Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 15: Menschen von Eris

Nachdem das Kiefernzimmer fertig geputzt war, trug Frau Zwetkow die beiden Dienstmädchen auf, das große Ahornzimmer etwas herzurichten. Die Besitzerin fuhr derweil runter nach Arbali, da sie eine Nachricht von dem Bäcker Herrn Schildmann bekommen hatte, der sich zusammen mit dem restlichen Dorf schreckliche Sorgen machte. Anscheinend wollte sie die Leute persönlich beruhigen.

Nadia und Sonja begannen stumm mit der Arbeit. Der Boden wurde kurz gefegt, der Kamin von Staub befreit und anschließend mussten die Tische gereinigt und die Kissen ausgeschüttelt werden. Die schwarze Flügeladmiralin Ashnan Nusku hatte derweil ihre Position vom Kiefernzimmer nach draußen in den Garten verlegt. Nun stand die hohe Frau mit der Gasmaske als Gesicht draußen unter einem der sieben Kastanienbäume, bewegungslos wie immer. Man könnte denken, sie wäre eine äußerst bizarre Schachfigur, so steif wie sie an Ort und Stelle ruhte, darauf wartend Befehle anzunehmen.

»Die Erde hat so viele Schiffe verloren«, meinte Sonja nach einer Weile immer noch sichtlich erschüttert. »Es müssen hunderte sein. Jetzt sind sie alle nur Schrott oben im Orbit.«

»Die Müllsammler haben also viel zu tun in nächster Zeit«, sagte Nadia und meinte damit die Mitarbeiter des Raumhafens die die Aufgabe hatten den Orbit von Bruchstücken, Müll und anderen Objekten freizuhalten, die Schiffe gefährlich werden könnten. »Ich hoffe, sie haben genug guten Kaffee.«

»Es würde mich nicht wundern, wenn die bleichen Bastarde sie zur Sklavenarbeit verdonnern. Wie schrecklich müssen die Schiffe der Allianz sein, wenn sie so viele von unseren zerstören können und selbst kaum welche verlieren?«

Während die beiden Mädchen weiter quatschten und ihre Arbeit beendeten, bemerkten sie nicht wie sich ein dunkler Schemen lautlos durch den Raum bewegte und auf einen der Sessel platznahm.

»Ich fand sie haben interessante Namen. Damu, Enki und Gilgamesch. Ich frage mich, was sie unterscheidet?«

»Und ich frage mich wieso sie nicht einfach weiter direkt zur Erde fliegen. Wenn diese Damu, Enki und Wasweißich so viel Schaden anrichten können, wieso bleiben sie hier? Sie haben die Erdenflotten hier abgeschlachtet. Wie viel Widerstand kann die Erde selbst ihnen noch entgegensetzen?« Um ihren Frust über die Überlegenheit der Allianz-Schiffe zu verdeutlichen trat Sonja gegen den Tisch, den sie gerade gewischt hatte.

»Der Hochadmiral hat es bereits angedeutet«, begann eine Stimme überraschend hinter ihnen zu sprechen und als die Mädchen sich erschreckt umwandten, so saß der graue Flügeladmiral Martu Me in einem der Sessel, vor sich wie sonst ein Display haltend.

»Seit wann sitzt er da schon?«, fragte Sonja.

»Keine Ahnung. Ich habe nichts gehört.«

»Gruselig.«

»Mit der Ausnahme vielleicht der 9. Flotte beim Uranus bestehen alle Flotten der Erde im äußeren Ring aus veralteten Schiffsmodellen«, fuhr der Mann von Eris fort. »Manche sind über 60 Jahre alt und ihre Antriebe und Waffen gehörten einer alten Ära an und konnten uns nicht viel entgegensetzen. Die Flotten im inneren System sind dagegen moderner. Unsere Antriebe sind zwar wesentlich schneller als alles was die Erde besitzt, doch zwischen den Waffen besteht bei den neusten Modellen bei beiden Fraktionen kein wirklich großer Unterschied. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass die Erde viel mehr Schiffe hat. Wir besitzen im Moment nicht einmal 130 Schiffe. Um die Erde selbst kreisen gerade mehr Schiffe als das. Ein blinder Angriff wäre zu diesem Zeitpunkt äußerst dumm.«

Damit endete er und setzte seine Arbeit fort ohne aufzusehen.

»Äh«, machte Sonja.

»Vielen Dank für die Erläuterungen, Mister«, sagte Nadia etwas geistesgegenwärtiger, schnappte aus ihrer Überraschung und verbeugte sich. »Kann ich…?«

»Dankesworte bringen mir nichts«, entgegnete Martu Me. »Wenn du mir wirklich Danken willst, Liebes, dann hol mir bitte einen guten Earl Grey und einige Kekse.«

»Sofort, Mister. Verzeiht uns, dass wir sie ignoriert haben. Beim nächsten Mal achten wir mehr darauf, wenn Sie sich im Raum befinden.« Als Nadia losging, bemerkte sie, dass Sonja mitkam.

»Was ist?«, fragte ihre Freundin, als sie ihren Blick bemerkte und sie aus den Ahorn-Raum traten. »Ich bleibe nicht allein bei ihm. Außerdem braucht er nicht so harsch zu sein. Wenn er seinen Earl Grey umbedingt haben wollte, so hätte er ruhig zu jeder Zeit den Mund aufmachen können, anstatt wie ein Geist da… heilige Schei-!«

Nadia schaffte es gerade noch den Mund von Sonja zu verschließen, doch auch sie japste kurz vor Schrecken auf.

Inmitten des Eingangssaals stand nun Ashnun Nusku, die sich vor einer halben Minute noch draußen im Garten befunden hatte. Nadia war sich dessen sehr sicher, da sie die Frau noch aus dem Fenster gesehen hatte.

»Können die bleichen Bastarde sich etwa teleportieren?«, knurrte Sonja, die etwas errötete.

Die schwarze Flügeladmiralin reagierte nicht auf die beiden, selbst nachdem Nadia sie schüchtern ansprach und starrte weiterhin auf eine Wand. Vorsichtig und im großen Bogen versuchten die beiden Mädchen dann sie zu umrunden um zur Küche zu kommen.

Fast da, dachte sich Nadia erleichtert und machte den Fehler kurz vor der Tür zu der Frau von Eris zurückzublicken. Die gläsernen, emotionslosen Augen der Maske erwiderten den Blick und das Herz des Mädchens setzte kurz aus.

»Ahrrgg«, machte sie und blieb so abrupt stehen, dass Sonja gegen ihren Rücken stieß.

Einige Sekunden sahen die beiden sich an, bevor Ashnan Nusku mit einer überraschend leisen und sanften Stimme ein Wort murmelte: »Apfelschorle.«

»Ähm, wie bitte?«

»Ich hätte gerne eine Apfelschorle. Mit Strohhalm.«

»Sehr gerne, Madam«, sagte Nadia schnell. »Ich bin gleich wieder da.«

Überhastet stürzten die beiden Mädchen in die Küche. Dankbar dem Starren der mechanischen Augen zu entkommen.

»Meine Güte«, fauchte Nadia. »Was ist nur los mit denen? Sie haben… gottverdammte-!«

Wieder musste Nadias Hand den kommenden Schwall an Obszönitäten aufhalten, der drohte aus dem Mund ihrer Freundin auszubrechen.

Da Frau Zwetkow fort war, so bereitete Kevin allein das Abendessen vor. Allerdings arbeitete er nicht in Einsamkeit. Denn neben ihm stand der Administrator Enkidu Ki, der hoch interessiert betrachtete wie die Zutaten bearbeitet wurden.

