war diese Zahl reduziert. Nun besaßen sie nur noch 3 Schlachtschiffe, 7 Fregatten, 9 Zerstörer und 15 Kreuzer. Allerdings gesellten sich zu ihnen die Überreste der 3. Flotte vom Jupiter, die Überbleibsel der 8. Flotte vom Saturn und die Scherben der 10. Flotte vom Uranus. Mit aller Macht, die die Erde im äußeren Ring noch besaß, wollten sie der Allianz die erste vernichtende Niederlage beibringen.

Die überraschten Flotten von Namtar An reagieren langsam und die Sedna Flotte drehte umgehend um, war aber bereits zu nahe am Jupiter und erlitt durch dieses plötzliche Manöver mehrere Schäden bei den Antrieben mehrerer Schiffe.

Wissend, dass sie nicht viel Zeit hatten, bevor die wesentlich schnelleren Schiffe der Allianz reagierten und zur Hilfe kamen, stürzte die nun verstärkte 11. Flotte zum Uranus und drang in dessen Orbit ein.

Die Schlacht begann offiziell, als die Charon Flotte ihre ersten Verteidigungsschüsse abgab und mehrere der sich nährenden Schiffe der Erde zerstörte. Hier zeigte sich dann wieder die Unterschiede in Technologie zwischen den beiden stellaren Mächten, doch die Allianz-Streitkräfte wurden schnell von der puren Überzahl des Feindes zurückgedrängt.

In der belagerten Festung Brahma Seven bemerkte der heißblütige Kommandant der 9. Flotte natürlich die Schlacht und entschied sich dafür ebenfalls mit allen kampffähigen Schiffen anzugreifen und so die Allianz von zwei Seiten zu zermalmen.

Als die Meldungen von diesen Ereignissen Oberadmiralin Chiang erreichten öffnete sie eine Flasche ihres besten Whiskys und protzte ihrem Befehlsstab zu und gratulierte ihnen für den baldigen Sieg, bei dem die Charon Flotte zerstört werden würde – eine der Stärksten der Allianz.

Die goldene Flüssigkeit ergoss sich aber direkt auf den Tisch vor ihr, als kurz darauf eine weitere Nachricht ankam. Nach Monaten hatte man nun wieder Kontakt mit der eingekesselten 9. Flotte aufgenommen und diese zeigte sich verwirrt, da sie nichts von den hohen Verlusten wusste, die sie der Charon Flotte zugefügt haben sollte.

»Ich habe mir große Mühe gegeben, dass die geleakten Informationen wirklich authentisch wirken«, meinte Namtar An, der auf Ganymed auf der Veranda einen Kaffee trank und wieder einmal mit Nadia quatschte. In der kälter werdenden Luft lag der Geruch nach bratenden Kastanien und man konnte die Igel dabai beobachteten, wie sie ihre Schlafstätten für den Winter vorbereiteten. Es gab keinen Grund für ihn zum Kommandoraum zurückzukehren im Moment. Es lief alles nach Plan im Moment und so besaß er die Freiheit die für ihn ungewohnte Veränderung in der Natur zu genißen. »Und sie haben den Köder, hungrig nach Siegen, geschluckt.«

Beim Uranus stiegen derweil weitere Schiffe der Charon Flotte von den Monden auf. Seit der Eroberung des Systems hatten sie sich auf der Oberfläche dieser Himmelskörper versteckt und nun strömten sie von allen Seiten gegen die überraschten Formationen der Erde. Noch überraschender derweil war, dass zu ihnen die Schiffe der Sedna Flotte gehörten, die eigentlich gerade beim Jupiter sein sollte.

Zu diesem Augenblick flogen einige Reparaturschiffe zu eben jener Flotte beim Jupiter, da inzwischen viele der Antriebe ausgefallen waren. Beim Näherkommen bemerkten die Crew’s dann, dass die Gefährte zwar auf den ersten Blick aussahen wie Allianz-Schlachtschiffe, doch meist nichts mehr waren als einfache Fähren oder Gütertransporter, die man umgekleidet und mit billig hergestellten Allianz-Triebwerken ausgestattet hatte, sodass sie für Instrumente so aussahen wie eine Streitmacht aus der Finsternis des Sonnensystems. Auf den letzten Teil der Strecke war dann offensichtlich gewesen, dass Erdenschiffe nicht gut mit Allianz-Antrieben umgehen konnten, doch sie hatten ihren Zweck der Täuschung erfüllt.

Nun selbst eingekesselt wurden die 11. und 9. Flotte aufgerieben. Zwei Tartaros-Torpedos detonierten und verzerrten alle Instrumente. Kurz darauf kehrte ein beschädigtes Schiff der Erde nach Brahma Seven zurück und bat darum anzudocken. Nachdem man der Aufforderung nachkam ergossen sich rekrutierte Kämpfer von den Uranus Monden und Soldaten der Alliamz der gekaperten Fregatte in die Festung und begannen sie in hoher Geschwindigkeit zu übernehmen.

Als die Besatzung der Festung beschloss die beschädigten, noch angedockten Titan-Schiffe zu sprengen, damit sie der Allianz nicht in die Hände fielen, so erkannten die kämpfenden Erdflotten, dass Braham Seven nicht zu retten war. Ein Schlachtschiff versuchte noch zurückzukehren und der Festung zu helfen, wurde dann aber von den inzwischen übernommenen Verteidigungsanlagen zerstört.

»Ob wir das Militär der Erde gehackt haben?«, fragte Namtar An, als Nadia sich wunderte, wie ein gekapertes Schiff bei der Festung andocken konnte. »Natürlich, obwohl hacken so ein dummes Wort ist. In Jahrelanger Arbeit haben wir Informationen gesammelt und gestohlen, bevor wir die geheimen Kanäle hatten, über die die Agenten der Erde Daten von den äußeren Ring zum Hauptkommando sendeten, sowie Authentizitätscodes, die Schiffe senden müssen um bei Brahma Seven einzulaufen. Mehrerer meiner IT-Experten knackste das Gehirn durch, während sie sich in unendlicher Langsamkeit durch die Firewalls der Erde schlichen. Doch dank ihrer Opfer hatten wir beides unbemerkt am Ende und nun habe ich sie auch eingesetzt. Leider wird es mir in Zukunft nichts mehr nützen, da die Erde wohl beides nun ändern wird. Aber es hat mir den Uranus und das äußere System gesichert.«

Eine Woche lang wurden die Flotten der Erde geschlachtet, bevor die letzten Schiffe entkommen konnten. Die 11. und die 9. Flotte hatten praktisch aufgehört zu existieren, so wenig war von ihnen übrig.

Die von der Allianz benannte und bereits lange vor dem eigentlichen Start des Krieges geplante Operation Inanna war ein durchschlagender Erfolg.

