Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 23: Ernte

Es war Spätsommer und somit würde die Kuppel würde auf ihr Herbstprogramm umschalten. Die Temperaturen würden sinken, das Wetter neu reguliert, sodass es mehr regnet und die Bäume würden in tausenden von Farben erstrahlen. So viele Spielarten von Rot, Braun und Gelb, wie man es sich kaum vorstellen konnte. Der gesamte Wald würde ruhiger werden, während die Blätter in sanfter Zufriedenheit zu Boden fielen, froh ihren Zweck erfüllt zu haben und mit ihrem Tod Nahrung für die Pflanzen im nächsten Frühling werden würden. Die Kinder in der Stadt würden beginnen Mützen zu tragen und der Duft bratender Kastanien in der Luft liegen.

Die Nacht der zehntausend Laternen würde auch kommen.

Doch bevor all dies, sollte die große Ernte kommen. Das große Ereignis, das den Übergang vom Sommer auf den Herbst markierte.

Der letzte Weizen auf den Feldern im Osten würde eingefahren werden und anstatt mit Erntemaschinen, würden die Bewohner der Kolonie mit Sicheln und Sensen ans Werk gehen. Am frühen Morgen machten sich unzählige Familien auf den Weg zu den Bauernhöfen, sei es mit dem Auto, dem Rad, der Bahn oder auch zu Fuß. Auch von den sieben Kastanien brach man auf. Neben den Mitarbeitern wanderten auch die Admiräle der Allianz zusammen mit zehn Leibwächtern mit. Namtar An hatte sein Interesse gezeigt und wollte unbedingt mitkommen.

Zwei Stunden später erreichten sie das Feld vom grummligen Georg, der etwas südlich von Arbali wohnte. Einige der Mütter bereiteten bereits die Picknick-Decken für den Mittag aus, während die Väter den jüngeren Kindern zeigten wie man mit den Werkzeugen umging. Am Himmel schwebten einige der Kampfdrohnen der Allianz um ihren Hochadmiral zu beschützen.

»Diese Tradition soll den Zusammenhalt der Kuppel stärken, Mister«, erzählte Nadia, nachdem sie einige Grüße ausgetauscht hatten. »Durch gemeinsame Arbeit soll man sich besser kennenlernen und das Gefühl bekommen, dass man etwas erreicht hatte. Am Abend dann gönnt man den Muskeln etwas Ruhe oder tanzt zur Feuer der eingefahrenen Ernte.«

»Eine wunderbare Tradition«, meinte Namtar An nur, während Enkidu Ki hinter ihm einen Sonnenschirm aufspannte.

Martu Me setzte sich auf ein Klappstuhl und lächelte zu einigen jungen Mädchen in der Nähe hinüber, die dies zum Anlass nahmen eilig das Weite zu suchen. Ashnan Nusku verwandelte sich wieder einmal zu einer starren Statue und nahm alles scheinbar teilnahmslos in sich auf.

Sonja ächzte als sie mit Kevin einige der schweren Wasserflaschen aus den Laster hievte. Es würde harte Arbeit werden und sie brauchten viel Flüssigkeit.

»Unglaublich, dass ich jedes Jahr diesen Mist mitmachen muss«, stöhnte die Mitarbeiterin und wischte sich den Schweiz vom Gesicht.

»Niemand zwingt dich, Sonja. Du hättest auch bei der Herberge bleiben können.«

»Ich wäre dann aber die einzige gewesen, Nadia, Das wäre doch peinlich und ganz sicher will ich nicht die Außenseiterin sein, über die man quatscht.«

»Man quatscht doch ständig über dich, Sonja.«

»Dann sollen sie zur Hölle fahren! Es wäre einfach blöd nicht mitzukommen! Ach, verdammt. Am liebsten würde ich diese ganze dumme Tradition ganz in die Tonne werfen.«

»Aber solche Traditionen sind wichtig«, entgegnete Namtar An, der interessiert zugehört hatte. »Nicht nur schaffen sie regionale Identität und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl, sie prägen auch deinen eigenen Charakter.«

»Du hast mir gar nichts zu sagen«, knurrte Sonja, doch so leise, dass nur Nadia sie hörte.

»Manche der überlebenden postmodernen Denker auf der Erde würden das absolut gar nicht so ansehen«, meinte Martu Me, der anscheinend Lust hatte auf eine kleine Diskussion. »Sie wären gegen die Formung einer regionalen Identität und solche Traditionen. Sie stehen ja rein für individuelle Identität und alles darüber hinaus führt immer nur zu Gruppenbildung und damit Konflikte.«

»Es gibt einen Grund wieso es kaum noch Postmoderne Philosophen gibt, Martu. Sie dachten man könnte alles hinterfragen und einreißen. Sogar die Logik selbst wollten sie verformen. Und was war das Ergebnis? Trotz aller Versuche der Hyperindividualisierung im 21. Jahrhundert bildeten sich dennoch Gruppierungen, man hasste sich und man bekämpfte sich. Auf den Straßen floss Blut und man versank in Ideologiekämpfe. Am Ende war der Glaube an die Hyperindividualisierung auch nur eine Ideologie von vielen, die kein anderes Meinugnskonstrunkt tolerierte. Und weil man nun jede Seite eine andere Logik benutzte, konnte man sich nicht einmal mehr verständigen. Es gibt einen Grund, wieso die Menschen nach den Zusammenbruch wieder völkischer wurden. Nationale oder kulturelle Identität nahm wieder Stellenwert bei den Menschen ein. Dies änderte sich auch nicht bei der Gründung der Kolonien außerhalb der Erde, wo wie von selbst Menschen aus relativ gleichen Kulturkreisen in eigene Kuppeln zogen, wie hier in Neu Moskau die Russen und Russlanddeutsche. Wie von selbst bildeten sich neue Traditionen wie diese hier. Ja, wahrlich faszinierend, das sich immer verformende Bild der Kulturen und Völker der Menschen. Die Postmodernen wollten dieses Bild einreißen oder so sehr alles vermischen, dass nur noch braune Grütze übrig blieb. Doch schlussendlich kratzen sie sich die Finger blutig.«

»Meine Güte, was für eine Rede«, murmelte Sonja. »Was brabbelt er da?«

»Ich glaub er findet es einfach toll, was wir hier machen«, vermutete Nadia.

»Will nichts dagegen sagen«, lachte Martu Me. »Ohne eine nationale Identität würde es unsere Bewegung auf Eris und die Allianz ja gar nicht geben. Doch ich würde auch gerne fragen, wieso die Denkrichtung der Postmodernen überhaupt noch am Leben blieb.«

»Ideen sind schwer zu töten, mein Freund und das ist gut so. Aber wenn du meine Überlegungen dazu hören willst…«

An dieser Stelle entschieden sich Nadia und Sonja zu gehen. Sollen die beiden Männer doch allein weiter reden. Frau Zwetkow wartete schon beim grummeligen Georg auf sie.

Doch die Mitarbeiterin der sieben Kastanien wurde schon nach einigen Schritten von Ashnan Nusku aufgehalten, die plötzlich ihre Hand nach vorne ausgestreckt und ihre Schulter gepackt hatte. Niemals zuvor war Nadia so kurz davor gewesen vor Schreck zu sterben.

»Wieso?«, röchelte sie.

»Wieso was, Madam?«, ächzte Nadia zurück, die sich die Brust hielt.

»Wieso habt ihr hier einen Herbst? Wieso die Mühe? Wäre es nicht besser, das ganze Jahr Sommer über zu haben? Mann kann mehr arbeiten. Mann kann mehr ernten. Wieso der Herbst?«

»Nun, Madam.« Sie war nun verwirrt. Wie sollte man bitte darauf antworten? »Der Herbst ist halt schön.«

»Der Herbst ist schön?«

»Ja. Haben Sie nie einen Herbst erlebt, Madam?«

»Nein.«

»Nun… dann warten sie doch bis die Blätter sich verfärben. Setzen sie sich auf unsere Veranda und sehen sie zu, wie die Welt sich verändert. Sie werden dann sicher sehen, wieso der Herbst so schön ist und wieso wir ihn haben wollen, Madam.«

Keine Antwort. Nadia blieb noch einige Sekunden stehen, bevor sie sich aus den Griff löste und sich vorsichtig davonschlich. Ashnan Nusku blieb mit erhobenen Arm stehen wo sie war.