»Wir haben sowohl einen elektrischen, als auch einen Holzofen«, erzählte der Küchengehilfe gerade. »Ich persönlich brate das Fleisch lieber auf dem Holzofen. Es besitzt danach einen besonderen Geschmack. Auch würde ich so viel Sonnenblumenöl nehmen um…«

»Gibt es Fleischsorten, die sich besonders gut für einen Holzofen eignen?«

»Nun, eigentlich nicht. Es dauert halt einfach länger warm zu machen, da man zuvor das Feuer entzünden muss. Deswegen wird er meist für teures Wildfleisch angemacht, doch man kann auf den Herdplatten natürlich auch Schwein, Huhn oder…«

»Kevin«, krächzte Sonja fassungslos. »Was machst du da?«

»Oh, hallo Sonja«, sagte der Küchengehilfe und sah auf. »Ich schneide gerade die Zwiebeln wie du siehst. Der Gast hier interessiert sich fürs Kochen und deswegen erlaube ich ihm zuzusehen und gebe ihm Ratschläge.«

»Auf Eris wird nicht viel mit der Hand gekocht«, erklärte der Administrator weiter, der fleißig alles auf dem Gerät an seinem Arm mittippte. »Eine faszinierende Tätigkeit. Hat mich immer schon begeistert. Sag, könnte ich beizeiten mithelfen, wenn meine Pflichten es erlauben?«

»Natürlich werter Herr.«

Während die beiden Männer munter weiter miteinander redeten und Nadia sich daran machte die Getränke für die anderen beiden Gäste vorzubereiten, so stand Sonja mit offenem Mund da. Ihr Gehirn schien überladen zu sein von all dem was sich eben ereignet hatte.

»Die verarschen uns alle doch nur«, murmelte sie, während ihre Kollegin ihr ein Tablett in die Hand drückte. »Die verarschen uns sicher. Das ist nicht witzig, verdammt nochmal. Meine Güte, sind denn alle von Eris so komplett verrückt.«

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 14

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 15: Menschen von Eris

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 14: Erste Besprechung

Das Kiefern-Zimmer zeigte direkt zum Wald hinaus, war wesentlich kleiner als der große Gemeinschaftsraum des Ahorn-Zimmers und wurde häufig für Meetings von Vereinen, Firmen oder sogar dem Bürgerrat von Neu Moskau gemietet.

Es gab zwar in einer Ecke ein rotes Sofa mir zwei Sesseln zum entspannen, doch dominiert wurde der Raum von einem gewaltigen Eichentisch, an dem bis zu fünfzehn Menschen sitzen konnte. Heute traf sich hier der oberste Kader der Allianz, wobei nur Martu Me wirklich saß. Der Rest stand einfach da, wobei Namtar An sogar aus dem Fenster schaute und zusah wie die Blätter sich im Wind bewegten.

Nadia und Sonja standen bei einem Tischchen mit Snacks, Tee, Kaffee, Wasser, Saft und Wein bereit um die vier hochstehenden Persönlichkeiten zu bedienen und ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Eine Tür führte derweil direkt zur Küche, falls den Gästen nach einem heißen Mahl hungerte.

»Ich nehme an, alle Flotten haben inzwischen Meldung gemacht?«, fragte der Hochadmiral ohne sich umzudrehen.

»Jawohl, Hochadmiral«, antwortete der Administrator Enkidu Ki knapp.

»Dann fang bitte mit einer Zusammenfassung an.«

Der Mann mit den künstlichen Armen nickte und wieder begannen Symbole vor seinen synthetischen Augen von oben nach unten zu gleiten. »Unsere Eris Flotte hier bei Jupiter konnte beinahe den gesamten Orbit und alle Monde besetzen. Wir verloren im Gefecht nur einen Damu. Ein Enki und ein Gilgamesch wurden leicht beschädigt und können noch Kampfoperationen durchführen. Von unseren einst 32 Schiffen sind also noch 31 einsatzfähig. Die 3. Flotte der Erde, die sich uns entgegenstellte, konnte zurückgedrängt werden und befindet sich nun im äußersten Orbit, unfähig für weitere Manöver. Wir konnten von ihren 50 Schiffen 29 zerstören und 2 leicht beschädigen.«

Es war beinahe unheimlich in was für eine Geschwindigkeit dieser Mann die Informationen herunterratterte. Mit seiner monotonen Stimme klang er dabei wie eine Maschine. Nadia konnte nur mit Mühe dem Schwall aus Wörtern folgen, doch sie machten nur wenig Sinn für sie. Die Zahlen waren zu umfangreich und Begriffe wie Enki oder Gilgamesch nicht einordbar. Der Kontext machte zwar klar, dass es sich dabei um Schiffsklassen der Allianz handelte, doch was genau sich dahinter verbrigte wie Bewaffnung oder Bedeutung war nicht erfassbar, da ihr weiteres Wissen fehlte und der Administrator sich natürlich nicht darum kümmerte ob sie mitkam oder nicht.

»Die Pluto Flotte konnte ebenfalls zusammen mit der Charon Flotte den Uranus sichern, und verlor dabei einen Enki, wobei ein Damu leicht beschädigt wurde und ein weitere schwer beschädigt, sodass dieser für Reparatur nach Eris zurückkehren muss. Damit verbleiben von den 27 Schiffen der Flotte nur noch 25. Bei der Charon Flotte liegen die Verluste bei einem zerstörten Damu Kreuzer und einem schwer beschädigten Gilgamesch, der auch nach Eris zurückkehren muss, sodass von den 29 Schiffen nur noch 27 verbleiben. Die 9. Erdenflotte zog sich in die orbitale Festung Brahma Seven zurück, die nun belagert wird. Von ihren 51 Schiffen konnten wir 22 zerstören, sowie einige beschädigen – darunter auch ihre drei Titanen, die nun kampfunfähig in den Docks von Brahma Seven liegen.«

»Die Asags und Ishkurs waren also effektiv«, meinte der Hochadmiral. »Sehr gut. Sprich weiter.«

»Jawohl Hochadmiral. Die Orcus Quaoar Flotte konnte einen großen Sieg beim Saturn verbuchen. Kein Schiff wurde zerstört. Ein Damu und ein Enki wurden leicht beschädigt, während ein weiterer Damu schwer beschädigt wurde und ebenfalls Reparaturen im Dock benötigt. Damit verbleiben von den 27 Schiffen noch 26. Die verteidigende 8. Flotte der Erde verlor dagegen 28 Schiffe und 4 wurden beschädigt, was ihre Zahl von 48 auf 20 reduziert, da kein Schiff schwer beschädigt wurde. Zuletzt kommt nun die 2007 OR Flotte, der es ähnlich erging. Der Neptun ist gesichert und die Flotte verlor dabei nur einen Damu Kreuzer und ein Gilgamesch wurde leicht beschädigt. Damit sind von den anfangs 21 noch 20 Einsatzfähig. Die feindliche 10. Flotte verlor dagegen 34 Schiffe und 2 wurden leicht beschädigt. Damit ist ihre Stärke von 51 auf gerade mal 17 geschrumpft. Sie sind nun ebenfalls im äußersten Orbit des Planeten.«

»Wir haben also erfolgreich den gesamten äußersten Ring besetzt, Glückwunsch meine Herren und meine Dame. Operation Noah kann man damit als einen vollen Erfolg ansehen«, sagte Namtar ohne das Gesicht zu verziehen, während Nadia ihm weiteren Kaffee einschränkte. Ihr Kopf tat weh von all den Zahlen.

Als sie zu Sonja zurückkehrte, war das Gesicht ihrer Freundin sehr blass.

»So wenige«, flüsterte sie leise. »Sie haben so wenige verloren und die Erde so viel. Manchmal sogar weit über die Hälfte. Das hört sich nicht nach Schlachten, sondern nach Massakern an.«

Nadia gab ihr sanft zu verstehen ruhig zu sein und stand weiter bereit.

»Was tun die anderen Flotten der Erde?«, fragte der graue Flügeladmiral Martu Me, der nun eine Waffel mit Puderzucker aß.

»Die 1., 2. und 4. Flotte bei der Erde bleiben weiter in Alarmbereitschaft, zeigen aber keine Anzeichen den Orbit zu verlassen. Das Gleiche gilt für die 5. Flotte beim Mars, die 6. Flotte bei Ceres und die 11. Flotte bei Brahma Four. Die 7. Flotte wird gerade anscheinend vom Merkur zur Venus transferiert, vermutlich um näher an der Front zu sein.«

»Die Oberadmiralin Chiang ist wohl noch im Schockstadium«, meinte der Hochadmiral. »Sie und ihr Gefolge haben noch nicht ganz die Situation und den Schaden erfasst und warten erst einmal ab. Verständlich. Gehen wir am besten gleich zur nächsten Phase, bevor sie eine wirkliche Chance haben sich zu sammeln. Schick Nachricht zur Charon Flotte. Sie sollen den Uranus Orbit verlassen und zu uns zum Jupiter kommen. Ohne die Titanen kann die Pluto Flotte wohl allein die Belagerung von Brahma Seven aufrechterhalten, während ich für meinen nächsten Schritt zwei Flotten benötige.«

»Der Angriff auf Ceres«, sagte Martu Me und es klang halb wie eine Frage und halb wie eine Feststellung.