Oberadmiralin Chiang ordnete an, dass alle Schiffe den äußeren Kreis verlassen sollten. Man überließ das komplette Gebiet jenseits des Gürtels nun der Allianz, die nun keine feindlichen Schiffe im Orbit der Gasriesen mehr fürchten musste. Die kläglichen überlebenden Schiffe, die zurückkehrten, wurden in die 6. Flotte bei Ceres integriert. Teile davon wurden nach Brahma Four geschickt, um die Festung wieder zu besetzten, doch es wurde angenommen, dass die Erde nicht ernsthaft versuchen würde die Anlage zu verteidigen im Falle eines Angriffs und sich mehr auf Ceres konzentrieren würde.

»Es hört sich nach einem großen Sieg an«, meinte Nadia lächelnd und servierte eine Flasche mit Weißwein zur Feier des Tages. Sie freute sich wirklich für den Admiral, doch ein Teil von ihr erkannte mit Entsetzen, dass sie sich über den Verlust vieler tausend Leben freute. Schnell versuchte sie es zu korrigieren: »Vielleicht wird dies den Krieg beenden.«

Der Hochadmiral lachte und sah mit Vorfreude in den Wald, wo Eichhörnchen sich um die Nüsse stritten. »Es wäre schön, wenn endlich Einsicht bei Chiang und dem Parlament einkehren. Aber leider ist unsere kleine Oberadmiralin stur, die mächtigen Schutzflotten der Erde sind noch unangetastet und sie besitzen noch den gesamten inneren Kreis mit dessen gewaltigen industriellen Kapazitäten, Nadia. Nein, es ist noch lange nicht vorbei. Damit dieser Krieg enden kann, muss ich das Blutvergießen leider direkt bis vor ihre Haustür bringen. Zur Erde selbst. Bald gibt es wieder viel zu tun. Die zweite Schlacht von Ceres steht bevor, wo wir uns ein Tor ins innere System sichern!«

Prolog

Kapitel 23

Kapitel 25

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 24: Operation Inanna

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 23: Ernte

Es war Spätsommer und somit würde die Kuppel würde auf ihr Herbstprogramm umschalten. Die Temperaturen würden sinken, das Wetter neu reguliert, sodass es mehr regnet und die Bäume würden in tausenden von Farben erstrahlen. So viele Spielarten von Rot, Braun und Gelb, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Der gesamte Wald würde ruhiger werden, während die Blätter in sanfter Zufriedenheit zu Boden fielen, froh ihren Zweck erfüllt zu haben und mit ihrem Tod Nahrung für die Pflanzen im nächsten Frühling werden würden. Die Kinder in der Stadt würden beginnen Mützen zu tragen und der Duft bratender Kastanien in der Luft liegen.

Die Nacht der zehntausend Laternen würde auch kommen.

Doch bevor all dies, sollte die große Ernte kommen. Das große Ereignis, das den Übergang vom Sommer auf den Herbst markierte.

Der letzte Weizen auf den Feldern im Osten würde eingefahren werden und anstatt mit Erntemaschinen, würden die Bewohner der Kolonie mit Sicheln und Sensen ans Werk gehen. Am frühen Morgen machten sich unzählige Familien auf den Weg zu den Bauernhöfen, sei es mit dem Auto, dem Rad, der Bahn oder auch zu Fuß. Auch von den sieben Kastanien brach man auf. Neben den Mitarbeitern wanderten auch die Admiräle der Allianz zusammen mit zehn Leibwächtern mit. Namtar An hatte sein Interesse gezeigt und wollte unbedingt mitkommen.

Zwei Stunden später erreichten sie das Feld vom grummligen Georg, der etwas südlich von Arbali wohnte. Einige der Mütter bereiteten bereits die Picknick-Decken für den Mittag aus, während die Väter den jüngeren Kindern zeigten wie man mit den Werkzeugen umging. Am Himmel schwebten einige der Kampfdrohnen der Allianz um ihren Hochadmiral zu beschützen.

»Diese Tradition soll den Zusammenhalt der Kuppel stärken, Mister«, erzählte Nadia, nachdem sie einige Grüße ausgetauscht hatten. »Durch gemeinsame Arbeit soll man sich besser kennenlernen und das Gefühl bekommen, dass man etwas erreicht hatte. Am Abend dann gönnt man den Muskeln etwas Ruhe oder tanzt zur Feuer der eingefahrenen Ernte.«

»Eine wunderbare Tradition«, meinte Namtar An nur, während Enkidu Ki hinter ihm einen Sonnenschirm aufspannte.

Martu Me setzte sich auf ein Klappstuhl und lächelte zu einigen jungen Mädchen in der Nähe hinüber, die dies zum Anlass nahmen eilig das Weite zu suchen. Ashnan Nusku verwandelte sich wieder einmal zu einer starren Statue und nahm alles scheinbar teilnahmslos in sich auf.

Sonja ächzte als sie mit Kevin einige der schweren Wasserflaschen aus den Laster hievte. Es würde harte Arbeit werden und sie brauchten viel Flüssigkeit.

»Unglaublich, dass ich jedes Jahr diesen Mist mitmachen muss«, stöhnte die Mitarbeiterin und wischte sich den Schweiz vom Gesicht.

»Niemand zwingt dich, Sonja. Du hättest auch bei der Herberge bleiben können.«

»Ich wäre dann aber die einzige gewesen, Nadia, Das wäre doch peinlich und ganz sicher will ich nicht die Außenseiterin sein, über die man quatscht.«

»Man quatscht doch ständig über dich, Sonja.«

»Dann sollen sie zur Hölle fahren! Es wäre einfach blöd nicht mitzukommen! Ach, verdammt. Am liebsten würde ich diese ganze dumme Tradition ganz in die Tonne werfen.«

»Aber solche Traditionen sind wichtig«, entgegnete Namtar An, der interessiert zugehört hatte. »Nicht nur schaffen sie regionale Identität und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl, sie prägen auch deinen eigenen Charakter.«

»Du hast mir gar nichts zu sagen«, knurrte Sonja, doch so leise, dass nur Nadia sie hörte.