Als die Ernte losging, arbeitete sich Nadia mit einem kleinen, süßen Sichel vorwärts. Eine Handvoll Weizen nach dem anderen schnitt sie ab. Neben ihr war Sonja, die sich gleich eine Sense genommen hatte und nun ihren inneren Sensenmann ausließ. Es schien als wollte sie sich an jedem Korn persönlich für ihr Schicksal rächen.

Oben auf den Hügel stand Frau Zwetkow mit einem Megafon und trieb mit donnernde Stimme die Arbeitenden an. In der Nähe standen die drei Admiräle und der oberste Administrator unter dem Sonnenschirm und sahen zu. Ab und zu pfiff Martu Me aufmunternd.

Irgendwann begannen sie alte Volkslieder zu singen und die ersten machten Pause. Man lächelte sich immer zu und Wasser wurde herumgereicht. Namtar An persönlich kam einmal herunter um Nadia und Sonja Flaschen zu geben.

Zwei der Soldaten von Eris fragten ihre Vorgesetzten zur Mittagszeit dann ob sie mithelfen könnten. Man erlaubte es ihnen und so traten die Männer in den Exorüstungen nach unten, nahmen sich vorsichtig Sensen und arbeiteten dann mit. Zuerst waren die Menschen etwas verstört deswegen, doch je wärmer es wurde und die Anstrengung sich mehr und mehr auf den Gesichtern zeigte, so war man einfach nur dankbar für jede helfende Hand. Man lachte sogar angesichts ihrer Ungeschicklichkeit bei dieser ungewohnten Arbeit.

In Abständen aßen die verschiedenen Familien dann auch zusammen auf den Picknick-Decken. Krähen sahen neugierig von der Scheune her zu. Kühe muhten beim Gehege und Sonja wurde lebendig von Mücken gefressen.

Gegen Abend war das Feld fertig und müde und verschwitzt ließ sich Nadia ins Gras fallen. Frau Zwetkow drückte ihr, Sonja und Kevin ein Eis in die Hand als Dank für die gute Arbeit. Jemand in der Nähe begann Gitarre zu spielen und die Männer hievten das Korn zum Hof.

Zum Abschluss entzündete man ein Feuer um das dann einige Menschen zu tanzen begannen. Wein wurde ausgeschenkt, die Stimmung wurde heiterer und man lachte umso lauter. Man konnte weitere Feuer von den andern Feldern sehen. Die gesamte Ostseite der Kuppel glühte heute in dem Schein der Flammen und es schien vergessen, dass fremde Truppen gerade Ganymed besetzt hatten und es Krieg gab.

Nadia stand irgendwann auf und sah zu wie die Glühwürmchen mit den Funken tanzten. Irgendwann tippte jemand auf ihre Schulter und als sie sich umdrehte stand dort lächelnd Namtar An. Er hielt ihr die Hand entgegen und lud sie zum Tanz ein.

Fast ohne Zögern nahm sie an und zog mit ihm Kreise um das Feuer.

Ganz in ihrer Nähe war Kevin der mit seiner Verlobten tanzte.

Sonja stritt sich lautstark im Hintergrund mit dem grummligen Georg.

Frau Zwetkow brüllte freudig und küsste den Bäcker Herr Schildmann auf die Wange, der dadurch vor Glück fast in Ohnmacht fiel.

Martu Me warf sich lachend in seinem Stuhl hin und her, während er ein Glas Wein nach dem anderen trank.

Enkidu Ki zeigte den faszinierten Kindern einige Hologramme von Drachen und Greifen von seiner Hand aus.

Selbst Ashnan Nusku hatte sich etwas näher herangetraut und wippte nun im Takt der Musik.

Es war eine der schönsten Nächte die Nadia seit langer Zeit hatte. All die dunklen Gedanken und Selbstzweifel waren vergessen. Tiefe Freunde am Leben durchfloss sie. Ja, sie weinte vor Glück.

So sollte jeder Tag sein. Unvergesslich.

Spät fuhren sie zu den Sieben Kastanien zurück und schliefen ausgiebig.

Eine Woche später begann die große Schlacht um den Neptun.

Prolog

Kapitel 22

Advertisements
Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 23: Ernte

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 22: Anna

Mail vom 05. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

danke für das Geschenk, was du mir geschickt hast. Die Glasblume von dem netten, alten Glasbläser sieht wirklich schön aus. Man merkt die Liebe die er hineingepackt hat 🙂

Weil es ein Stück von deinem geliebten Ganymed ist, werde ich es nahe am Herzen tragen. Ich hoffe wir sehen uns bald wieder.

Anna.

Mail vom 09. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

ich finde deine Beschreibungen von Neu Moskau so schön! Ich kann mir richtig vorstellen durch die Straßen zu gehen, so wie du es erzählst.

Ich will wirklich auch bald nach Ganymed und die Stadt mit eigenen Augen sehen.

Bei uns bauen sie nur wieder neue Fabriken und Firmengebäude. Überall sind nur wieder hässliche Schornsteine. Bläh! Ich kann die Sonne kaum mehr sehen.

Hoffentlich strahlt sie bei dir umso heller!

Anna

Mail vom 15. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

heute haben Heinrich und Flora geheiratet 🙂

Es war sehr schön. Man hat extra Blumen aus den Grünhäusern von Petropawlowsk hergeholt und weiße Tauben aus den Zuchthäusern in Peking. Sowohl die Blumen als auch die Tauben werden hier schnell sterben, da alles so giftig ist 😦

Doch ich hoffe sie haben sich gefreut bei so einer schönen Hochzeit dabei gewesen zu sein.

Heinrich und Flora wollen hier wohnen bleiben und hier ihre Kinder aufziehen. Er mag die Leute hier. Sie mag ihre Arbeit. Für sie bleibt Russland ihre Heimat.

Doch deine Heimat ist Ganymed, Nadia und ich glaube immer mehr, ich möchte den fernen Mond auch zu meiner Heimat machen. Alles was du erzählst klingt so wundervoll und hier fühle ich mich einfach nicht mehr wohl.

Du willst doch sicher in Neu Moskau heiraten, oder Nadia? Ich glaube du wirst toll in einem Kleid aussehen!

Anna

Mail vom 30. Mai 2274

Liebes Schwesterchen,

in Neu Moskau scheint die Zeit anders zu fließen als hier. Jeder Tag ist bei euch eine Ewigkeit voller Wunder und Entdeckung. Jeden Tag erlebst du so viel, obwohl es nur eine kleine Kuppel ist.

Hier rennen alle Leute immer nur. Keiner hat Zeit.

Man kann in wenigen Stunden von Tokio nach London, doch man fährt nur durch einen drögen Tunnel ohne irgendwas zu sehen und die beiden Städte sind auch gleich.

Das Café von Herrn Ulson hat zugemacht. Schade, es war das letzte Café was wir hatten und ich mochte sein Eis. Doch kaum jemand wollte sich mehr hineinsetzen und was bestellen.

Du sagtest auf Neu Ganymed gibt es viele Cafè’s? Ich freue mich darauf sie alle zu entdecken. Ich freue mich darauf all die netten Leute kennenzulernen.

Anna

Mail vom 6. Juni 2274

Liebes Schwesterchen,

es freut mich, dass Sonja und Frau Zwetkow sich vertragen haben. Ich hoffe Sonja hat daraus etwas gelernt und sie wächst weiter.

Sie wäre sicher ein so tolles Mädchen wie du, wenn sie nicht immer so zornig wäre 🙂

Allerdings wäre sie auch nicht mehr Sonja, wenn sie nicht mehr zornig ist. Ich glaube ich werde viel Spaß haben mir dir und ihr.