»Exakt. Mit Ceres kontrollieren wir den Gürtel und damit schneiden wir die Erde von einem ihrer größten Rohstofffelder ab. Ich werde hier auf Ganymed bleiben und die Operation leiten. Ashnan, du wirst die Eris Flotte zum Angriff führen, während du Martu die Charon Flotte übernimmst und als zweite Linie bereithältst, falls der Angriff misslingt und unser Feind meint eine Gegenoffensive einzuleiten.«

Die schwarze Flügeladmirälin nickte kaum sichtbar.

Der graue Flügeladmiral stopfte sich den Rest der Waffel in den Mund und nuschelte dann: »Jawohl, mach ich. Ich nehme an Operation Lucifers Fall bleibt unverändert?«

»Es gibt keinen Grund den Plan zu ändern.«

»Ich freue mich darauf Chiangs Gesicht zu sehen.« Mit einem Lächeln lehnte der Mann von Eris sich zurück.

»Wir haben in den letzten Tagen beachtliche Erfolge erzielt«, begann Namtar An, »doch vergesst nicht, dass die schwerste Aufgabe noch vor uns liegt. Der Feind ist nun nicht mehr überrascht und das innere System ist weiterhin unangetastet.« An dieser Stelle unterbrach er sich als ein Buchfink auf der Fensterbank landete. Genau wie der kleine Vogel legte der Hochadmiral neugierig den Kopf schief und lauschte dem kurzen, gezwitscherten Gesang, bevor der Besucher flügelschlagend wieder davonflatterte. Anschließend fuhr der hochgewachsene Mann fort als wäre nichts gewesen und auch die anderen schienen nicht im geringsten davon gestört zu sein. »Mars und Erde gehören zu den am schwersten befestigten und verteidigten Orten im Sonnensystem und die dortigen Flotten sind um ein vielfaches stärker als diejenigen hier im äußeren System. Unsere Siege sind großartig, doch noch immer sind wir zahlenmäßig unterlegen und es gibt zwölf weitere Titanen zu besiegen. Der Krieg ist nicht vorüber. Er hat gerade erst begonnen und das Weinen von Milliarden wird noch viele Jahre andauern. Operation Noah war nur der erste Schritt, der es uns erlaubte überhaupt erst diesen Krieg führen zu können.«

»Verdammte Scheiße«, murmelte Sonja.

Ein Schauer ging durch Nadia bei den letzten Sätzen, doch sie lächelte nach außen hin weiter. Ganz egal was hier besprochen wurde oder wie viele Fragen sie an Namtar An stellen wollte, jetzt gerade musste sie ihre Arbeit machen. Es war nicht der Ort und die Zeit um die Herrschaften zu unterbrechen oder abgelenkt zu werden.

Das Mittagessen wurde kurz darauf serviert. Es gab Algäuer Schnitzel mit Knödel, Karotten, Pilzen und Soße. Als alle Mägen gesättigt waren, wurde das Gespräch fortgesetzt. Ab da ging es in der nun dröger werdenden Besprechung um die Positionierung der Schiffe, die Art und Weise wie Kuppelstädte am besten verwaltet werden sollten während der Kriegszeit, den Beginn der nächsten Operationen, die besten Versorungsrouten und andere Kleinigkeiten die Nadia mal mehr oder weniger gut verstand, die aber allgemein für ihre Ohren sehr langweilig klangen.

Um 15:00 war die Besprechung dann beendet. Der Administrator Enkidu Ki begann Nachrichten mit den neuen Anweisungen zu den restlichen Flotten zu schicken. Namtar An und Martu Me gingen auf die Terrasse nach draußen um die Sonne zu genießen, während Ashnan Nusku einfach stehenblieb und auf eine Wand starrte.

Nadia und Sonja hielten Abstand zu der schwarzen Flügeladmiralin, während sie aufräumten.

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 13

Kapitel 15

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 14: Erste Besprechung

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 13: Nachtruhe

Liebe Anna, schrieb Nadia am Abend, während sie in ihrem Bett lag,

mir geht es gut. Die Soldaten von Eris haben uns nicht getan und Ganymed wurde friedlich besetzt. Du glaubst nicht, wer nun bei uns in der Herberge ist…

»Du weißt schon, dann du diese Nachrichten in nächster Zeit nicht abschicken wirst«, meinte Sonja, die auf dem anderen Bett hockte und resigniert ihre Freundin betrachtete. »Die bleichen Bastarde werden es nicht erlauben.«

»Irgendwann wird der Krieg zu Ende sein, Sonja. Und dann kann ich alles auf einmal losschicken. Anna wird sich sicher freuen. Es wird so sein, als ob sie ein ganzes Buch von mir bekommt, voll mit all den Geschichten die bis dahin erlebt haben werde.«

»Idiotin.«

»Ich hoffe sie macht sich keine so großen Sorgen.«

Sonja brummte nur etwas undeutliches und legte sich hin. Während sie die Decke über sich zog, drehte sie sich dabei zu Wand.

Von anderen Teilen der Herberge war noch Aktivität zu hören, da die Leute von Eris die Nacht durcharbeiteten wollten. Frau Zwetkow hatte die beiden, jungen Dienstmädchen und Kevin zu Bett geschickt und bewirtete die neuen Gäste nun alleine. Durch das Fenster war Jupiter zu sehen, die großen Wolkenringe unberührt von den Schlachten die man im Orbit geschlagen hatte. Der gewaltige Planet drehte sich weiter um die Sonne, uninteressiert an den dummen Streitigkeiten der Menschen.

Ich denke immer der Planet ist ein alter Mann… ein Zeus mit Gehstock, müde nach so langer Zeit des Lebens und kopfschüttelnd über die Dummheit der kleinen Kreaturen, die sich auf seinen Monden neue Heime gebaut haben. Falls Jupiter eine Stimme hat, so würde ich sie gerne hören. Was hat er wohl zu sagen? Welche Ratschläge könnte er mir geben?

»Danke Sonja.«

»Für was?«

»Dass du vorhin mit mir hier hoch gekommen bist. Ich musste dich nicht einmal fragen. Du bist einfach mit geritten, obwohl wir nicht wussten was uns hier erwartet.«

Sonja gab ein Geräusch von sich, das wie eine Mischung aus einem Ächzen und einem Schluckauf klang. Sie brauchte einige Sekunden um die richtigen Wörter zu finden: »Jemand muss ja auf dich Dummerchen aufpassen.«

»Danke dafür, Sonja. Die Sieben Kastanien bedeuten dir was und du willst diesen Ort ja auch beschützen.«

»Ich habe nichts anderes als diese Hütte«, antwortete ihre Freundin und die Schärfe verschwand etwas aus ihrer Stimme. »Es gibt nur diesen Ort, bis ich es zur Erde schaffe.«

Mit einem verstehenden Lächeln sah Nadia wieder zum Fenster, wo wieder die Fledermäuse Insekten jagten. Eine Eule war zu hören und einige Motten tanzten vor dem Glas. Auch die Tiere interessierten sich nicht für die Neuankömmlinge oder die Ereignisse im Sonnensystem. Sie lebten einfach weiter ihr wildes Leben.

Ob wir es nicht besser dran wären, wenn wir die Welt wie die Tiere sehen? Nur darauf achten, was direkt vor uns ist und alles was über uns hinausgeht und was uns die Ferne lockt nicht beachtend?

»Wieso bist du eigentlich nicht wütend auf mich?«, fragte Nadia.

»Weswegen sollte ich wütend auf dich sein?«

»Ich habe nichts gegen die Soldaten von Eris gesagt. Ich bin nicht sauer wegen des Krieges. Ich will nicht kämpfen. Ich will nichts mit dem Krieg zu tun haben. Bin ich nicht schwach und ein Feigling für dich?«

»Nadia, du Idiotin. Du bist keine Kämpferin. Es liegt nicht in deiner Art. Ich habe nicht für eine Sekunde gedacht, dass du dich gegen die Allianz stellst. Es liegt einfach nicht in deiner Art. Du bist ein gutes, friedliches Mädchen.«

»Danke, Sonja.«

»Kannst du bitte aufhören dich zu bedanken? Es wird spät und ich will schlafen. Wir müssen morgen früh aufstehen um diese dummen Pferde zurückzubringen.«

»Tut mir leid, Sonja.«

Nadia klappte den Laptop zu und legte ihn auf den Nachttisch, bevor auch sie sich hinlegte. Mit hinterm Kopf verschränkten Armen sah sie dann hoch und betrachtete das einfallende Nachtlicht von den Monden draußen.