»Manche der überlebenden postmodernen Denker auf der Erde würden das absolut gar nicht so ansehen«, meinte Martu Me, der anscheinend Lust hatte auf eine kleine Diskussion. »Sie wären gegen die Formung einer regionalen Identität und solche Traditionen. Sie stehen ja rein für individuelle Identität und alles darüber hinaus führt immer nur zu Gruppenbildung und damit Konflikte.«

»Es gibt einen Grund wieso es kaum noch Postmoderne Philosophen gibt, Martu. Sie dachten man könnte alles hinterfragen und einreißen. Sogar die Logik selbst wollten sie verformen. Und was war das Ergebnis? Trotz aller Versuche der Hyperindividualisierung im 21. Jahrhundert bildeten sich dennoch Gruppierungen, man hasste sich und man bekämpfte sich. Auf den Straßen floss Blut und man versank in Ideologiekämpfe. Am Ende war der Glaube an die Hyperindividualisierung auch nur eine Ideologie von vielen, die kein anderes Meinugnskonstrunkt tolerierte. Und weil man nun jede Seite eine andere Logik benutzte, konnte man sich nicht einmal mehr verständigen. Es gibt einen Grund, wieso die Menschen nach den Zusammenbruch wieder völkischer wurden. Nationale oder kulturelle Identität nahm wieder Stellenwert bei den Menschen ein. Dies änderte sich auch nicht bei der Gründung der Kolonien außerhalb der Erde, wo wie von selbst Menschen aus relativ gleichen Kulturkreisen in eigene Kuppeln zogen, wie hier in Neu Moskau die Russen und Russlanddeutsche. Wie von selbst bildeten sich neue Traditionen wie diese hier. Ja, wahrlich faszinierend, das sich immer verformende Bild der Kulturen und Völker der Menschen. Die Postmodernen wollten dieses Bild einreißen oder so sehr alles vermischen, dass nur noch braune Grütze übrig blieb. Doch schlussendlich kratzen sie sich die Finger blutig.«

»Meine Güte, was für eine Rede«, murmelte Sonja. »Was brabbelt er da?«

»Ich glaub er findet es einfach toll, was wir hier machen«, vermutete Nadia.

»Will nichts dagegen sagen«, lachte Martu Me. »Ohne eine nationale Identität würde es unsere Bewegung auf Eris und die Allianz ja gar nicht geben. Doch ich würde auch gerne fragen, wieso die Denkrichtung der Postmodernen überhaupt noch am Leben blieb.«

»Ideen sind schwer zu töten, mein Freund und das ist gut so. Aber wenn du meine Überlegungen dazu hören willst…«

An dieser Stelle entschieden sich Nadia und Sonja zu gehen. Sollen die beiden Männer doch allein weiter reden. Frau Zwetkow wartete schon beim grummeligen Georg auf sie.

Doch die Mitarbeiterin der sieben Kastanien wurde schon nach einigen Schritten von Ashnan Nusku aufgehalten, die plötzlich ihre Hand nach vorne ausgestreckt und ihre Schulter gepackt hatte. Niemals zuvor war Nadia so kurz davor gewesen vor Schreck zu sterben.

»Wieso?«, röchelte sie.

»Wieso was, Madam?«, ächzte Nadia zurück, die sich die Brust hielt.

»Wieso habt ihr hier einen Herbst? Wieso die Mühe? Wäre es nicht besser, das ganze Jahr Sommer über zu haben? Mann kann mehr arbeiten. Mann kann mehr ernten. Wieso der Herbst?«

»Nun, Madam.« Sie war nun verwirrt. Wie sollte man bitte darauf antworten? »Der Herbst ist halt schön.«

»Der Herbst ist schön?«

»Ja. Haben Sie nie einen Herbst erlebt, Madam?«

»Nein.«

»Nun… dann warten sie doch bis die Blätter sich verfärben. Setzen sie sich auf unsere Veranda und sehen sie zu, wie die Welt sich verändert. Sie werden dann sicher sehen, wieso der Herbst so schön ist und wieso wir ihn haben wollen, Madam.«

Keine Antwort. Nadia blieb noch einige Sekunden stehen, bevor sie sich aus den Griff löste und sich vorsichtig davonschlich. Ashnan Nusku blieb mit erhobenen Arm stehen wo sie war.

Als die Ernte losging, arbeitete sich Nadia mit einem kleinen, süßen Sichel vorwärts. Eine Handvoll Weizen nach dem anderen schnitt sie ab. Neben ihr war Sonja, die sich gleich eine Sense genommen hatte und nun ihren inneren Sensenmann ausließ. Es schien als wollte sie sich an jedem Korn persönlich für ihr Schicksal rächen.

Oben auf den Hügel stand Frau Zwetkow mit einem Megafon und trieb mit donnernde Stimme die Arbeitenden an. In der Nähe standen die drei Admiräle und der oberste Administrator unter dem Sonnenschirm und sahen zu. Ab und zu pfiff Martu Me aufmunternd.

Irgendwann begannen sie alte Volkslieder zu singen und die ersten machten Pause. Man lächelte sich immer zu und Wasser wurde herumgereicht. Namtar An persönlich kam einmal herunter um Nadia und Sonja Flaschen zu geben.

Zwei der Soldaten von Eris fragten ihre Vorgesetzten zur Mittagszeit dann ob sie mithelfen könnten. Man erlaubte es ihnen und so traten die Männer in den Exorüstungen nach unten, nahmen sich vorsichtig Sensen und arbeiteten dann mit. Zuerst waren die Menschen etwas verstört deswegen, doch je wärmer es wurde und die Anstrengung sich mehr und mehr auf den Gesichtern zeigte, so war man einfach nur dankbar für jede helfende Hand. Man lachte sogar angesichts ihrer Ungeschicklichkeit bei dieser ungewohnten Arbeit.

In Abständen aßen die verschiedenen Familien dann auch zusammen auf den Picknick-Decken. Krähen sahen neugierig von der Scheune her zu. Kühe muhten beim Gehege und Sonja wurde lebendig von Mücken gefressen.

Gegen Abend war das Feld fertig und müde und verschwitzt ließ sich Nadia ins Gras fallen. Frau Zwetkow drückte ihr, Sonja und Kevin ein Eis in die Hand als Dank für die gute Arbeit. Jemand in der Nähe begann Gitarre zu spielen und die Männer hievten das Korn zum Hof.

Zum Abschluss entzündete man ein Feuer um das dann einige Menschen zu tanzen begannen. Wein wurde ausgeschenkt, die Stimmung wurde heiterer und man lachte umso lauter. Man konnte weitere Feuer von den andern Feldern sehen. Die gesamte Ostseite der Kuppel glühte heute in dem Schein der Flammen und es schien vergessen, dass fremde Truppen gerade Ganymed besetzt hatten und es Krieg gab.

Nadia stand irgendwann auf und sah zu wie die Glühwürmchen mit den Funken tanzten. Irgendwann tippte jemand auf ihre Schulter und als sie sich umdrehte stand dort lächelnd Namtar An. Er hielt ihr die Hand entgegen und lud sie zum Tanz ein.

Fast ohne Zögern nahm sie an und zog mit ihm Kreise um das Feuer.

Ganz in ihrer Nähe war Kevin der mit seiner Verlobten tanzte.