Anna

Mail vom 8. Juni 2274

Liebes Schwesterchen,

viele hier sind besorgt wegen der Leute, die man zur Allianz geschickt hat. Man hört nichts mehr von ihnen.

Wird bei euch auch so viel über Eris und Pluto gesprochen? Ich hoffe nicht. Es sind nämlich immer sehr öde Gespräche.

Die alte Dame in deiner letzten Mail klang so nett. Sie ist sicher auch eines der vielen Wunder von Neu Moskau. Und sie hat Recht! Du bist Zuhause wo dein Herz dich hinzieht 🙂

Anna

Mail vom 14. Juni 2274

Liebes Schwesterchen,

ich finde es schön, wie du dem jungen Glasbläser geholfen hast. Er schien wirklich nicht zu wissen, ob es für seinen Beruf noch einen Platz gibt. Dabei ist doch alles so schön was sie machen!

Ich passe noch immer gut auf die Blume auf, die du mir geschickt hast.

Anna.

Mail vom 19. Juli 2274

Liebes Schwesterchen,

man hat sich heute über mich und dich lustig gemacht in der Schule. Sie alle finden es komisch, dass du zu einer Kolonie wie Neu Moskau gegangen bist und sie haben auch über mich gelacht, weil ich zu dir kommen will 😦

Ich habe fast geweint. Ich bin ihnen nicht böse, Nadia, aber ich finde es trotzdem Schade, dass sie so denken. Ich hoffe sie finden ihr Glück hier, aber ich werde nicht traurig sein wenn ich sie zurücklasse.

Hast du damals auch so gedacht, Nadia?

Anna

Mail vom 2. Juli 2274

Liebes Schwesterchen,

ich war heute wieder in dem Stadtzweig im Süden. Alles war so laut und groß. Da war gar kein Himmel mehr. Nur Beton und Glas. Sogar den Park hat man weggerissen und stattdessen einen Versammlungsplatz draus gemacht 😦

Auf alten Bildern sah diese Gegend so schön aus, doch nun hat man alles zugebaut. Schade. Ich hoffe auf Ganymed wird es niemals so werden.

Anna

Mail vom 6. Juli 2274

Danke für die vielen tollen Fotos, Schwesterchen.

Ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich.

Anna

Mail vom 10. Juli 2274

Auch hier gibt es Schönheit, Schwesterchen. Überall gibt es Schönheit. Ich habe in einem leeren Gebäude gespielt, an dessen Wänden man Bilder gemalt hat. Es waren schöne Bilder.

Auch Wassertropfen, die von einem Zaun fallen nach starkem Regen sind schön.

Oder Blumen die trotz allem es schaffen zwischen den Ritzen in der Straße zu wachsen. Sie sind besonders schönen.

Überall wo es Menschen gibt, kann es Schönheit geben. Ein toller Gedanke, oder?

Doch ich will die Schönheit von Ganymed sehen. Bin ich undankbar deswegen?

Bald kannst du mich zu dich holen, oder?

Ich freue mich sehr darauf.

Anna

»Das war die letzte Mail?«, fragte Sonja.

»Ja«, seufzte Nadia und klappte den Laptop zu. »Wenige Tage später begann der Krieg.«

»Klingt nach einem dummen, naiven Mädchen wie dir.«

»Danke, Sonja.«

»Sieh das nicht als Kompliment! Außerdem was war mit der Mail, wo sie mich wütend nannte? Was erzählst du über mich?«

»Nur die Wahrheit, Sonja. Nur die Wahrheit. Es ist auch nicht so schlimm. Die Art wie du wütend wirst, ist doch ganz süß oder?«

»Ach, halte doch die Klappe! Schlaf jetzt, morgen ist die verfluchte Ernte.«

Lächelnd kuschelte sich Nadia ein. Es war schade, dass sie nicht mit Anna schreiben konnte. Sie hoffte ihrer kleinen Schwester ging es gut. Wenn der Krieg zu Ende war, wollte sie sie auf jeden Fall hierher holen. Der Hochadmiral gab ihr auch genug Trinkgeld, damit sie sich das Ticket kaufen konnte.

Doch bis dahin war viel zu tun.

Die Zeit raste.

Und Morgen war bereits die große Ernte.

Prolog

Kapitel 21

Kapitel 23

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 22: Anna

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 21: Die Bewohner

Nach der Schlacht um Ceres hieß es für beide Seiten wieder Wunden lecken. Obwohl die Erde es geschafft hatte,die Allianz abzuwehren, so war als Preis dafür erneut eine Flotte praktisch aufgerieben und besaß nur noch in etwa die Hälfte ihrer ursprünglichen Stärke. Namtar An’s Streitkräfte hatten zwar geringere Verluste erlitten, doch selbst diese waren fast zu viel. Nun wartete er darauf, dass reparierte Schiffe von Eris zurückkamen, sowie einige Gilgamesch, Damu und Enki, die frisch in den Docks fertiggestellt waren. Man hatte bereits vor dem Krieg mit deren Produktion begonnen, sodass sie nun bereit für den Einsatz sein konnten. Umgehend wurde dann natürlich mit dem Bau weiterer Kriegsschiffe begonnen.

Eine weitere gute Neuigkeit für die Allianz war, dass Makemake, Sedna und Haumea sich nun endlich auch entschlossen hatten dem Bündnis beizutreten. Somit brachten sie neue Flotten in den Krieg, die von der Orbitalstadt Hades Zero im Orbit von Makemake stammten.

Während all diese Schiffe nun auf den Weg ins innere System waren und Namtar An seine nächsten Züge plante, bekam Nadia einen Nachtmittag lang frei. Sonja würde allein die drei Gäste betreuen und so fand sie nach langer Zeit wieder Gelegenheit für einige Stunden durch Neu Moskau zu streunen. Dabei traf sie allerhand bekannte Leute wieder und sie nahm sich immer die Zeit zu hören, was diese zu sagen hatten.

Denn was gab es Schöner als die Stimmen der lächelnden Menschen dieser Kolonie zu hören?

»Ach Nadia«, grüßte sie der alte Blumenverkäufer bei der Katharina-Straße, »schön dich wieder zu sehen. Herrliches Wetter oder? Zu blöd, dass diese dummen Schiffe die Sonne verdecken, nicht wahr?«

»Liebes«, meinte die nette Frau kopfschüttelnd bei der Eisbude nahe am Zarin-Platz. »Nimm dir eine Extra-Portion. Du musst ja mit diesen schrecklichen Leuten von Eris leben. Du tust mir so leid, Liebes.«

»Meinem Rücken geht es wieder besser«, meinte der dürre Patient, der immer vor dem Krankenhaus saß und die Passanten grüßte. »Danke der Nachfrage, Nadia.«

»Geht es Frau Zwetkow gut?«, fragte der heimlicher Verehrer, der bis zum heutigen Tag überlegte welcher Blumenstrauß das beste Geschenk abgeben würde. »Hält sie immer noch alle auf Trab? Sie gibt sicher den bleichen Bastarden Feuer unterm hinten! Weißt du denn, was sie das nächste Mal frei hat und in die Stadt kommt? Diesmal lade ich sie ganz sicher zum Essen ein!«

»Ich bin so neidisch auf dich«, knurrte die junge Postzustellerin, die neben ihrem Motorrad saß und Pause machte. »Du kannst den ganzen Tag oben in dieser schönen Herberge sein, lernst tolle Leute kennen und kannst in der Natur unterwegs sein. Ich wünschte ich hätte so einen Job! Hey, dieser Admiral von dem du da erzählst. Ist der Single? Wenn ja, dann schnappe ihn dir. Eine bessere Partie wirst du nicht bekommen.«

»Sei immer dankbar für kaltes Wasser«, meinte der Bauarbeiter, der seine schmerzenden Füße in einem der Brunnen kühlte. »Kaltes Wasser am Morgen ist das Beste was es gibt. Mehr braucht es nicht, um einen Menschen glücklich zu machen. Kaltes Wasser, das einem den Schlaf aus den Augen wäscht.«