Morgen Vormittag wollte Namtar An eine Besprechung mit seinen Admirälen im Kiefern-Zimmer abhalten. Sie und Sonja sollten dabei sein und auf Wunsch die Befehlshaber von Eris mit Essen und Getränken versorgen.

Der Hochadmiral schien vorhin nicht wie ein schlechter Mensch. Sie war gespannt wie er sein würde, wenn es darum ging den Krieg weiterzuführen. Würde er ein anderes Gesicht zeigen als bei dem Kaffee? Würde sie dann anders über ihn denken?

Es würde sich zeigen. Doch für den Moment hießt es zu träumen.

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 12

Kapitel 14

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 13: Nachtruhe

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 12: Kennenlernen

Der Hochadmiral von Eris, Namtar An, saß auf einem der Sofas nahe am Kamin, als Nadia in das Ahorn-Zimmer zurückkehrte. Er sah konzentriert auf ein Display vor sich und tippte manchmal rasch einige Daten ein. Seine Finger bewegten sich dabei unnatürlich schnell.

Verteilt befanden sich auch die anderen drei Allianz-Befehlshaber im Raum.

Hinten in der dunkelsten Ecke stand Enkidu Ki, der Administrator des Hochadmirals. Er war hochgewachsen, mit künstlichen Armen, die wie stählerne Knochenglieder aussahen. Teile seines schwarzes Haares waren wegrasiert, damit es Platz für Implantate gab, die er direkt mit seinem Hirn verband und die wie kantige Geschwüre aus seinem Schädel ragten.

Seine eine Hand tippte auf eine Tastatur bei seinem rechten Arm und vor seinen mechanischen, im halbdunkel orange glühenden Augen zogen Hologramme mit fremdartigen Symbolen vorbei.

Der Administrator trug ebenfalls einen eng um die Taille geschnürten, schwarzen Mantel. Seine Schultern waren allerdings größtenteils weiß gefärbt, mit jeweils einen einzigen schwarzen Stern in der Mitte.

Etwas näher am Fenster, in einem der Sessel, hatte sich der graue Flügeladmiral Martu Me ausgebreitet, sodass er die späte Sonne genießen konnte. Sein Haar war schneeweiß, auch wenn er nicht wirklich alt aussah. Das Gesicht zeugte von Kraft, war aber gleichzeitig sehr ausgemergelt mit wachen grauen Augen. Von einem Implantat beim Nacken abgesehen besaß er keine erkennbaren Körpermodifikationen. Auf den Schultern seines Mantels waren jeweils drei graue Streifen.

Er tippte ebenfalls auf ein Display ein, hielt aber häufiger inne als Namtar und überlegte angestrengt für mehrere Sekunden, bevor er weiterarbeitete.

Und dann gab es noch Ashnan Nusku, die schwarze Flügeladmiralin. Sie stand mittig im Raum und gab wohl den fürchterlichsten Anblick ab. Ihr Gesicht war mit einer Art Gasmaske bedeckt, von der Schläuche hinunter in ihren Mantel führten. Ihre Augen waren nur noch zwei Glaslinsen, die ähnlich wie bei Enkidu orange glühten. Auf dem Kopf trug sie eine schwarze Kappe, unter der vereinzelte graue Strähnen heraushingen. Unnatürlich Klumpen, Beulen und schlicht Lücken die den Mantel verformten deuteten auf massive Eingriffe und Implantate an ihren Körper hin.

Auf den Schultern ihres Mantels waren drei schwarze Streifen, die weiß umrandet waren, damit sie sich besser von dem sowieso schon dunklen Stoff abheben konnten.

Sie stand einfach da, ohne sich wirklich zu bewegen. Nur die Finger ihrer rechten Hand bewegten sich, so als würde sie auf eine unsichtbare Tastatur eintippen.

Nadia schluckte und vermied es in die Richtung der Flügeladmiralin zu sehen. Sie hatte keinerlei Vorstellung, was all diese Begriffe und Ränge bedeuteten. Allerdings war es ohne den geringsten klar, dass diese vier anscheinend die Dirigenten des gesamten Krieges waren.

Während sie durch den Raum schritt fiel ihr auf, dass keiner hier miteinander redete. Sie arbeiteten ohne ein gesprochenes Wort für sich.

»Hier… ist ihr Kaffee, Mister. Mit Milch und ohne Zucker.« Sie stellte die Tasse auf den Tisch vor dem Hochadmiral.

Namtar An sah auf und lächelte freundlich. »Danke sehr, Nadia.«

Sie versuchte ebenfalls zu lächeln, doch irgendwie wollten ihre Lippen nicht gehorchen und es wurde zu einer Grimasse. »Schmeckt er?«, fragte sie dann, nachdem er einen ersten Schluck genommen hatte.

»Oh ja, er ist ausgezeichnet. Es ist furchtbar lange her, dass ich das letzte mal Kaffee getrunken habe. Auf Eris ist sowas eine richtige Luxusware. Dies ist wahrlich ein Segen.«

»Freut mich zu hören, Mister.«

Okey, was jetzt?

Eigentlich wollte sie sich weiter mit ihm unterhalten. Doch wie sollte sie es angehen? War es überhaupt eine gute Idee? Immerhin wirkte er beschäftigt. Was sollte sie denn überhaupt sagen?

»Was stehst du denn da, meine Liebe. Hast du noch etwas für mich?« Der Hochadmiral sah verwundert zu ihr auf.

»Äh«, brachte Nadia nur heraus, die durch die plötzliche Frage überfordert war. Panisch suchte sie nach einer Antwort in ihrem Hirn, doch da war nur Chaos.

»Ich ahne es schon«, fuhr der Mann von Eris mit einem Schmunzeln fort und legte das Display ab. »Du hast anscheinend viele Fragen. Wenn du willst kann ich sie beantworten.«

Was? Einfach so? »Äh… nun… danke… Müssen sie aber nicht…. ähm arbeiten, Mister?«

»Nicht wirklich. Momentan kommen nur Daten rein und die bestätigen einfach nur, was ich erwartet habe. Der Plan läuft gerade wie von selbst. Ab diesem Punkt gibt es nicht viel was ich noch tun kann, bevor der Krieg in die nächste Phase geht. Außerdem hätte ich durchaus gerne etwas Ablenkung und ein gutes Gespräch. Also Nadia, sprich ruhig. Du kannst ganz offen mit mir sein.«

»Aha.« Mein Wortschatz ist wohl etwas eingeschränkt gerade. Vermutlich sieht er in mir nichts anderes als ein dummes Bauernmädchen. »Gut. Danke. Es ist mir eine Ehre, Mister. Wenn sie es mir erlauben, so würde ich gerne wissen wieso Sie hier sind.«

»Meinst du mit hier Ganymed oder Die Sieben Kastanien?«

»Beides, Mister.«

»Verstehe.« Der Hochadmiral nahm einen weiteren Schluck von dem Kaffee. »Fangen wir dann mal mit Ganymed an. Es ist wahr, dass es für Außenstehende absurd erscheint, dass jemand wie ich mein Hauptquartier auf so einer ländlichen Kolonie errichte. Die großen Industriezentren auf Io oder die stolzen Städte auf Kallisto erscheinen auf den ersten Blick als bessere Optionen, richtig?«

»Ja, Mister.«

»Ich will nicht lügen. Die Fabriken auf Io und die Zentralcomupter auf Kallisto werden uns eine große Hilfe sein in der Zukunft. Allerdings fehlt ihnen etwas Wichtiges. Etwas, was für einen stellaren Krieg unumgänglich ist. Weißt du, was das ist, Nadia?«

Sie schüttelte ihren Kopf.