Sonja stritt sich lautstark im Hintergrund mit dem grummligen Georg.

Frau Zwetkow brüllte freudig und küsste den Bäcker Herr Schildmann auf die Wange, der dadurch vor Glück fast in Ohnmacht fiel.

Martu Me warf sich lachend in seinem Stuhl hin und her, während er ein Glas Wein nach dem anderen trank.

Enkidu Ki zeigte den faszinierten Kindern einige Hologramme von Drachen und Greifen von seiner Hand aus.

Selbst Ashnan Nusku hatte sich etwas näher herangetraut und wippte nun im Takt der Musik.

Es war eine der schönsten Nächte die Nadia seit langer Zeit hatte. All die dunklen Gedanken und Selbstzweifel waren vergessen. Tiefe Freunde am Leben durchfloss sie. Ja, sie weinte vor Glück.

So sollte jeder Tag sein. Unvergesslich.

Spät fuhren sie zu den Sieben Kastanien zurück und schliefen ausgiebig.

Eine Woche später begann die große Schlacht um den Neptun.

Prolog

Kapitel 22

Kapitel 24

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 23: Ernte

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 22: Anna

Mail vom 05. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

danke für das Geschenk, was du mir geschickt hast. Die Glasblume von dem netten, alten Glasbläser sieht wirklich schön aus. Man merkt die Liebe die er hineingepackt hat 🙂

Weil es ein Stück von deinem geliebten Ganymed ist, werde ich es nahe am Herzen tragen. Ich hoffe wir sehen uns bald wieder.

Anna.

Mail vom 09. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

ich finde deine Beschreibungen von Neu Moskau so schön! Ich kann mir richtig vorstellen durch die Straßen zu gehen, so wie du es erzählst.

Ich will wirklich auch bald nach Ganymed und die Stadt mit eigenen Augen sehen.

Bei uns bauen sie nur wieder neue Fabriken und Firmengebäude. Überall sind nur wieder hässliche Schornsteine. Bläh! Ich kann die Sonne kaum mehr sehen.

Hoffentlich strahlt sie bei dir umso heller!

Anna

Mail vom 15. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

heute haben Heinrich und Flora geheiratet 🙂

Es war sehr schön. Man hat extra Blumen aus den Grünhäusern von Petropawlowsk hergeholt und weiße Tauben aus den Zuchthäusern in Peking. Sowohl die Blumen als auch die Tauben werden hier schnell sterben, da alles so giftig ist 😦

Doch ich hoffe sie haben sich gefreut bei so einer schönen Hochzeit dabei gewesen zu sein.

Heinrich und Flora wollen hier wohnen bleiben und hier ihre Kinder aufziehen. Er mag die Leute hier. Sie mag ihre Arbeit. Für sie bleibt Russland ihre Heimat.

Doch deine Heimat ist Ganymed, Nadia und ich glaube immer mehr, ich möchte den fernen Mond auch zu meiner Heimat machen. Alles was du erzählst klingt so wundervoll und hier fühle ich mich einfach nicht mehr wohl.

Du willst doch sicher in Neu Moskau heiraten, oder Nadia? Ich glaube du wirst toll in einem Kleid aussehen!

Anna

Mail vom 30. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

in Neu Moskau scheint die Zeit anders zu fließen als hier. Jeder Tag ist bei euch eine Ewigkeit voller Wunder und Entdeckung. Jeden Tag erlebst du so viel, obwohl es nur eine kleine Kuppel ist.

Hier rennen alle Leute immer nur. Keiner hat Zeit.

Man kann in wenigen Stunden von Tokio nach London, doch man fährt nur durch einen drögen Tunnel ohne irgendwas zu sehen und die beiden Städte sind auch gleich.

Das Café von Herrn Ulson hat zugemacht. Schade, es war das letzte Café was wir hatten und ich mochte sein Eis. Doch kaum jemand wollte sich mehr hineinsetzen und was bestellen.

Du sagtest auf Neu Ganymed gibt es viele Cafè’s? Ich freue mich darauf sie alle zu entdecken. Ich freue mich darauf all die netten Leute kennenzulernen.

Anna

Mail vom 6. Juni 2274

Liebes Schwesterchen,

es freut mich, dass Sonja und Frau Zwetkow sich vertragen haben. Ich hoffe Sonja hat daraus etwas gelernt und sie wächst weiter.

Sie wäre sicher ein so tolles Mädchen wie du, wenn sie nicht immer so zornig wäre 🙂

Allerdings wäre sie auch nicht mehr Sonja, wenn sie nicht mehr zornig ist. Ich glaube ich werde viel Spaß haben mir dir und ihr.

Anna

Mail vom 8. Juni 2274

Liebes Schwesterchen,

viele hier sind besorgt wegen der Leute, die man zur Allianz geschickt hat. Man hört nichts mehr von ihnen.

Wird bei euch auch so viel über Eris und Pluto gesprochen? Ich hoffe nicht. Es sind nämlich immer sehr öde Gespräche.

Die alte Dame in deiner letzten Mail klang so nett. Sie ist sicher auch eines der vielen Wunder von Neu Moskau. Und sie hat Recht! Du bist Zuhause wo dein Herz dich hinzieht 🙂

Anna

Mail vom 14. Juni 2274

Liebes Schwesterchen,

ich finde es schön, wie du dem jungen Glasbläser geholfen hast. Er schien wirklich nicht zu wissen, ob es für seinen Beruf noch einen Platz gibt. Dabei ist doch alles so schön was sie machen!

Ich passe noch immer gut auf die Blume auf, die du mir geschickt hast.

Anna.

Mail vom 19. Juli 2274

Liebes Schwesterchen,

man hat sich heute über mich und dich lustig gemacht in der Schule. Sie alle finden es komisch, dass du zu einer Kolonie wie Neu Moskau gegangen bist und sie haben auch über mich gelacht, weil ich zu dir kommen will 😦

Ich habe fast geweint. Ich bin ihnen nicht böse, Nadia, aber ich finde es trotzdem Schade, dass sie so denken. Ich hoffe sie finden ihr Glück hier, aber ich werde nicht traurig sein wenn ich sie zurücklasse.

Hast du damals auch so gedacht, Nadia?

Anna

Mail vom 2. Juli 2274

Liebes Schwesterchen,

ich war heute wieder in dem Stadtzweig im Süden. Alles war so laut und groß. Da war gar kein Himmel mehr. Nur Beton und Glas. Sogar den Park hat man weggerissen und stattdessen einen Versammlungsplatz draus gemacht 😦

Auf alten Bildern sah diese Gegend so schön aus, doch nun hat man alles zugebaut. Schade. Ich hoffe auf Ganymed wird es niemals so werden.