»Gefällt dir meine neuste Kreation«, fragte der Glasbläser und hob eine gläserne Giraffe in lila und rot hoch. »Hab die letzten drei Tage daran gearbeitet. Wenn du willst, Nadia, kannst du es haben. Aus Dank dafür, dass du mir damals Mut zugeredet hast. Du hast mir wirklich geholfen. Dank dir habe ich meine Leidenschaft wiedergefunden. Nimm! Bitte nimm!«

»Es bringt doch nichts so zu tun, als wäre alles in Ordnung«, schimpfte der Mann im Anzug, der im Park Spazieren ging. »Wieso leben sie hier alle so weiter, als wäre nichts passiert? Wir sind im Krieg! Wir müssen kämpfen! Alle gemeinsam!«

»Es bringt doch nichts sich unnötig aufzuregen«, seufzte die Mutter, die gerade Wäsche in ihrem Vorgarten aufhing. »Die Allianz-Leute sind hier und sie tun uns nichts. Sie lassen uns leben, arbeiten und haben bisher nichts getan um unsere Freiheit großartig einzuschränken. Ja, wir dürfen nicht mehr zu anderen Kuppeln oder Kolonien reisen, aber die meisten hier haben doch eh kein Interesse daran diesen Ort zu verlassen. Ich finde es hätte schlimmer sein können.«

»Wegen diesen bleichen Bastarden verpasse ich die Hochzeit meine Schwester«, knurrte der Bruder, der wütend auf die Schnellbahn blickte, die sonst immer zwischen den Kuppeln auf Ganymed hin und her fuhr. »Sie lebt in New Wolgograd. Ich frage mich, wann ich sie wiedersehen kann.«

»Sie haben mehr Schiffe verloren als sie zugeben«, murmelte der Mann mit der Dachwohnung unter vorgehaltener Hand. »Ich zähle ihre Schiffe mit meinem Fernrohr. Seit ihrer Ankunft zähle ich sie. Von Ceres sind viel weniger Schiffe zurückgekommen, als hingeflogen sind. Sie lügen über die Verluste. Vertraue keinem Wort von diesem Admiral, Nadia!«

»Unser guter Bürgermeister ist gerade nicht da«, gähnte die gelangweilte Wache vor dem Rathaus. »Er ist gerade in seinem Lieblingslokal mit Freunden. Versucht wohl sich zu Tode zu fressen, um dieser ganzen Situation zu entkommen. Ist jeden Tag da.«

»Ich finde ihre Soldaten schrecklich«, regte sich die alte Dame auf, die mit ihrem blauen Hut jeden Tag durch die Stadt stolzierte. »Sie sehen hässlich aus und stehen an allen schönen Plätzen! Sie sind wie unerwünschte Pickel! Ach, wieso muss ich all dies noch in meinen letzten Tagen erleben! Pfui!«

»Ich habe gehört, dass einige der Erd-Marines entkommen konnten«, spekulierten einige Schuljungen der höheren Klassen auf ihrem Nachhauseweg. »Die Allianz hat versucht sie alle zu töten, doch einige konnten entkommen und sollen nun in der Kuppel sein! Wer weiß, was die hier machen. Sicher nichts gutes für die bleichen Bastarde. Vielleicht wird es hier bald sehr heiß werden!«

»Wir mögen ihn«, lachten die Kinder und deuteten zu der großen Kampfdrohne, die in der Mitte des grünen Platzes stand und an desren Geschützrohr gerade ein Junge hin und her schwang. »Er lässt uns auf ihn herumklettern. Es macht viel Spaß auf ihn zu spielen. Komm, Nadia! Komm uns guck zu!«

»Ich hatte einen guten Traum«, sagte der Besitzer des ältesten Cafè’s am Grünen Platz, während er an einem Tisch saß mit einem warmen Becher. »Einen sehr schönen Traum von meiner Jugend. Es roch nach Aprikosen. Soll ich dir von meinem Traum erzählen, Nadia?«

»Diese Stadt hat viele Geheimnisse«, flüsterte die Dame in schwarz, umgeben von Katzen. »Kennst du das grüne Haus nahe beim Harfen-Weg? Gehe dorthin und an dem schmalen Steg den nahen Kanal entlang. Du wirst eine weiße Treppe finden. Wenn du hinaufgehst wirst du ein Wunder erblicken! Ja, diese Stadt hat viele verborgene Wunder. Hast du schon einmal den herrlichen, kleinen Garten, versteckt bei der Matthias Kirche, gefunden?«

»Ich mag die Vögel hier«, erzählte der Soldat von Eris blechern aus seinem Helm. Auf einem seiner großen, gepanzerten Finger saß eine weiße Taube. »Auf Charon gibt es keine Vögel. Ich mag ihren Gesang. Wenn ich hier stehe, höre ich zu wie sie in den Bäumen zwitschern. Ein schöner Gesang ist das. Es erinnert mich an die Lieder, die meine Mutter mir damals vorgesungen hat, damit ich den Lärm der Fabriken nicht hören musste.«

Der Tag nährte sich langsam wieder dem Ende. Ein Farmer bot ihr an sie ins Dorf zurückzufahren und von dort aus brachte Herr Schildmann sie zurück zur Herberge. Sie hörte Kevin und Enkidu Ki in der Küche hantieren. Martu Me saß wie sonst im Ahorn Zimmer. Ashnan Nusku stand bewegungslos unter der Treppe. Namtar An grüßte sie von seinem Zimmer aus, als sie hoch in den ersten Stock stieg. Sie grüßte zurück, bevor sie müde zurück in ihr Zimmer schlich.

»Und, hast du wieder alle mit deinem Gefasel genervt?«, fragte Sonja, die bereits im Bett saß und ein Magazin las.

»Es war ein herrlicher Tag«, meinte Nadia nur und begann sich umzuziehen. »Sehr herrlich. Wie immer.«

»Ich wette, die bleichen Bastarde waren das Thema Nummer eins, oder?«

»Manche haben sie erwähnt, ja.« Mit diesen Worten kroch auch Nadia unter ihre Decke, holte ihren tragbaren Computer hervor und begann alte Mails von ihrer kleinen Schwester zu lesen.

Prolog

Kapitel 20

Kapitel 22

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 21: Die Bewohner

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 20: Ceres

Tausende Menschen hatten sich auf dem grünen Platz versammelt, als ein Teil der Allianzschiffe abhob um weitere Schlachten zwischen den Planeten des Sonnensystems zu schlagen.

Ashnan Nusku flog mit ihrem Flaggschiff der Urash davon, um die Eris Flotte gegen Ceres zu führen. Martu Me wiederum übernahm von seinem Schiff, die Inanna, aus die Kontrolle über die Charon Flotte und diente als Reserve.

»Die sind wahnsinnig«, sagte Sonja, als sie zusahen, wie die Lichter zum Halo aufstiegen. »Sie wollen gegen die Erde antreten und denken sie könnten gewinnen?«

»Mmh«, machte Nadia nur, während sie für all die Seelen auf den Schiffen betete. Mögen nur wenige in dem was kommen sollte sterben.

Da nur noch der Hochadmiral selbst und der oberste Administrator in den sieben Kastanien zurückblieben, gab es wesentlich weniger zu tun. Sonja bevorzugte es alles immer und immer wieder sauberzumachen oder bummelte unten in der Stadt. Wegen der Lage schaffte es Enkidu Ki nicht mehr mit Kevin zu kochen, sodass der Gehilfe die Zeit nutzte um einige neue Rezepte zu entwerfen. Frau Zwetkow hielt derweil weiterhin die Dorfbewohner in Arbali auf Trab.

Nadia dagegen war nun so etwas wie die private Dienern von Namtar An und stand somit ständig im Schatten des Grünland Zimmers, aus dem man alle Möbel geschleppt und stattdessen mit Unmengen an Monitoren und Geräten ausgetauscht hatte. Der Hochadmiral stand auf einer Art Plattform vor dem größten Bildschirm auf dem eine digitale Version des Sonnensystems mit vielen komplizierten Daten und Berechnungen abgebildet war. Er gab Befehle, die Enkidu Ki dann weiterleitete.