»Ist nicht verwunderlich, da es wirklich kein Allgemeinwissen ist. Ich kläre dich nun auf. Ganymed – oder noch genauer Neu Moskau – hat die stärksten und größten Kommunikationsanlagen vom ganzen Jupiter… ja, sogar vom ganzen äußeren Ring! Der gesamte Verkehr zwischen den Moden wird praktisch von hieraus organisiert und es ist ein wichtiger Knotenpunkt für die gesamte Raumfahrt im Sonnensystem. Mit der Infrastruktur beim Halo kann ich wesentlich leichter meine Flotten organisieren und Befehle verteilen. Ich hoffe diese Antwort konnte etwas Klarheit schaffen, Nadia.«

Wow, dass habe ich wirklich nicht gewusst. Neu Moskau ist also so wichtig für das Sonnensystem? Habe ich nie erwartet.

»Danke Mister, die Antwort konnte Klarheit schaffen«, sagte sie, zufrieden was neues über ihre geliebte Heimat gelernt zu haben.

»Nichts du danken, meine Liebe. Kommen wir nun zum nächsten Teil. Wieso ich spezifisch hier in den Sieben Kastanien bin und nicht in der Stadt oder oben beim Halo. Wäre doch einfacher, den Krieg von diesen Orten zu organisieren, oder?«

»Ich weiß nicht wirklich, Mister. Ich kenne mich nicht mit so was aus.«

»Stimmt, tut mir leid Nadia. Nun gut. Im Grunde ist es eigentlich egal wo ich mein Hauptquartier habe, solange ich nur mit dem Kommunikationsnetz der Kolonie verbunden bin. Ich kann Daten und Befehle von hieraus genau so schnell zur Flotte schicken wie von der Stadt. Es mag sein, dass ich persönlich besser erreichbar wäre in Neu Moskau und ich werde sicher öfters dorthin fliegen, allerdings sollte man diesen Gasthof nicht unterschätzen. Er ist abgelegen, ruhig und gut abzusichern, da es nur wenige direkte Wege hier hoch gibt. Außerdem ist da noch ein wichtiger Grund, wieso ich gerne hier mein Hauptquartier einrichten will…«

»Und der wäre«, fragte Nadia angespannt, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte.

Der Hochadmiral sah zur Seite und hinaus zum Fenster. Er betrachtete sich weit dahinziehenden Fichtenwald eingehend für einige Zeit. Seine Augen schienen sich zwischen den Bäumen zu verlieren und das Gespräch wirkte wie vergessen bei ihm, weswegen Nadia sogar etwas überrascht war, als er wieder zu sprechen begann: »Auf Eris gibt es keine Wälder. Heute habe ich zum ersten Mal den Duft von Kiefernnadeln gerochen. Es war herrlich. Weißt du, Nadia, als ich damals Bilder von diesem Gasthof gesehen habe, so war ich sofort hingezogen zu diesem Ort. Die Art wie er sich in die Natur einfügt. Die Gelassenheit, die in dem Holz der Wände liegt. Ich wollte unbedingt hierher, als der Krieg begann. Kannst du verstehen, was ich meine?«

»Ja, Mister. Ich verstehe vollkommen.« Und sie meinte es wirklich. Jedes seiner Worte hätte auch von ihr stammen können.

»Exzellent. Nun denn, ich kann vermutlich diese Gelgenheit nutzen und etwas klären. Ich habe vor hier auch Besprechungen abzuhalten, bei dem der weitere Verlauf und Strategien des Krieges bis zu unserem Sieg Thema sein werden. Ich hätte es gerne, dass du und Sonja uns dabei bedient. Diese militärischen Meetings können lange dauern und etwas Kaffee und eine Mahlzeit dazwischen tut immer gut.«

»Äh, gerne. So etwas gehört ja zu meinen Pflichten. Aber ist es wirklich in Ordnung, Mister? Würden ich und Sonja dabei nicht wichtige Informationen mitbekommen?«

»Ich kontrolliere inzwischen den gesamten Datenverkehr der Kolonie, Nadia. Selbst wenn du solche Informationen an die Erde weiterleiten wolltest – und für so eine Person halte ich dich nicht – hättest du keine Möglichkeit dazu. Außerdem werdet ihr beiden vorher einen Eid abgeben, nach dem ihr schwört nichts von dem was hier besprochen wird nach draußen zu tragen. Und ich denke du bist ein Mädchen, das ihr Wort hält.«

Nadia spürte wie sie leicht errötete und brach den Augenkontakt mit dem Hochadmiral ab. »Dies mag… stimmen, Mister. Ich achte darauf immer ehrlich zu sein und mein Wort zu halten. Doch was ist mit Sonja? Sie scheint nicht sehr… angetan von eurem Aufenthalt hier zu sein.«

»Gegenfrage. Hältst du Sonja für jemanden, die ein Versprechen bricht?«

Ach ja. Wenn ich so darüber nachdenke. Sonja beschwerte sich gerne. Sonja machte sich gerne Feinde. Sonja zeigte immer deutlich wen sie mochte und wen nicht. Doch sie war immer ehrlich und sie hatte ihren Stolz und ihre Ehre.

»Nein, würde sie nicht.«

»Damit ist das wohl geklärt«, meinte Namtar An freundlich.

»Hochadmiral«, sprach nun plötzlich der Administrator Enkidu Ki, der lautlos zu ihnen herübergekommen war. »Ich habe Meldung vom Neptun bekommen. Sie sollten es sich ansehen. Ich habe bereits eine Analyse und Vorschläge für die nächsten Operationsschritte dazugeschrieben.«

»Danke sehr, Enkidu. Ich glaube damit endet wohl unser Gespräch fürs erste Nadia. Aber ich würde mich freuen, wenn wir in Zukunft weitere Gelegenheiten bekommen.«

»Natürlich, Mister«, sagte Nadia schnell und verneigte sich etwas vor ihm. »Es wäre auch mir eine Freude. Ich werde nun in die Küche zurückkehren und weiter das Abendessen vorbereiten.«

»Mach das, Liebes.«

Sie eilte aus dem Ahorn-Zimmer, das Tablett eng an die Brust gedrückt und mit wild schlagenden Herzen.

Er wirkte nicht wie ein Eroberer. Nichts Böses war an ihm. Er war höflich und respektvoll. Er war ein Gast in den Sieben Kastanien.

»Und er will mit mir reden«, hauchte sie.

Was würden die nächsten Wochen alles bringen? Wie würde ihr Leben an der Seite der Menschen von Eris aussehen?

Sie wusste noch keine Antworten. Nur eine Sache war klar. Sie war Nadia, eine Mitarbeiterin dieses Ortes. Dies war ihre Heimat. Sie würde ihre Pflicht tun, so wie immer und auf dem weiteren Weg wertvolle Erinnerungen sammeln.

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 11

Kapitel 13

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 12: Kennenlernen

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 11: Feind

»Sie sind unser Feind!«, wiederholte Sonja zum vermutlich achtzehnten Mal, seitdem sie in die Küche zurückgekehrt war, um die Kartoffeln zu schneiden..

»Falsch,junge Dame«, entgegnete Frau Zwetkow ungerührt. »Sie sind Gäste. Unsere Gäste. Sie haben ihre Zimmer hier gebucht und deswegen haben sie Anrecht auf unseren gesamten Service.«

»Sie haben alle Zimmer gebucht, Frau Zwetkow!«

Während die beiden weiter stritten stand Nadia etwas abseits und bereitete den Kaffee vor, den sich der Hochadmiral gewünscht hatte. Ihre Chefin und Mitarbeiterin hatten oft Auseinandersetzungen, doch sie spürte, dass die jetzige besonders schlimm war. Vielleicht sogar die Schlimmste, die sie jemals hatten.

Ich muss irgendwas sagen. Ich sollte versuchen die Situation zu klären. Ihre Gemüter beruhigen.

Doch auf welcher Seite sollte sie sich schlagen? Wer hatte mehr recht? Es war alles so verwirrend. Sie fürchtete sich schrecklich. Eigentlich wollte sie den Kaffee nicht in Ahorn Zimmer bringen – dorthin wo die Menschen aus Eris waren. Es war das erste mal, dass sie unwillig war einen Raum in den Sieben Kastanien zu betreten. Aber war es genug sich zu fürchten? Sollte sie nicht wütend sein wie Sonja oder entschlossen und prinzipientreu wie Frau Zwetkow, die Angst nach hinten schiebend?