Anna

Mail vom 6. Juli 2274

Danke für die vielen tollen Fotos, Schwesterchen.

Ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich.

Anna

Mail vom 10. Juli 2274

Auch hier gibt es Schönheit, Schwesterchen. Überall gibt es Schönheit. Ich habe in einem leeren Gebäude gespielt, an dessen Wänden man Bilder gemalt hat. Es waren schöne Bilder.

Auch Wassertropfen, die von einem Zaun fallen nach starkem Regen sind schön.

Oder Blumen die trotz allem es schaffen zwischen den Ritzen in der Straße zu wachsen. Sie sind besonders schönen.

Überall wo es Menschen gibt, kann es Schönheit geben. Ein toller Gedanke, oder?

Doch ich will die Schönheit von Ganymed sehen. Bin ich undankbar deswegen?

Bald kannst du mich zu dich holen, oder?

Ich freue mich sehr darauf.

Anna

»Das war die letzte Mail?«, fragte Sonja.

»Ja«, seufzte Nadia und klappte den Laptop zu. »Wenige Tage später begann der Krieg.«

»Klingt nach einem dummen, naiven Mädchen wie dir.«

»Danke, Sonja.«

»Sieh das nicht als Kompliment! Außerdem was war mit der Mail, wo sie mich wütend nannte? Was erzählst du über mich?«

»Nur die Wahrheit, Sonja. Nur die Wahrheit. Es ist auch nicht so schlimm. Die Art wie du wütend wirst, ist doch ganz süß oder?«

»Ach, halte doch die Klappe! Schlaf jetzt, morgen ist die verfluchte Ernte.«

Lächelnd kuschelte sich Nadia ein. Es war schade, dass sie nicht mit Anna schreiben konnte. Sie hoffte ihrer kleinen Schwester ging es gut. Wenn der Krieg zu Ende war, wollte sie sie auf jeden Fall hierher holen. Der Hochadmiral gab ihr auch genug Trinkgeld, damit sie sich das Ticket kaufen konnte.

Doch bis dahin war viel zu tun.

Die Zeit raste.

Und Morgen war bereits die große Ernte.

Prolog

Kapitel 21

Kapitel 23

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 22: Anna

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 21: Die Bewohner

Nach der Schlacht um Ceres hieß es für beide Seiten wieder Wunden lecken. Obwohl die Erde es geschafft hatte,die Allianz abzuwehren, so war als Preis dafür erneut eine Flotte praktisch aufgerieben und besaß nur noch in etwa die Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke. Namtar An’s Streitkräfte hatten zwar geringere Verluste erlitten, doch selbst diese waren fast zu viel. Nun wartete er darauf, dass reparierte Schiffe von Eris zurückkamen, sowie einige Gilgamesch, Damu und Enki, die frisch in den Docks fertiggestellt waren. Man hatte bereits vor dem Krieg mit deren Produktion begonnen, sodass sie nun bereit für den Einsatz sein konnten. Umgehend wurde dann natürlich mit dem Bau weiterer Kriegsschiffe begonnen.

Eine weitere gute Neuigkeit für die Allianz war, dass Makemake, Sedna und Haumea sich nun endlich auch entschlossen hatten dem Bündnis beizutreten. Somit brachten sie neue Flotten in den Krieg, die von der Orbitalstadt Hades Zero im Orbit von Makemake stammten.

Während all diese Schiffe nun auf den Weg ins innere System waren und Namtar An seine nächsten Züge plante, bekam Nadia einen Nachtmittag lang frei. Sonja würde allein die drei Gäste betreuen und so fand sie nach langer Zeit wieder Gelegenheit für einige Stunden durch Neu Moskau zu streunen. Dabei traf sie allerhand bekannte Leute wieder und sie nahm sich immer die Zeit zu hören, was diese zu sagen hatten.

Denn was gab es Schöner als die Stimmen der lächelnden Menschen dieser Kolonie zu hören?

»Ach Nadia«, grüßte sie der alte Blumenverkäufer bei der Katharina-Straße, »schön dich wieder zu sehen. Herrliches Wetter oder? Zu blöd, dass diese dummen Schiffe die Sonne verdecken, nicht wahr?«

»Liebes«, meinte die nette Frau kopfschüttelnd bei der Eisbude nahe am Zarin-Platz. »Nimm dir eine Extra-Portion. Du musst ja mit diesen schrecklichen Leuten von Eris leben. Du tust mir so leid, Liebes.«

»Meinem Rücken geht es wieder besser«, meinte der dürre Patient, der immer vor dem Krankenhaus saß und die Passanten grüßte. »Danke der Nachfrage, Nadia.«

»Geht es Frau Zwetkow gut?«, fragte der heimlicher Verehrer, der bis zum heutigen Tag überlegte welcher Blumenstrauß das beste Geschenk abgeben würde. »Hält sie immer noch alle auf Trab? Sie gibt sicher den bleichen Bastarden Feuer unterm hinten! Weißt du denn, was sie das nächste Mal frei hat und in die Stadt kommt? Diesmal lade ich sie ganz sicher zum Essen ein!«

»Ich bin so neidisch auf dich«, knurrte die junge Postzustellerin, die neben ihrem Motorrad saß und Pause machte. »Du kannst den ganzen Tag oben in dieser schönen Herberge sein, lernst tolle Leute kennen und kannst in der Natur unterwegs sein. Ich wünschte ich hätte so einen Job! Hey, dieser Admiral von dem du da erzählst. Ist der Single? Wenn ja, dann schnappe ihn dir. Eine bessere Partie wirst du nicht bekommen.«

»Sei immer dankbar für kaltes Wasser«, meinte der Bauarbeiter, der seine schmerzenden Füße in einem der Brunnen kühlte. »Kaltes Wasser am Morgen ist das Beste was es gibt. Mehr braucht es nicht, um einen Menschen glücklich zu machen. Kaltes Wasser, das einem den Schlaf aus den Augen wäscht.«

»Gefällt dir meine neuste Kreation«, fragte der Glasbläser und hob eine gläserne Giraffe in lila und rot hoch. »Hab die letzten drei Tage daran gearbeitet. Wenn du willst, Nadia, kannst du es haben. Aus Dank dafür, dass du mir damals Mut zugeredet hast. Du hast mir wirklich geholfen. Dank dir habe ich meine Leidenschaft wiedergefunden. Nimm! Bitte nimm!«

»Es bringt doch nichts so zu tun, als wäre alles in Ordnung«, schimpfte der Mann im Anzug, der im Park Spazieren ging. »Wieso leben sie hier alle so weiter, als wäre nichts passiert? Wir sind im Krieg! Wir müssen kämpfen! Alle gemeinsam!«