So bekam Nadia zum Teil tatsächlich mit, wie sich die Offensive entfaltete.

Ceres war der größte Körper im Asteroidengürtel mit einer starken Industrie und großen Häfen, da die Kolonie die wichtigste Verbindungszone zwischen dem inneren und dem äußeren Kreis darstellte. Dementsprechend war das gesamte Areal schwer bewacht und besaß eine eigene Flotte aus Erdschiffen.

Die Schlacht begann als Ashnan Nuskus die ersten Void-Torpedos abschoss und ihre Formation in die Umlaufbahn von Ceres und einigen anderen nahen Asteroiden brachte. Große Gefechte brachen aus als die 6. Flotte der Erde Gegenangriffe startete.

Für Nadia waren es nur rote und orangene Punkte auf dem Bildschirm und sie konnte nicht nachvollziehen, wieso die Schiffe sich hierhin oder dorthin bewegten. Manchmal erlosch dann ein Punkt und war nicht mehr gesehen. Immer wenn dies geschah, betete sie ein wenig.

Eines späten Abends dann als sie mit Sonja eine Pause einlegte bemerkte sie einen großen, hellen Ring am Nachthimmel der flimmerte und glühte. Das Innere pulsierte dabei wie ein brennendes Herz.

»Sie benutzen Tartaros Torpedos«, erklärte Kevin, der sich zu ihnen setzte. »Nur sie lassen sich so klar aus dieser Entfernung erkennen. Bei Ceres muss es gerade fürchterlich sein, wenn sie solche Waffen benutzen.«

»Was sind Tartaros Torpedos«, fragte Nadia zaghaft.

»Die stärkte Void Torpedoklasse die es gibt. Ein einzelner von ihnen kostet mehr als eine ganze Kuppel. Sie haben einen Explosionsradius von 0.015 Lichtsekunden und können damit einen ganzen Zwergplaneten wie Eris zerreißen. Auch ein Treffer auf der Erde würde den blauen Planeten für immer verwüsten und alles Leben von ihm tilgen.«

»Schrecklich«, meinte Sonja und schüttelte sich in Unbehagen. »Wieso baut man solche gräßlichen Waffen?«

»Weil ein gut gezielter Tartaros Torpedo eine ganze Flottille zerstören kann«, entgegnete Namtar An, der ebenfalls auf den Balkon trat, vermutlich auch in dem Verlangen nach einer kurzer Pause an der frischen Luft. Er rieb sich die vor Konzentration schmerzenden Schläfen. »Wir dürfen auch niemals zulassen, dass die Erde es schafft eine Gegenoffensive in den äußeren Ring zu starten. Ein einziger Tartaros Torpedo gegen Eris würde den ganzen Krieg beenden.«

»Würdet ihr denn einen gegen die Ceres benutzen?«, fragte Nadia erschüttert und starrte in den Himmel wo erneut ein Ring des Todes sich auszubreiten begann. Es war als würde ein Teufel Teile der Hölle hierher in die Welt der Sterblichen zerren. »Oder gegen die Erde?«

Sonja atmete tief ein und wartete gebannt auf die Antwort. Kevin sah einfach ausdruckslos weiter nach oben.

»Nein«, antwortete Namtar An. »Ich werde keinen Tartaros Torpedo gegen die Erde benutzen und gegen keinen anderen Planeten. Keine Sorge.«

Nach fast fünf Tagen, dem ersten zerstörten Gilgamesch Schlachtschiff der Allianz und über zwölf abgeschossenen Tartaros Torpedos war es klar, dass Ashnan Nusku keinen Durchbruch erringen würde und sie zog sich mit geringen Verlusten zurück.

Trotz des Einsatzes so vieler Massensvernichtungswaffen hatte keine Seite es anscheinend geschafft große Teile der gegnerischen Flotten zu vernichten.

Die 6. Flotte der Erde versuchte noch eine Verfolgung, stieß aber gegen Marut Me und seinen Reserven. Weitere drei Tartaros Torpedos wurden eingesetzt, diesmal mit mehr Effekt. Über ein Drittel der verbliebenen Schiffe der Erde wurden dabei zerstört. Nach diesen Verlust entschied man sich die Allianz Streitkräfte entkommen zu lassen, die sich wieder beim Jupiter sammelten.

»Auf der Erde wird man dies als großen Sieg feiern«, meinte Namtar An, als die die letzten Nachrichten ankamen. »Sollen sie doch Sekt trinken und jubeln. Sollen sie die Stärke ihrer Flotten preisen. Soll ihre alte Überheblichkeit zurückkehren. Ich hatte nie vor diese Schlacht zu gewinnen. Es ging nur darum zu testen, wie stark ihre Verteidigungen sind, mehr nicht.«

Das bedeutet, dass er mit Ceres noch nicht fertig ist, dachte sich Nadia, als sie ihm den Kaffee servierte.

Wegen der Verluste bei der 6. Flotte beorderte Oberadmiralin Chiang die 5. Flotte vom Mars und sogar eine der drei Schutzflotten von der Erde selbst in den Gürtel. Sie nahmen nicht direkt um Ceres herum Stellung ein, sondern blieben an Punkten von wo sich leicht wieder zum Mars oder Erde zurückkehren konnten falls dort etwas passierte, aber gleichzeitig immer noch nahe genug im Falle eines zweiten Angriffs einzugreifen.

So kehrte der Status Quo zurück und schneller als erwartet landeten Ashnan Nusku und Matru Me wieder auf Ganymed. Natmar An trank wie immer Kaffee als er ihre Schiffe beim Landeanflug betrachtete.

Die 1. Schlacht um Ceres war offiziell vorbei.

Prolog

Kapitel 19

Kapitel 21

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 20: Ceres

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 19: Berggipfel

Die letzten Tannen wichen und die Blumenwiesen wurden zurückgelassen. Felsen, hohes Gras und ein starker Wind empfingen sie, als sie den Gipfel der Moskauer Nase erreichten. Verschwitzt öffnete Nadia die Arme und ließ die starken Brisen ihren Körper abkühlen. In ihrer Fantasie stellte sie sich vor, wie der Gott dieses Berges sie willkommend in die Arme nahm.

Der Hochadmiral derweil schritt ohne irgendein Anzeichen von Erschöpfung direkt zur Kante des steilsten Abhanges und sah hinab auf die weite Ebene. Der Wald, die Weiden, die Felder und schließlich die Stadt erstreckten sich dort unten, präsentierten all den Glanz dieser Kuppel.

Ein Ring aus Wolken hatte sich um den Halo gebildet und beim Jupiter zog das kosmische Ballett seiner Monde vorbei. Ein Falke hockte auf dem nahen Kreuz und beobachtete sie misstrauisch.

»Dies ist also deine Heimat, Nadia«, sprach Namtar An nach einigen Minuten des Schweigens.