»Na und?«, fuhr ihre Chefin fort, die mit der Kelle die Suppe etwas kostete. »Sie sind trotzdem Gäste.«

»Sie sind Invasoren! Sie sind Kriegstreiber! Sie wollen die Erde angreifen!«

»Mag alles richtig sein. Aber trotzdem sind sie Gäste und diese Herberge hat ihren Ruf. Kein Gast wird unfair behandelt. Kein Gast verwiesen, solange er nicht gegen die Hausordnung verstößt. Ein jeder ist hier willkommen. Daran wird sich nie etwas ändern, solange ich dieses Haus leite!«

»Du bist eine Verräterin!«

»Wenn es dich glücklich macht, dann nenne mich ruhig so. Solange du weiter die Kartoffeln schneidest, ist alles in Ordnung. Könntest du danach dann die Willkommensschokolade nach oben in die Zimmer bringen?«

»Das ist nicht richtig so«, murmelte Sonja und arbeitete dann mürrisch weiter. Sie war schlecht gelaunt, wütend wie nie zuvor und schien mit dem Messer jede Kartoffel zu Tode stechen wollen. Aber sie arbeitete. Das war das Entscheidende.

Sie tut so, als wären die Leute von Eris vom tiefsten Herzen her böse.

Nadia mochte es simpel. Wozu sich das Leben zu kompliziert machen?

Allerdings merkte sie nun, dass es manchmal einfach kompliziert wurde, ohne dass man es wollte. Ihre Gefühle und Gedanken waren in Aufruhr. So viele Ungewissheiten plagten sie im Moment.

Namtar An, der militärische Führer der Allianz, befand sich in dieser Herberge. Es war unwirklich. Es füllte sie mit Angst. Sorgen zermarterten ihr Hirn. Die Welt stand Kopf.

Doch wie lange soll dies noch weitergehen?

Sie nahm die Kaffeetasse und verließ die Küche. In der Eingangshalle lief sie dann in Kevin, der wohl gerade von der Stadt zurückkehrte.

»Ich habe eine Nachricht von Frau Zwetkow bekommen«, sagte er nur. »Wir haben also neue Gäste? Ich helfe ihr umgehend in der Küche.«

Sonja nickte und trat etwas zur Seite, damit er durch konnte. Allein blieb sie zurück und sah zur Tür vom Ahorn Zimmer.

Eigentlich war dies absurd. Wieso fühlte sie sich so fremd gerade? Dies war noch immer die Sieben Kastanien. Der wunderbare, faszinierende Ort in den Bergen von Neu Moskau. Seitdem sie die ersten Fotos damals im Netz gesehen hatte, was sie von diesem alten Gebäude verzaubert. Dies war ihre neue Heimat, die sie irgendwann einmal auch mit ihrer kleinen Schwester teilen wollte.

Mag sein, dass Namtar An vom fernen Eris stammte.

Mag sein, dass er mit einer Flotte aus Kriegsschiffen aus der Finsternis gekommen war.

Mag sein, dass seine Soldaten gerade Fuß auf Neu Moskau und viele andere Kolonien gesetzt hatten.

Mag sein, dass gerade Krieg herrschte.

Doch sonst wusste sie nichts. Sie war ein einfaches Mädchen, ohne Interesse an Politik. Sie wollte die Schönheit in allem sehen und auch wenn die Ereignisse sich überschlagen hatten, so befand sich im Ahorn Zimmer gerade ein Mensch. Ein Mensch der Dunkelheit, ja, aber dennoch ein Mensch. Ein Mensch über den sie kaum etwas wusste.

Sonst ließ sie sich doch nicht von etwas Unbekannten unterkriegen! Nein! Immer wenn Gäste zu den Sieben Kastanien kamen, so freute sie sich immer auf die frischen Gesichter und die neuen Erinnerungen.

»Und er ist nun ein Gast«, begann sie leise zu sich selbst zu reden. »Und er hat auch sicher wie alle anderen Geschichten zu erzählen. Er hat auch Träume und eine Vergangenheit. Er ist ein Mensch. Also werde ich mit ihm reden. Ich werde mich mit ihm unterhalten und ihn kennenlernen, so wie alle anderen Gäste.«

Ja, alles war simpel. Das Knäuel in ihrem Kopf würde sich sicher lösen, wenn sie nicht mehr in der Ecke kauerte, sondern heraus ins Licht trat und lächelnd zu reden begann. Die meisten lächelten auch immer zurück.

Ja, dies waren die Sieben Kastanien. Ihre neue Heimat. Die Herberge der Wunder. Und im Ahorn-Zimmer wartete gerade sicher ein neues Wunder darauf entdeckt zu werden.

Entschlossen hob Nadia den Kopf und begann mit festen Schritten den Kaffee zu Namter An zu bringen. Was hatte er wohl alles zu erzählen?

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 10

Kapitel 12

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 11: Feind

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 10: Gast

Ganz Arbali befand sich in Aufruhr und keiner war bereit die beiden Mitarbeiterinnen der sieben Kastanien hoch zur Herberge zu fahren. Einige flehten sie sogar an hierblieben.

»Man wird euch umbringen, wenn ihr dorthin geht!«, meinte Dennis. »Die Herberge brennt wahrscheinlich schon!«

»Ich sehe keinen Rauch, Herr Schildmann«, entgegnete Nadia. »Tut mir leid, aber wir müssen hoch zur Herberge. Sie ist sehr wichtig für uns.«

»Sorgst du dich denn gar nicht um Frau Zwetkow?«, fauchte Sonja.

Der Bäcker weinte nur.

Am Ende nahmen sie sich einfach zwei Pferde vom lokalen Reitclub. Keiner passte in der Aufregung auf die Ställe und Weiden auf, weswegen sie ungestört in aller Eile die Tiere satteln und losreiten konnten.

Nadia ließ dabei eine Notiz zurück, wo sie versprach die Pferde später sicher zurückzubringen. Ob sie es auch wirklich einhalten konnte, würde sich noch zeigen.

»Ich war lang nicht mehr auf einem Pferd!«, beschwerte sich Sonja, als sie die Straße hochritten. »Kannst du etwas langsamer? Ich falle sonst aus dem Sattel!«

»Tut mir leid Sonja, aber wir müssen schnell sein«, entgegnete Nadia nur. »Wir dürfen keine Sekunde verschwenden.«

Normalerweise war es herrlich in dieser Jahreszeit mit dem Pferd durch die Wälder und Hügel zu reiten. Den Atem des Tieres unter sich zu spüren, es bei der Pause beim Grasen zuzusehen, die Welt aus der erhöhten Perspektive neu zu entdecken. Einfach wunderbar.

Doch im Moment hatte sie keine Augen und Ohren für die Schönheit von Neu Moskau. Sie konnte nicht. Sie wollte sich übergeben. Es war nicht richtig so. All dies hatte sie sich nicht gewünscht, als sie von der Erde hierhergekommen war. Es sollte doch ganz anders sein. Wo ist die Ruhe der Wälder hin? Wieso rührt der Duft der Blumen nicht mehr ihr Herz?

Die drei Flugmaschinen von Eris umkreisten nun den Punkt bei dem sich die Sieben Kastanien befanden. Einer setzte bereits zur Landung an.

Ein Mann auf einem Roller fuhr vorbei, hupte panisch und deutete mit seiner Hand an, sie sollten umkehren. Die beiden Mädchen ritten einfach weiter, ignorierten seine Schreie.

»Was wollen wir eigentlich tun, wenn wir da sind?«, fragte Sonja.

»Ich weiß nicht. Ich… ich muss einfach da sein. Ich muss etwas tun. Du weißt wie viel mir dieser Ort bedeutet. Ich kann nicht zulassen, dass ihm etwas passiert.«

»Du bist eine Idiotin!«

Ab da sprachen sie nicht mehr miteinander, da der Weg holpriger wurde und sie es vermeiden wollten sich versehentlich auf die Zunge zu beißen. Nach einigen Minuten waren alle drei Flugmaschinen gelandet und die Straße führte in den Wald, sodass die Sicht eingeschränkt wurde.

»Was können sie nur bei den sieben Kastanien wollen?«, fragte Nadia schließlich, als die Stille zwischen ihnen so unerträglich wurde, dass selbst der Gesang der Vögel sie nicht mehr beruhigen konnte. Sie befanden sich nun nahe an der Herberge.