»Es bringt doch nichts sich unnötig aufzuregen«, seufzte die Mutter, die gerade Wäsche in ihrem Vorgarten aufhing. »Die Allianz-Leute sind hier und sie tun uns nichts. Sie lassen uns leben, arbeiten und haben bisher nichts getan um unsere Freiheit großartig einzuschränken. Ja, wir dürfen nicht mehr zu anderen Kuppeln oder Kolonien reisen, aber die meisten hier haben doch eh kein Interesse daran diesen Ort zu verlassen. Ich finde es hätte schlimmer sein können.«

»Wegen diesen bleichen Bastarden verpasse ich die Hochzeit meine Schwester«, knurrte der Bruder, der wütend auf die Schnellbahn blickte, die sonst immer zwischen den Kuppeln auf Ganymed hin und her fuhr. »Sie lebt in New Wolgograd. Ich frage mich, wann ich sie wiedersehen kann.«

»Sie haben mehr Schiffe verloren als sie zugeben«, murmelte der Mann mit der Dachwohnung unter vorgehaltener Hand. »Ich zähle ihre Schiffe mit meinem Fernrohr. Seit ihrer Ankunft zähle ich sie. Von Ceres sind viel weniger Schiffe zurückgekommen, als hingeflogen sind. Sie lügen über die Verluste. Vertraue keinem Wort von diesem Admiral, Nadia!«

»Unser guter Bürgermeister ist gerade nicht da«, gähnte die gelangweilte Wache vor dem Rathaus. »Er ist gerade in seinem Lieblingslokal mit Freunden. Versucht wohl sich zu Tode zu fressen, um dieser ganzen Situation zu entkommen. Ist jeden Tag da.«

»Ich finde ihre Soldaten schrecklich«, regte sich die alte Dame auf, die mit ihrem blauen Hut jeden Tag durch die Stadt stolzierte. »Sie sehen hässlich aus und stehen an allen schönen Plätzen! Sie sind wie unerwünschte Pickel! Ach, wieso muss ich all dies noch in meinen letzten Tagen erleben! Pfui!«

»Ich habe gehört, dass einige der Erd-Marines entkommen konnten«, spekulierten einige Schuljungen der höheren Klassen auf ihrem Nachhauseweg. »Die Allianz hat versucht sie alle zu töten, doch einige konnten entkommen und sollen nun in der Kuppel sein! Wer weiß, was die hier machen. Sicher nichts gutes für die bleichen Bastarde. Vielleicht wird es hier bald sehr heiß werden!«

»Wir mögen ihn«, lachten die Kinder und deuteten zu der großen Kampfdrohne, die in der Mitte des grünen Platzes stand und an desren Geschützrohr gerade ein Junge hin und her schwang. »Er lässt uns auf ihn herumklettern. Es macht viel Spaß auf ihn zu spielen. Komm, Nadia! Komm uns guck zu!«

»Ich hatte einen guten Traum«, sagte der Besitzer des ältesten Cafè’s am Grünen Platz, während er an einem Tisch saß mit einem warmen Becher. »Einen sehr schönen Traum von meiner Jugend. Es roch nach Aprikosen. Soll ich dir von meinem Traum erzählen, Nadia?«

»Diese Stadt hat viele Geheimnisse«, flüsterte die Dame in schwarz, umgeben von Katzen. »Kennst du das grüne Haus nahe beim Harfen-Weg? Gehe dorthin und an dem schmalen Steg den nahen Kanal entlang. Du wirst eine weiße Treppe finden. Wenn du hinaufgehst wirst du ein Wunder erblicken! Ja, diese Stadt hat viele verborgene Wunder. Hast du schon einmal den herrlichen, kleinen Garten, versteckt bei der Matthias Kirche, gefunden?«

»Ich mag die Vögel hier«, erzählte der Soldat von Eris blechern aus seinem Helm. Auf einem seiner großen, gepanzerten Finger saß eine weiße Taube. »Auf Charon gibt es keine Vögel. Ich mag ihren Gesang. Wenn ich hier stehe, höre ich zu wie sie in den Bäumen zwitschern. Ein schöner Gesang ist das. Es erinnert mich an die Lieder, die meine Mutter mir damals vorgesungen hat, damit ich den Lärm der Fabriken nicht hören musste.«

Der Tag nährte sich langsam wieder dem Ende. Ein Farmer bot ihr an sie ins Dorf zurückzufahren und von dort aus brachte Herr Schildmann sie zurück zur Herberge. Sie hörte Kevin und Enkidu Ki in der Küche hantieren. Martu Me saß wie sonst im Ahorn Zimmer. Ashnan Nusku stand bewegungslos unter der Treppe. Namtar An grüßte sie von seinem Zimmer aus, als sie hoch in den ersten Stock stieg. Sie grüßte zurück, bevor sie müde zurück in ihr Zimmer schlich.

»Und, hast du wieder alle mit deinem Gefasel genervt?«, fragte Sonja, die bereits im Bett saß und ein Magazin las.

»Es war ein herrlicher Tag«, meinte Nadia nur und begann sich umzuziehen. »Sehr herrlich. Wie immer.«

»Ich wette, die bleichen Bastarde waren das Thema Nummer eins, oder?«

»Manche haben sie erwähnt, ja.« Mit diesen Worten kroch auch Nadia unter ihre Decke, holte ihren tragbaren Computer hervor und begann alte Mails von ihrer kleinen Schwester zu lesen.

Prolog

Kapitel 20

Kapitel 22

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 21: Die Bewohner

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 20: Ceres

Tausende Menschen hatten sich auf dem grünen Platz versammelt, als ein Teil der Allianzschiffe abhob um weitere Schlachten zwischen den Planeten des Sonnensystems zu schlagen.

Ashnan Nusku flog mit ihrem Flaggschiff der Urash davon, um die Eris Flotte gegen Ceres zu führen. Martu Me wiederum übernahm von seinem Schiff, die Inanna, aus die Kontrolle über die Charon Flotte und diente als Reserve.

»Die sind wahnsinnig«, sagte Sonja, als sie zusahen, wie die Lichter zum Halo aufstiegen. »Sie wollen gegen die Erde antreten und denken sie könnten gewinnen?«

»Mmh«, machte Nadia nur, während sie für all die Seelen auf den Schiffen betete. Mögen nur wenige in dem was kommen sollte sterben.

Da nur noch der Hochadmiral selbst und der oberste Administrator in den sieben Kastanien zurückblieben, gab es wesentlich weniger zu tun. Sonja bevorzugte es alles immer und immer wieder sauberzumachen oder bummelte unten in der Stadt. Wegen der Lage schaffte es Enkidu Ki nicht mehr mit Kevin zu kochen, sodass der Gehilfe die Zeit nutzte um einige neue Rezepte zu entwerfen. Frau Zwetkow hielt derweil weiterhin die Dorfbewohner in Arbali auf Trab.