»Ja, Mister. Dies ist meine Heimat.«

»Mmh. Es wundert mich eigentlich. Wieso haben du oder Sonja nie gefragt was mit Ashnan Nusku passiert ist. Ihr Äußeres ist wahrlich nichts Normales hier.«

»Solche Fragen werden meistens als unhöflich angesehen, Mister.«

»Ist dem so? Vermutlich. Es ist zumindest kein wirkliches Geheimnis. Als sie jünger war, arbeitete sie auf einer Fabrik im Herzen von Eris. Wie es nun einmal so kommt, geschah ein Unfall und ihre Gesicht wurde zerfetzt. Chemikalien lösten ihre Lunge teilweise auf und ein Großteil ihrer Haut wurde weggeätzt. Selbst mit unserer Medizin konnten wir sie beinahe nicht mehr retten. Damit sie atmen konnte, gaben wir ihr künstliche Lungen und eine Maske, die Sauerstoff in sie hineinpumpt. Als sie sich einigermaßen erholt hatte, trat sie dem Militär bei und versteckt seitdem ihr Äußeres unter der Uniform.«

»Das klingt schrecklich, Mister. Die Arme.«

»Sei am besten nicht so mitleidig in ihrer Gegenwart, Nadia. Sie hasst dies. Wieso denkst du nun habe ich dir dies eben erzählt?«

»Vielleicht, damit ich die schwarze Flügeladmiralin besser kennenlerne, Mister?«

»Eventuell das auch, aber eigentlich wollte ich so nur noch einmal verdeutlichen, was der Preis dafür ist im äußersten Ring zu hausen. Sie ist kein Einzelfall und die Leere nagt unaufhörlich an unseren Körpern, Nadia. Du bist sicher froh hier zu leben. Ich kann es verstehen. Doch vergiss nicht, dass nichts umsonst ist. Wir von der Allianz müssen die Härte weit ab von der Sonne ertragen für unsere Freiheit. Was denkst du ist der Preis für die Ruhe und die Idylle, die du hier genießt?«

Darauf wusste Nadia nun nichts mehr zu sagen. Sie blickte den Hochadmiral einfach nur verwirrt an, während ihre Gedanken sich überschlugen. Was meinte er mit Preis? Was gab es zu bezahlen? War es nicht genug hier zu leben? War Ganymed etwa nicht dankbar dafür, dass sie auf seiner Oberfläche schritt.

Namtar An lächelte und setzte sich auf einen Felsen. Er schloss die Augen und schien dann in Meditation zu versinken.

Da sie ihn nicht stören wollte, trat sie etwas zur Seite, trank etwas Wasser und legte sich in das Gras um sich zu erholten und um ebenfalls ihren Kopf zu ordnen. Tatsächlich half es heute vom Gesang des Windes davongetragen zu werden, während die weiche Matte an Pflanzen sie in Ganymed selbst zu saugen schien. Sie hütete sich davor zutief in sich selbst zu wandern und ließ stattdessen einfach den Stress und die Verwirrung ausklingen.

Sie versuchte auch nicht weiter über seine Worte von eben nachzudenken. Nein. Sie wollte einfach nur versuchen wie früher auch ihre Präsenz auf diesem wunderbaren Mond zu genießen.

Als der Hochadmiral sich dann wieder erhob, stand sie dann wieder bereit und gab ihm ein Brötchen zum Essen.

»Was ist eigentlich deine Meinung zum Krieg, Nadia?«, fragte er kauend, noch immer auf den Stein hockend. Der Falke war etwas näher zu ihm gehüpft. »Wer sind für dich die Guten und wer sind für dich die Bösen? Welche Seite hat recht? Wer soll gewinnen und wer soll verlieren?«

Dies waren schreckliche Fragen. Nadia wollte sie nicht beantworten. Sie wollte sich keine Gedanken um diese Themen machen. Sie wollte einfach weiter ihr Leben fortführen. Doch sie konnte auch nicht nichts sagen.

»Solange all dies weiter existieren wird, kann meiner Meinung nach jede Seite gewinnen oder verlieren, Mister«, sagte sie und deutete mit ihrer Hand zu der ausgebreiteten Landschaft. »Solange Neu Moskau für mich weiter bestehen bleibt, ist alles für mich in Ordnung. Mir ist es egal, ob wir Menschen irgendwann andere Sterne besiedeln oder wer uns regiert, solange ich weiter hier leben darf.« Sie lächelte so freundlich wie sie konnte. »Aber falls es Sie beruhigt, ich halte Sie nicht für böse, Mister.«

»Das ist gut zu hören«, entgegnete er und sein Blick glitt über die Felder hinweg, bei denen bald die letzte Ernte eingefahren werden würde.»Ja, das ist wirklich schön zu hören. Danke dafür, Nadia. Und danke dafür, dass du ehrlich bist. Wir werden sehen, wohin diese Ansichten dich bringen. Manche würden sagen du bist weise so zu sprechen. Andere würden dich naiv nennen.«

»Ich würde eher auf die Naivität tippen«, scherzte sie und sie spürte wie ihre Zöpfe in dem Wind wie Pendel schwangen.

»Wir werden sehen.« Der Hochadmiral stand auf. »Nun kehren wir am besten zurück. Es gibt viel zu tun. Sehr viel. Diese Wanderung hat mir geholfen, meine eigene Nervosität und Zweifel zu dämmen. Nun heißt vorwärts. Vorwärts zum Sieg.«

»Schön, dass Sie den Ausflug genossen haben«, sagte Nadia glücklich.

Und so begannen sie beide zusammen wieder den Abstieg. Seite an Seite.

Am darauf folgenden Tag kam die Charon Flotte endlich beim Jupiter an und am nächsten Morgen von Ganymed wurde die erste Schlacht von Ceres eingeleitet. Der bisher erstarrte Krieg wurde somit neu entfacht.

Prolog

Kapitel 18

Kapitel 20

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 19: Berggipfel

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 18: Die Pfade der alten Zeit

Anmerkung: Wegen persöhnlichen Dramen und anderen Krims-Kram bin ich zeitlich gerade nicht in der Lage wirklich zu viel zu schreiben und zu posten, weswegen dieser Blog gerade etwas leerer wirkt. Ich versuche es die nächsten Wochen über zu verbessern, aber ja, momentan schaffe ich leider nicht so viel.

Sie stiegen den Berg weiter hinauf und die Bäume wurden dabei immer weniger. Mehr Lichtungen wurden sichtbar auf denen tausende von Blumen blühten. Schmetterlinge begannen sie in großer Zahl zu umfliegen. Nadia musste ein paar Schlücke Wasser mehr trinken, da es kaum noch Schatten gab der sie kühlte. Namtar An schien all dies dagegen nichts auszumachen.

Auf dem Weg kamen sie an einigen Dolmen vorbei, von denen einige direkt von der Erde stammen sollten. Man hatte sie hier aufgestellt, um sich an die europäischen Vorfahren zu erinnern.

»Geschichte ist wichtig«, meinte Nadia, als sie vor einem dieser Steine standen, während im Hintergrund Kühe muhten. »Nicht nur um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, sondern auch um zu wissen woher man kommt. Wie können wir weiter voran in die Zukunft gehen, wenn wir den Weg hinter uns nicht mehr kennen? Man kann sonst nur Irrwege gehen.«

»Ach wirklich, Nadia?«, meinte der Hochadmiral interessiert. »Ist es so? Ist mein Leben nicht mein Weg? Was haben meine Vorfahren damit zu tun?«

»Das sind berechtigte Fragen, Mister. Ich kann nur sagen, was ich denke und glaube. Unser aller Weg ist nur Teil einer wesentlich größeren Straße. Meine Vorfahren haben durch ihre Taten die Richtung bestimmt, in die ich nun wandere und ich werde die Steine legen für diejenigen die nach mir kommen. Alles ist verbunden. Alles baut aufeinander. Man muss für alles dankbar sein, egal ob es aus der Vergangenheit kommt oder in der Zukunft liegt.«

»Doch gehen wir wirklich auf eine Zukunft zu, Nadia? Ist es nicht vielleicht mehr so, dass wir nur stillstehen und darauf warten, dass die Zukunft auf uns zukommt?«

»Um diese Frage zu beantworten müssten wir Zeit verstehen, Mister. Ich selbst weiß nicht genug darüber. Doch ich glaube einfach daran, dass es Bewegung geben muss… Bewegung von uns Menschen aus. Selbst wenn die Zukunft auf uns zukommt, so müssen wir zumindest denken, dass wir es eigentlich sind, die gehen. Wie könnten wir denn sonst Dinge entdecken und Großes errichten?«

»Du wirkst nicht so, als würdest dich für solche Sachen interessieren.« Der Hochadmiral begann weiterzugehen. Nadia blieb neben ihm.