»Da fragst du mich was! Woher soll ich wissen, was diese bleichen Bastarde wollen? Plündern? Wandern? Eine Antenne!«

»Glaubst du wirklich, sie würden hier hoch fliegen nur wegen einer Antenne, Sonja?«

»Ja, tun sie! Guck doch, du Idiotin!«

Nadia zügelte das Pferd etwas und spähte durch die Bäume, wo man bereits eine Ecke der Herberge sehen konnte. Und tatsächlich erhob sich dort ein dünnes, stählernes Gerüst, was es heute Morgen noch nicht gegeben hatte.

Als sie noch näher ritten, flog eine kleine Drohne mit einen anmontierten Maschinengewehr über ihre Köpfe hinweg. Es schwebte kurz über ihre Köpfe, bevor es dann weiter die Straße runter summte.

Sie verlangsamten den Trott. Eigentlich hatte Nadia erwartet, dass die Pferde nun anfangen würden unruhig zu werden, doch sie zeigten keinerlei Veränderung in ihrem Verhalten.

Bei den sieben Kastanien dann erwarteten sie bereits vier Soldaten von Eris. Zwei der Flugmaschinen standen auf dem leeren Parklatz, während der Dritte auf einer nahen Weide gelandet war.

Ein Schauer ging durch Nadia, als sie vom Pferd stieg und hoch blickte zu den fremden Kriegern aus einer fernen Welt.

Ihre Körper waren komplett in dunklen, drei Meter großen Exorüstungen gekleidet, sodass sie massiv wie eine Mauer vor ihr aufragten. Sie hielten fremdartige, fast primitiv aussehende Waffen mit beiden Händen. Einige dieser grässlich aussehenden Tötungswerkzeuge waren an den Hüften sogar mit den Rüstungen selbst verbunden.

Schläuche führten zu den Helmen, deren Gesichtsplatten leer und glatt waren, mit Ausnahme eines einzelnen, eingebauten Auges auf der rechten Seite, wo unter rotem Glas mehrere optische Sensoren zu erkennen waren. Auf den Schultern prangte das Zeichen der Allianz.

»Ah…«, machte das Mädchen, während die Soldaten sie weiterhin ohne ein Wort musterten. Hilfesuchen drehte sie sich zu Sonja um, doch das sonst hitzige Gemüt ihrer Freundin war wohl beim Anblick dieser finsteren Ritter ebenfalls erloschen. Sie hielt die Zügel verkrampft in ihren Händen mit Schweiß auf der Stirn.

Sie will wegrennen. Ich kann es verstehen. Ich will ja auch wegrennen. Aber ich kann nicht. Dies ist mein Zuhause.

Mit einem Schlucken wandte sich Nadia wieder zu den Soldaten von Eris und atmete tief ein, bevor sie zögerlich zu sprechen begann: »Also… ich bin… ihr seid… was wollt… könntet ihr…«

Ich hab vergessen zu sprechen. Ich bin tot.

Drei der Ritter wandten sich einfach ab und bezogen Stellung an anderen Punkten. Der Vierte betrachtete sie noch ein wenig, bevor er zur Seite trat und zum Eingang der Herberge deutete.

»Äh, wir dürfen reingehen?«, fragte Nadia, die fassungslos auf seinen Finger starrte.

Der Helm nickte.

»Das ist doch eine Falle«, murmelte Sonja, die mit zitternden Fingern ihr Pferd anband.

»Wieso sollten sie uns in eine Falle locken?«, entgegnete Nadia, die dasselbe tat. Anschließend streichelte sie das Tier dankbar und begann mit zögerlichen Schritten auf die Haupttür zuzugehen.

Was ging hier vor? War erwartete sie dort drinnen? Sollte sie die Soldaten fragen? Nein, unmöglich. Sie fürchtete sich zu sehr vor diesen dunklen Rittern und wollte nur so schnell wie möglich fort von ihnen.

Die Eichenholztreppen knirschten unter ihren Füßen. Das sonst so vertraute und geliebte Gebäude ragte nun beinahe bedrohlich vor ihr auf. Es war wie ein völlig anderer Ort. Kein Vergleich zur vertrauten Atmosphäre von heute Morgen.

Sie entdeckte einige Vögel oben beim Balkon, die auf die Mädchen hinuntersahen. Schmetterlinge flatterten bei den Büschen. Ein Hundertfüßer kroch das Geländer der Terrasse entlang. Eine Spinne baute sich ein neues Netz oben in einer dunklen Ecke.

»Wir…«, sagte sie, als sie im Eingangssaal ankam. Sie spürte Sonja dicht hinter sich und wie ihre Freundin sich an ihren Arm klammerte. Unbekannte, stählerne Kisten lagen überall herum. Aus dem oberen Stockwerk waren merkwürdige Geräusche zu hören. »Wir sind wieder hier!«

»Na endlich! Wurde auch Zeit.« Dröhnend kam Frau Zwetkow mit ihrer altbekannten Suppenkelle aus der Küche. »Beeilt euch! Wir müssen Betten beziehen und kochen! Wir haben neue Gäste!«

»Gäste?«, wiederholte Sonja ungläubig.

»Ja, sie sind im Ahorn-Zimmer. Geht rein und sagt kurz Hallo. Vergesst nicht höflich zu sein! Beginnt dann sofort mit der Arbeit!«

Bevor sie beide auch nur eine Frage stellen konnten, war ihre Chefin bereits wieder in der Küche verschwunden.

»Ahorn-Zimmer«, meinte Nadia und wandte sich zur offenen Doppeltür, die zu dem großen Gemeinschaftsraum führte.

Es war zu viel.

Dies alles war zu viel.

Sie wollte fliehen.

Doch es ging nicht. Sie war eine Mitarbeiterin der Sieben Kastanien und man hatte ihr eine Aufgabe gestellt.

Mit dem letzten Rest Mut, den sie in sich fand, zwang sie sich zu weiteren Schritten. Sonja gab einige leise Flüche von sich und folgte ihr dann.

Als sie in den Raum trat, auf dessen nun leeren Sofas heute morgen noch all die Gäste sich an ihren Sorgen und Ängsten verzehrt hatten, stand eine hochgewachsene Gestalt hinten am Fenster.

Der Fremde trug einen langen, schwarzen Mantel an dem diverse merkwürdige Geräte und Kabel herabhingen. Auf den Schultern waren jeweils drei silberne Streifen mit einem Stern darüber.

Obwohl die beiden Mädchen kaum einen Laut von sich gegeben hatten, drehte sich der Mann umgehend zu ihnen um. Blasse Haut schimmerte im Sonnenlicht. Kurze schwarzen Strähnen bedeckten den Kopf. Die Augen waren grau und hart, aber auch müde.

»Ah, guten Tag«, begann er mit sanfter Stimme zu sprechen und verbeugte sich elegant vor ihnen. »Ihr seid wohl die beiden Dienstmädchen dieser wunderbaren Herberge. Nadia Krylow und Sonja Grünbrunnen, nicht wahr? Es ist mir eine Freude euch kennenzulernen. Mein Name ist Namtar An. Ich werde ab diesen Tag die sieben Kastanien beziehen. Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit.«

Draußen traten zwei der Soldaten von Eris vorsichtig an die Pferde, die neugierig begannen an ihren Rüstungen zu schnuppern. Nach einer kurzen Diskussionen begannen die finsteren Ritter nervös das Fall der Tiere zu streicheln.

Prolog

Kapitel 9

Kapitel 11

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 10: Gast

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 9: Dorfrat

Die Bewohner von Arbali trafen sich in der lokalen Taverne Silberfluss. Ungefähr vierzig Menschen versammelten sich um den großen Haupttisch, was für viel Gedrängel sorgte. Nadia, Sonja und einige andere der Jüngeren bevorzugten es, etwas im Hintergrund zu stehen. Kevin war nicht anwesend, da er die Gäste weiter mit Franz in die Stadt fuhr.

»Vielen dank fürs kommen«, begann Dennis Schildmann, der Bäcker. »Ich weiß es waren zwei anstrengende Tage für uns alle und ich bin mir sicher, dass wir alle noch ganz müde sind. Deswegen bin ich sehr froh, dass trotzdem so viele von euch hierher gefunden haben. Wie ihr wisst, finden dieses Ratstreffen immer statt, wenn…«

»Meine Güte, Dennis, lass diesen formalen Mist, endlich«, fuhr ihm Frau Zwetkow dazwischen, die den meisten Platz am Tisch besaß, da alle automatisch Abstand hielten. »Kannst du mir eigentlich verraten, was du mit diesem Treffen bezwecken willst? Über was sollen wir reden?«

»Die Kuppel wurde angegriffen«, meldete sich jemand vorsichtig dazwischen.