Nadia dagegen war nun so etwas wie die private Dienern von Namtar An und stand somit ständig im Schatten des Grünland Zimmers, aus dem man alle Möbel geschleppt und stattdessen mit Unmengen an Monitoren und Geräten ausgetauscht hatte. Der Hochadmiral stand auf einer Art Plattform vor dem größten Bildschirm auf dem eine digitale Version des Sonnensystems mit vielen komplizierten Daten und Berechnungen abgebildet war. Er gab Befehle, die Enkidu Ki dann weiterleitete.

So bekam Nadia zum Teil tatsächlich mit, wie sich die Offensive entfaltete.

Ceres war der größte Körper im Asteroidengürtel mit einer starken Industrie und großen Häfen, da die Kolonie die wichtigste Verbindungszone zwischen dem inneren und dem äußeren Kreis darstellte. Dementsprechend war das gesamte Areal schwer bewacht und besaß eine eigene Flotte aus Erdschiffen.

Die Schlacht begann als Ashnan Nuskus die ersten Void-Torpedos abschoss und ihre Formation in die Umlaufbahn von Ceres und einigen anderen nahen Asteroiden brachte. Große Gefechte brachen aus als die 6. Flotte der Erde Gegenangriffe startete.

Für Nadia waren es nur rote und orangene Punkte auf dem Bildschirm und sie konnte nicht nachvollziehen, wieso die Schiffe sich hierhin oder dorthin bewegten. Manchmal erlosch dann ein Punkt und war nicht mehr gesehen. Immer wenn dies geschah, betete sie ein wenig.

Eines späten Abends dann als sie mit Sonja eine Pause einlegte bemerkte sie einen großen, hellen Ring am Nachthimmel der flimmerte und glühte. Das Innere pulsierte dabei wie ein brennendes Herz.

»Sie benutzen Tartaros Torpedos«, erklärte Kevin, der sich zu ihnen setzte. »Nur sie lassen sich so klar aus dieser Entfernung erkennen. Bei Ceres muss es gerade fürchterlich sein, wenn sie solche Waffen benutzen.«

»Was sind Tartaros Torpedos«, fragte Nadia zaghaft.

»Die stärkte Void Torpedoklasse die es gibt. Ein einzelner von ihnen kostet mehr als eine ganze Kuppel. Sie haben einen Explosionsradius von 0.015 Lichtsekunden und können damit einen ganzen Zwergplaneten wie Eris zerreißen. Auch ein Treffer auf der Erde würde den blauen Planeten für immer verwüsten und alles Leben von ihm tilgen.«

»Schrecklich«, meinte Sonja und schüttelte sich in Unbehagen. »Wieso baut man solche gräßlichen Waffen?«

»Weil ein gut gezielter Tartaros Torpedo eine ganze Flottille zerstören kann«, entgegnete Namtar An, der ebenfalls auf den Balkon trat, vermutlich auch in dem Verlangen nach einer kurzer Pause an der frischen Luft. Er rieb sich die vor Konzentration schmerzenden Schläfen. »Wir dürfen auch niemals zulassen, dass die Erde es schafft eine Gegenoffensive in den äußeren Ring zu starten. Ein einziger Tartaros Torpedo gegen Eris würde den ganzen Krieg beenden.«

»Würdet ihr denn einen gegen die Ceres benutzen?«, fragte Nadia erschüttert und starrte in den Himmel wo erneut ein Ring des Todes sich auszubreiten begann. Es war als würde ein Teufel Teile der Hölle hierher in die Welt der Sterblichen zerren. »Oder gegen die Erde?«

Sonja atmete tief ein und wartete gebannt auf die Antwort. Kevin sah einfach ausdruckslos weiter nach oben.

»Nein«, antwortete Namtar An. »Ich werde keinen Tartaros Torpedo gegen die Erde benutzen und gegen keinen anderen Planeten. Keine Sorge.«

Nach fast fünf Tagen, dem ersten zerstörten Gilgamesch Schlachtschiff der Allianz und über zwölf abgeschossenen Tartaros Torpedos war es klar, dass Ashnan Nusku keinen Durchbruch erringen würde und sie zog sich mit geringen Verlusten zurück.

Trotz des Einsatzes so vieler Massensvernichtungswaffen hatte keine Seite es anscheinend geschafft große Teile der gegnerischen Flotten zu vernichten.

Die 6. Flotte der Erde versuchte noch eine Verfolgung, stieß aber gegen Marut Me und seinen Reserven. Weitere drei Tartaros Torpedos wurden eingesetzt, diesmal mit mehr Effekt. Über ein Drittel der verbliebenen Schiffe der Erde wurden dabei zerstört. Nach diesen Verlust entschied man sich die Allianz Streitkräfte entkommen zu lassen, die sich wieder beim Jupiter sammelten.

»Auf der Erde wird man dies als großen Sieg feiern«, meinte Namtar An, als die die letzten Nachrichten ankamen. »Sollen sie doch Sekt trinken und jubeln. Sollen sie die Stärke ihrer Flotten preisen. Soll ihre alte Überheblichkeit zurückkehren. Ich hatte nie vor diese Schlacht zu gewinnen. Es ging nur darum zu testen, wie stark ihre Verteidigungen sind, mehr nicht.«

Das bedeutet, dass er mit Ceres noch nicht fertig ist, dachte sich Nadia, als sie ihm den Kaffee servierte.

Wegen der Verluste bei der 6. Flotte beorderte Oberadmiralin Chiang die 5. Flotte vom Mars und sogar eine der drei Schutzflotten von der Erde selbst in den Gürtel. Sie nahmen nicht direkt um Ceres herum Stellung ein, sondern blieben an Punkten von wo sich leicht wieder zum Mars oder Erde zurückkehren konnten falls dort etwas passierte, aber gleichzeitig immer noch nahe genug im Falle eines zweiten Angriffs einzugreifen.

So kehrte der Status Quo zurück und schneller als erwartet landeten Ashnan Nusku und Matru Me wieder auf Ganymed. Natmar An trank wie immer Kaffee als er ihre Schiffe beim Landeanflug betrachtete.

Die 1. Schlacht um Ceres war offiziell vorbei.

Prolog

Kapitel 19

Kapitel 21

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 20: Ceres

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 19: Berggipfel

Die letzten Tannen wichen und die Blumenwiesen wurden zurückgelassen. Felsen, hohes Gras und ein starker Wind empfingen sie, als sie den Gipfel der Moskauer Nase erreichten. Verschwitzt öffnete Nadia die Arme und ließ die starken Brisen ihren Körper abkühlen. In ihrer Fantasie stellte sie sich vor, wie der Gott dieses Berges sie willkommend in die Arme nahm.