»Meine Schritte sind halt langsamer als bei den meisten anderen Menschen, Mister. Ich mag es mir den Wegesrand anzusehen, Pausen zu machen und zu gehen, ohne zu wissen wo ich lande.«

»Ganymed ist wirklich faszinierend, wenn es Menschen wie dich formt, Nadia. Das mit den Vorfahren und zu wissen wo man herkommt ist auch für mich wichtig. Es sind Kenntnisse, die den Menschen der alten Zeit fehlte.«

»Der alten Zeit?«

»Die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts, Nadia. Die Zeit des Chaos. Die Zeit wo Technologie zu einer Krankheit wurde. Die Zeit der Depression. Die Zeit der Kulturkämpfe. Die Zeit des Blutes. Man vergaß, wer man war und woher man stammte. Man lehnte die Vergangenheit ab um so in eine bessere Zukunft zu kommen. Wie dieses falsche Denken endete wissen wir inzwischen und nun haben wir die Regulierungen der Erde an unserem Hals, die uns knebeln und fesseln.«

Sie traten wieder zwischen einigen Bäumen. Die Spuren von Rotwild waren auf dem Boden zu erkennen. Einige Vögel tranken aus einer Pfütze. Die Luft war so herrlich klar.

Während Nadia tief einatmete und die Frische in ihren Lungen genoss, so wurde ihr klar was für eine Unterhaltung sie gerade mit dem Hochadmiral führte. Was sollte sie nun weiter sagen? Ein Bild von Ashnan Nusku flimmerte vor ihr auf.

»Meinen sie die Forschungsregulierungen der Erde, Mister? Diejenigen, die den großflächigen Einsatz von Maschinen verbieten?«

»Zusammen mit den Zoll-, Handels- und Weltraumforschungsgesetzen, ist dies ein zentraler Punkt, ja. Nachdem die Technologie im 21. Jahrhundert so viel Arbeit zerstört hatte, fristeten Zahllose auf der Straße ein Leben in Armut. Andere ertranken sich in sinnlosen Luxus um ihre freie Zeit auszufüllen. Das Ergebnis waren die Blutorgien in Saudi Arabien und andere extreme Exzesse, sowie diverse Aufstände. Deswegen machen die aktuellen Gesetze durchaus Sinn. Solange es nicht absolut nötig ist, soll eine Arbeit lieber von einem Menschen ausgeführt werden, anstatt von einem Roboter. Als Ergebniss wurden Berufe wie Taxifahrer, Kassenverkäufer, Handwerker, Regaleinfüller wieder eingeführt. Eine Fabrik muss eine bestimmte Quote an menschlichen Arbeitern haben. Selbst in der militärischen Flotte der Erde gibt es viele sinnlose Posten, die nur existieren um Leuten Arbeit zu geben. Denn ohne regelmäßige, gute Arbeit werden viele Menschen unglücklich. Wir sind halt Kreaturen die Sicherheit und Stabilität brauchen. Du stimmst zu, oder Nadia?«

»Ja, Mister. Ich liebe meine Arbeit über alles.«

»Wusste ich es doch. Die Gesetze machen in diesem Rahmen schon Sinn. Doch wir in der Allianz sehen sie als zu streng und unflexibel an. Wegen unserer geringen Bevölkerung ist es schlicht notwendig, dass wir vieles automatisieren. Ganze Fabriken bei uns werden nur von einer Person geleitet und spucken damit auf die Gesetze der Erde. Wir ignorierten die Regulierungen nicht als Akt der Rebellion, sondern aus Notwendigkeit. Wir können diesen Krieg nur führen, weil unsere Schiffe zehnmal weniger Personal brauchen als diejenigen der Erde. Natürlich sorgen wir dafür, dass am finalen Hebel immer ein Mensch sitzt und wir haben keinerlei Interesse daran an Künstliche Intelligenzen zu forschen, doch um zu expandieren und zu blühen, müssen wir die bestehenden Gesetze abwerfen und unsere eigenen einführen. Dies ist auch mein Plan. Nach unserem Sieg darf jede Kolonie selbst bestimmen, wie sie den Automatismus behandelt, ohne Einfluss er Erde.«

Sie erreichten die nächste Wiese. Edelweiß verwandelte hier alles in eine duftende, frühlingshafte Schneelandschaft. Nadia verspürte den Drang sich darin zu rollen und zu lachen. Zwei Adler kreisten über sie und betrachteten die Drohnen misstrauisch. Hasen guckten vorsichtig aus ihren Löchern. Ein Ziegenbock thronte stolz auf einem Felsen.

»Habe ich dich gelangweilt Nadia? Ich weiß, ich halte gerne Vorträge.«

»Ganz und gar nicht, Mister. Ich fand es sehr interessant. Ich glaube ich verstehe Sie jetzt besser. Danke, dass Sie so offen mit mir reden.«

»Es ist auch für mich erleichternd. Auf Eris bekommt man meistens nicht viel Gelegenheit miteinander zu reden. Sag, Nadia, ist der Gipfel nahe?«

»In zehn Minuten werden wir ihn erreichen, Mister.«

»Nun, denn nehmen wir dann mal die letzte Etappe in Angriff!«

»Sehr wohl, Mister!« Fast schon begeistert folgte sie dem Hochadmiral. Dabei realisierte sie, dass sie nicht mehr die Führerin war. Er war nun derjenige, der sie hinauf auf den Berg leitete.

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 17

Kapitel 19

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 18: Die Pfade der alten Zeit

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 17: Ferne Dunkelheit

Nadia wählte den Herman Weg für den nächsten Tag. Er führte durch viele der schönsten Ecken des Waldes und endete auf dem höchsten Berg der Kuppel – der Moskauer Nase. Es gab sonst nicht viel Vorbereitung, da sie schon viele Touristen hinaufgebracht und alle Details im Kopf hatte. Dennoch schlief sie nicht in der Nacht und am Morgen umarmte sie Sonja.

»Er wird mir schon nichts tun«, hatte sie dabei gemeint und ihre aufgelöste Freundin getröstet.

»Bei den bleichen Bastarden kann man nie wissen«, war die Antwort gewesen, »pass auf dich auf, Dummerchen und wenn er irgendwas versucht, dann kick ihn von der Klippe.«

Frau Zwetkow machte ihnen einige belegte Brote als Mahlzeit, die Nadia in ihren Rucksack aufbewahrte, zusammen mit dem Erste-Hilfe-Koffer, Wasser und Sonnencream. Dazu trug sie Wanderstiefel unter ihrem Dienstkleid.

Überraschenderweise stellte sie fest, dass sie komplett alleine mit dem Hochadmiral sein würde. Die anderen Admiräle schienen kein Interesse an einem Ausflug zu haben und selbst Soldaten kamen nicht mit. Nadia bemerkte zwar Drohnen am Himmel als sie losgingen und vermutlich würden diese Maschinen ihr innerhalb einer Millisekunde den Schädel fortsprengen, wenn sie irgendwas Dummes versuchte, doch da diese Dinge nur winzige Punkte im endlosen Blau waren, so wirkte es als würden nur sie zwei wandern.

Der Hochadmiral trug wie immer seinen schwarzen Mantel, benutzte heute allerdings einen ausgeliehen Gehstock von der Herberge, der ein wenig an eine verzierte, dänische Kriegsaxt erinnerte – nur nicht so scharf. Er schien es allerdings nicht zum Laufen zu brauchen, da er mühelos über selbst die steinigsten und steilsten Pfade glitt und auch nach einigen Stunden keinerlei Schweiß auf der Stirn hatte.

Wie sonst erzählte Nadia von dem Wald und dessen Wunder. Haine um die sich Legenden rankten. Verlassene Hütten, die einst von glücklichen Familien zeugten und die heute in zufriedener Ruhe zwischen den Bäumen hockten. Büsche hinter denen Reiche liegen sollten, wo die Tiere des nachts Konferenz hielten. Äste auf denen die Götter der Katzen schliefen. Komisch geformte Steine, die von Kobolden stammen sollten, die sich damals in den Transporträumen der Kolonistenschiffe versteckt hatten.

Dann gab es die Pflanzen. Alle lokalen Blumen kannte Nadia. Sie rezitierte Gedichte die von den verschiedenen Düften handelten, erläuterte die symbolische Bedeutung der verschiedenen Blüten, wie begehrenswert sie für Bienen waren, welche man gut der Geliebten schenken konnte und aus welchen die Feen sich die Kleider machten.