Der Hochadmiral derweil schritt ohne irgendein Anzeichen von Erschöpfung direkt zur Kante des steilsten Abhanges und sah hinab auf die weite Ebene. Der Wald, die Weiden, die Felder und schließlich die Stadt erstreckten sich dort unten, präsentierten all den Glanz dieser Kuppel.

Ein Ring aus Wolken hatte sich um den Halo gebildet und beim Jupiter zog das kosmische Ballett seiner Monde vorbei. Ein Falke hockte auf dem nahen Kreuz und beobachtete sie misstrauisch.

»Dies ist also deine Heimat, Nadia«, sprach Namtar An nach einigen Minuten des Schweigens.

»Ja, Mister. Dies ist meine Heimat.«

»Mmh. Es wundert mich eigentlich. Wieso haben du oder Sonja nie gefragt was mit Ashnan Nusku passiert ist. Ihr Äußeres ist wahrlich nichts Normales hier.«

»Solche Fragen werden meistens als unhöflich angesehen, Mister.«

»Ist dem so? Vermutlich. Es ist zumindest kein wirkliches Geheimnis. Als sie jünger war, arbeitete sie auf einer Fabrik im Herzen von Eris. Wie es nun einmal so kommt, geschah ein Unfall und ihre Gesicht wurde zerfetzt. Chemikalien lösten ihre Lunge teilweise auf und ein Großteil ihrer Haut wurde weggeätzt. Selbst mit unserer Medizin konnten wir sie beinahe nicht mehr retten. Damit sie atmen konnte, gaben wir ihr künstliche Lungen und eine Maske, die Sauerstoff in sie hineinpumpt. Als sie sich einigermaßen erholt hatte, trat sie dem Militär bei und versteckt seitdem ihr Äußeres unter der Uniform.«

»Das klingt schrecklich, Mister. Die Arme.«

»Sei am besten nicht so mitleidig in ihrer Gegenwart, Nadia. Sie hasst dies. Wieso denkst du nun habe ich dir dies eben erzählt?«

»Vielleicht, damit ich die schwarze Flügeladmiralin besser kennenlerne, Mister?«

»Eventuell das auch, aber eigentlich wollte ich so nur noch einmal verdeutlichen, was der Preis dafür ist im äußersten Ring zu hausen. Sie ist kein Einzelfall und die Leere nagt unaufhörlich an unseren Körpern, Nadia. Du bist sicher froh hier zu leben. Ich kann es verstehen. Doch vergiss nicht, dass nichts umsonst ist. Wir von der Allianz müssen die Härte weit ab von der Sonne ertragen für unsere Freiheit. Was denkst du ist der Preis für die Ruhe und die Idylle, die du hier genießt?«

Darauf wusste Nadia nun nichts mehr zu sagen. Sie blickte den Hochadmiral einfach nur verwirrt an, während ihre Gedanken sich überschlugen. Was meinte er mit Preis? Was gab es zu bezahlen? War es nicht genug hier zu leben? War Ganymed etwa nicht dankbar dafür, dass sie auf seiner Oberfläche schritt.

Namtar An lächelte und setzte sich auf einen Felsen. Er schloss die Augen und schien dann in Meditation zu versinken.

Da sie ihn nicht stören wollte, trat sie etwas zur Seite, trank etwas Wasser und legte sich in das Gras um sich zu erholten und um ebenfalls ihren Kopf zu ordnen. Tatsächlich half es heute vom Gesang des Windes davongetragen zu werden, während die weiche Matte an Pflanzen sie in Ganymed selbst zu saugen schien. Sie hütete sich davor zutief in sich selbst zu wandern und ließ stattdessen einfach den Stress und die Verwirrung ausklingen.

Sie versuchte auch nicht weiter über seine Worte von eben nachzudenken. Nein. Sie wollte einfach nur versuchen wie früher auch ihre Präsenz auf diesem wunderbaren Mond zu genießen.

Als der Hochadmiral sich dann wieder erhob, stand sie dann wieder bereit und gab ihm ein Brötchen zum Essen.

»Was ist eigentlich deine Meinung zum Krieg, Nadia?«, fragte er kauend, noch immer auf den Stein hockend. Der Falke war etwas näher zu ihm gehüpft. »Wer sind für dich die Guten und wer sind für dich die Bösen? Welche Seite hat recht? Wer soll gewinnen und wer soll verlieren?«

Dies waren schreckliche Fragen. Nadia wollte sie nicht beantworten. Sie wollte sich keine Gedanken um diese Themen machen. Sie wollte einfach weiter ihr Leben fortführen. Doch sie konnte auch nicht nichts sagen.

»Solange all dies weiter existieren wird, kann meiner Meinung nach jede Seite gewinnen oder verlieren, Mister«, sagte sie und deutete mit ihrer Hand zu der ausgebreiteten Landschaft. »Solange Neu Moskau für mich weiter bestehen bleibt, ist alles für mich in Ordnung. Mir ist es egal, ob wir Menschen irgendwann andere Sterne besiedeln oder wer uns regiert, solange ich weiter hier leben darf.« Sie lächelte so freundlich wie sie konnte. »Aber falls es Sie beruhigt, ich halte Sie nicht für böse, Mister.«

»Das ist gut zu hören«, entgegnete er und sein Blick glitt über die Felder hinweg, bei denen bald die letzte Ernte eingefahren werden würde.»Ja, das ist wirklich schön zu hören. Danke dafür, Nadia. Und danke dafür, dass du ehrlich bist. Wir werden sehen, wohin diese Ansichten dich bringen. Manche würden sagen du bist weise so zu sprechen. Andere würden dich naiv nennen.«

»Ich würde eher auf die Naivität tippen«, scherzte sie und sie spürte wie ihre Zöpfe in dem Wind wie Pendel schwangen.

»Wir werden sehen.« Der Hochadmiral stand auf. »Nun kehren wir am besten zurück. Es gibt viel zu tun. Sehr viel. Diese Wanderung hat mir geholfen, meine eigene Nervosität und Zweifel zu dämmen. Nun heißt vorwärts. Vorwärts zum Sieg.«

»Schön, dass Sie den Ausflug genossen haben«, sagte Nadia glücklich.

Und so begannen sie beide zusammen wieder den Abstieg. Seite an Seite.

Am darauf folgenden Tag kam die Charon Flotte endlich beim Jupiter an und am nächsten Morgen von Ganymed wurde die erste Schlacht von Ceres eingeleitet. Der bisher erstarrte Krieg wurde somit neu entfacht.

Prolog

Kapitel 18

Kapitel 20

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 19: Berggipfel