Die vielen Bäume flüsterten sich die Geheimnisse zu, die über die Jahrhunderten hinweg in der Kolonie entstanden waren. Die alten Weisen, die Laub als ihre Kronen trugen, hockten auf den Wiesen, die Wurzeln bereit wie die Knie eines Großvaters am Lagerfeuer, der seinen Enkeln Geschichten erzählen wollte.

Die Nadelträger dagegen standen dicht zusammen, boten kühlen Schatten für das Leben unter sich. Es waren die netten Nachbarn, von denen alle profitierten. Die Königreiche der Naturgeiste spannten sich zwischen ihren Ästen und ihr Harz war Ambrosia für die kleinen Götter.

Insekten umgaben alles. Überall wo man trat, tummelte sich das kleine Getier in sprießendem Leben. Die Käfer sandten Boten zu den Händlern der Mäuse. Die Spinnen blieben unter sich und zeigten voller Stolz ihre Webkunst der Welt. Die edlen Mistkäfer arbeiteten unermüdlich für die Liebe. Die Ameisen erbauten große Zivilisationen und waren der Glanz aller Kleinwesen im Wald.

Und dann gab es natürlich die Vögel. Die Vögel mit ihren herrlichen Gesang.

Nadia liebte Neu Moskau mit jeder Faser ihres Leibes und sie wollte ihre Liebe mit allen teilen. Nie würde sie müde werden von den Wundern dieser Welt zu erzählen. Alle sollten die Schönheit des Waldes kennenlernen und die Tänze der Natur betrachten. Alle sollten die Mythen der Kolonie lauschen. Alle sollten die selbe Zufriedenheit und Ruhe spüren, wie sie es tat wenn sie hier war.

Schließlich vergaß sie, wen sie hier führte. Der Krieg war verschwunden aus ihrem Blicke. Die schrecklichen Gedanken von gestern suchten sie nicht mehr heim.

Stattdessen deutete sie hinauf zu den Nestern und ließ den Hochadmiral den Gesang hören.

Und so stand der Mann, der die Macht der großen Erde selbst in die Knie zwingen wollte, mit geschlossenen Augen da und öffnete seine Ohren für die Melodie, der kleinen, gefiederten Wesen über ihm. Ein Anblick von solcher Menschlichkeit, dass man in ihm nicht mehr den Eroberer und Führer sehen konnte. Nur ein Mann, der dem Moment genoss um den Alltag zu entfliehen.

»Singst du eigentlich, Nadia?«, fragte er nach einer Weile.

»Ich habe auf der Erde einige Gesangsstunden genommen, Mister. Doch ich habe seit einer Weile nicht mehr geübt.«

»Wirklich? Würde es dir dann etwas ausmachen irgendwann für mich zu singen?«

Bin ich nur ein hübscher Singvogel für ihn? War ich vielleicht nicht immer so etwas wie ein Singvogel? »Dafür müsste ich wieder etwas üben, Mister«, antwortete sie ausweichend, während sie mit einem hastigen Kopfschütteln die Gedanken verscheuchte.

»Nun, ich werde eine Weile hier sein. Der Krieg wird nicht morgen und auch nicht übermorgen gewonnen werden. Ich glaube du kannst ein wunderschönes Lied singen, wenn du die gleichen Emotionen hineinlegst wie eben gerade, als du mir all diese wunderbaren Sachen erzählt hast. Ja, ein Lied über Ganymed. Ein Lied über Neu Moskau. Ein Lied der Sieben Kastanien. Ich würde es wirklich gerne hören.«

»Dann werde ich für Sie üben, Mister«, meinte Nadia, die tatsächlich ein wenig Motivation in sich spürte. Eventuell würde es ihr guttun mal wieder zu singen?

»Freud mich zu hören. Sag, als dank für die wunderbare Führung bisher, wie wäre es, wenn ich etwas über meine Heimat, die Allianz, erzähle? Ich habe gehört, du magst es, wenn deine Gäste von den Orten erzählen, von denen sie stammen.«

Dies überraschte Nadia etwas und sie brauchte wieder einen kurzen Moment um ihre Worte zu finden: »Gerne… ich bin mir sicher es sind faszinierend Kolonien.«

»Es ist vor allen Dingen eine Menge Leere«, entgegnete Namtar An. »Die Allianz ist anders als die Verbände hier im Inneren des Sonarsystems. Der Pakt von Zeus, Uranus Union und alle die anderen sind ja lokale Monde, die dicht beieinander um einen Gasriesen kreisen. Pluto, Eris, Makemake und die anderen Zwegplanten haben jeweils ihre eigene Umlaufbahn und manchmal liegt das gesamte Sonnensystem zwischen ihnen. Die Allianz umkreist gewissermaßen alles und nicht zusammengeklumpt. Die Entfernungen werden sogar noch größer, wenn man die Weite der Umlaufbahnen bedenkt. Der Orbit von Makemake ist genauso weit von demjenigen des Pluto entfernt, wie der Orbit des Pluto zur Sonne. Kommunikation ist deswegen schwierig und ich kann froh sein, dass genug Wille da war, damit die Allianz funktionierte. Glaub mir, die Leere zwischen uns machte große Schwierigkeiten und nur das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber den undenkbaren Weiten führte uns zusammen, da man nicht allein in der Kälte sein wollte. Und glaub mir, dort draußen, wo die Sonne zu einem Funken von vielen wird, ist man alleine. Schrecklich alleine, umgeben von Schwärze und Sternen, wissend, dass die nächste Kolonie in unfassbarer Entfernung liegt. Unsere Seelen wurden gestärkt, um nicht wahnsinnig zu werden und wir stählten unsere Körper, um der rauen Umgebung zu trotzen. Ja, wir trotzten der Stärke des Weltalls, denn nichts anderes blieb uns übrig. Die Mutter Erde wollte uns nicht mehr und wir selbst wollten Wege gehen, die kein Mensch zuvor gegangen war. Ja, die Dunkelheit selbst wollten wir unser eigen machen. Tiefer und tiefer drangen wir in die oortsche Wolke ein, fanden immer neue Dinge die um die Sonne kreisten. Namenlose, vergessene Dinge. Ja, ich selbst nahm in meiner Jugend an solch einer Expedition teil, kühn wie ich war wollte ich die Götter zwischen den Sternen sehen. Und so sah ich… sah ich…«

Namtar An hielt inne. Alle Vögel waren inzwischen verstummt. Er stand da und legte seine Hand vor Augen. Zum ersten Mal in ihrer Gegenwart wirkte er unruhig.

»Was haben sie gesehen, Mister?«, fragte Nadia atemlos.

»Vieles Naida. Vieles was vielleicht besser in der Dunkelheit versteckt geblieben wäre. Du musst es nicht wissen. Du willst es nicht wissen. Wie dem auch sei. Meine Heimat ist kalt, finster und höllisch. Doch es ist meine Heimat. Sie hat mich geformt und mich zu dem gemacht, was ich bin. Dafür bin ich dankbar und ich halte die Traditionen und Prinzipien der ersten Kolonisten auf Pluto und Eris in Ehren. Wir werden vollenden, was man sich damals geschworen hat. Die Macht der Erde wird fallen und die Menschheit befreit. Komm nun Nadia. Ich würde gerne weitergehen.«

»Natürlich, Mister.«

Eigentlich wollte Nadia mehr fragen, mehr wissen. Dieser Mensch vor ihr hatte sicher noch so viel zu erzählen und noch immer war in ihr der Wunsch ihn besser kennenzulernen. Doch fürs erste schien sein Bedürfnis für ein Gespräch befriedigt zu sein und sie wollte nicht unhöflich sein.

Also gingen sie zwei weiter durch den grünen, prächtigen Wald auf Ganymed.

Prolog

Kapitel 16

Kapitel 18

Das Lied der Sieben Kastanien – Kapitel 17: Ferne Dunkelheit