»Wir wurden besetzt, nicht angegriffen. Soweit ich weiß ist bisher noch kein Schuss gefallen.«

»Noch nicht.«

»Ach komm, was hast du vor? Mit deiner alten Flinte Soldaten von Eris jagen? Ha, viel Glück.«

»Meine Damen und Herren«, versuchte Dennis die Situation zu beruhigen, »bitte, bleiben wir zivil und erheben nicht die Stimme. Widerstand ist zwecklos.«

»Was!«, fauchte Boris, der Schlachter. »Die Allianz sind Invasoren. Sie haben tausende gestern umgebracht! Wir können doch nicht tatenlos zusehen.«

»Die Verstorbenen waren alles Mitglieder der Flotte der Erdregierung. Sie waren Teil des Militärs. Sterben gehört da zu den Jobrisiken würde ich sagen. Außerdem stammt soweit ich weiß keiner von denen hier von Ganymed. Keine Familie hier muss also trauern. Es gab somit keinen Verlust für uns. Die Tränen von trauernden Familien auf der Erde können uns ja wohl gleichgültig sein.«

Einige klopften zustimmend auf die Tischplatte.

»Außerdem hat die Allianz Orbitalbomben!«, begann jemand im Eck.

»Sie werden von einem Dämon geführt!«

»Ich habe gehört, dass viele von denen keine Menschen mehr sind. Sie experimentieren an sich selbst! Wer weiß was für Ungeheuer sie sind.«

»Ich will den Wald nicht brennen sehen!«

»Ich will dieses Dorf nicht brennen sehen!«

»Feiglinge«, flüsterte Sonja gehässig, während alle wild ineinander redeten. »Leichtgläubige Feiglinge. Deswegen will ich diesen Brocken verlassen. Wieso müssen hier alle so dumm sein? Wir können doch nicht Eris mit all diesen bösen Sachen durchkommen lassen. Wir können doch nicht nichts tun?«

»Mmh«, machte Nadia nur und sah aus dem Fenster. Draußen auf in der Gasse spielten einige Kinder. Sie waren nass, weil sie Eimer mit Wasser vom Bach hierher getragen hatten und nun Wasserbomben bastelten.

Hatten sie sich raus geschlichen? Vermutlich, denn eigentlich wollten die Eltern ihre Sprösslinge gerade am liebsten bei sich wissen. Doch die Kinder hier waren wilde und ungezähmte Frechdachse, die sich nicht gerne einsperren ließen.

Wie sorgenfrei sie doch gerade aussahen. Der Krieg und diese Hektik der Erwachsenen gerade schien sie nicht zu kümmern. Sie wollten einfach weiter Spaß haben.

Wie beneidenswert.

»Ich mag die Präsenz der bleichen Basta… ähm, der Allianz auch nicht«, entschied Dennis Schildmann am Ende unter den bohrenden Augen von Frau Zwetkow. »Ich traue ihnen nicht und sie sind zu fremd für uns. Doch vermutlich werden sie in der Stadt bleiben. Welchen Grund hätten sie im Moment unser beschauliches Dorf aufzusuchen? Und zu unser aller Schutz werden wir ihnen auch in Zukunft keinen Grund geben. Ich bitte darum so wenig Kontakt mit den Soldaten von Eris zu haben wie möglich. Fährt nur nach Neu Moskau, wenn es absolut nötig ist. Wenn wir ruhig sind, bleibt uns die Gräuel dieses Krieges erspart. Es spielt keine Rolle für uns, wer am Ende gewinnt. Wichtig ist nur, dass wir auch in Zukunft unser Leben hier in der Kuppel, am Rande des Waldes genießen können – ohne Politik und Gefahr. Damit beende ich die heutige Sitzung.«

»Es spielt keine Rolle für uns, wer am Ende gewinnt«, äffte Sonja Herrn Schildmann nach, als sie etwas später bei seiner Bäckerei saßen, Kaffee tranken und belegte Brötchen aßen. »Für diesen alten Furz mag das zustimmen, der mit seinem sturen Arsch auf diesen Brocken festgenäht ist. Aber ich würde gerne eine Erde besichtigen, die nicht in Ruinen liegt. Auf welcher Seite glaubt er denn zu stehen?«

»Auf der Seite von Ganymed«, antwortete Nadia etwas lustlos. »Und auf der Seite von Arbali. Außerdem kann er dich hören.«

Die Angst der letzten Tage hatte ihr alle Energie geraubt. Sie hatte nicht mehr die Kraft für solche Gespräche. Sie wollte nur noch zurück in die Sieben Kastanien, ihre Wanderschuhe anziehen und für einige Stunden in den Wald verschwinden, wo sie all den schrecklichen Ereignissen entkommen konnte.

Frau Zwetkow war bereits zu den sieben Kastanien zurückgekehrt, indem sie einfach verlangt hatte, dass jemand sie nach Hause fuhr. Ungefähr zehn Männer hatten sich dann furchtsam darum gestritten, wem diese Ehre zufallen sollte. Am Ende landete die Wahl auf den Imker Hans. Die Mädchen hatte die Besitzerin der Herberge dann allerdings aufgetragen noch eine Weile im Dorf zu bleiben, um sich ein wenig abzulenken und was zu essen.

»Ist mir scheißegal ob er mich hören kann! Und Ganymed ist doch Teil der Erdregierung, oder nicht Nadia?«

»Wir sind Teil vom Pakt vom Zeus, Sonja.«

»Ist doch nur ein zahnloser Verein! Nur diese Idioten drüben beim Saturn sind noch jämmerlicher! Wir können doch nicht herumsitzen und nichts tun! Ich bin auf jeden Fall loyal zur Erde! Sie ist unsere Mutter! Unsere Heimat!«

»Du bist hier auf Ganymed geboren, Sonja.«

»Aber wir kommen alle ursprünglich von der Erde! Du bist auf der Erde geboren! Kümmert es dich denn gar nicht, was hier gerade passiert?« Ein langes Schweigen war ihre Antwort. »Verdammt nochmal, Nadia, wieso zickst du gerade so rum? Wo ist deine Energie und deine Freunde?«

»Ach Sonja«, meinte Nadia und schüttelte den Kopf. Sie musste jetzt doch ein wenig lächeln, als sie das wütende Gesicht ihrer Freundin sah. Wieso half das immer, wenn ihre Laune am Boden war? »Tue einfach nichts dummes, okey? Wir alle würden dich schrecklich vermissen. Ich würde dich sehr vermissen. Zusammen mit dir die Sterne zu betrachten, war immer schön. Ich will mehr angenehme Erinnerungen mit dir sammeln. Wirf es doch nicht einfach weg. Ich meine, Herr Schildmann und die anderen haben recht. Wir können allein nicht viel gegen Eris und die Allianz ausrichten.«

»Feigling«, brummte Sonja nur, verschränkte die Arme und sah leicht errötet zur Seite.

Vergnügt trank Nadia einen Schluck Kaffee und beobachtete einige Rotkelchen, die auf dem gusseisernem Geländer am Rande des Baches saßen.

Der Schwarm erhob sich dann allerdings schlagartig in die Luft, als ein Donnern und Brummen erklang. Irgendwo schrie eine Frau auf.

»Was ist das denn jetzt«, rief Sonja aus und sah panisch hoch zum Himmel. Beide Mädchen standen nun. Die Stühle waren nach hinten gekippt.

Die Kaffeetasse in Nadias Hand zerbrach auf dem Kopfsteinpflaster.

Drei schwarze Flugmaschinen mit jeweils zwei Düsen an den Seiten flogen über das Dorf hinweg. Nahe am Cockpit funkelte auf der sonst glatten Außenhaut ein silbernes Zeichen: Ein nach oben zeigendes Schwert mit zwei Flügeln an den Seiten. Die Spitze der Klinge ging in einen Stern auf.

Es war das Wappen der Allianz.

»Wohin wollen die?«, meinte Sonja, während um sie herum Menschen in Schock umherliefen. »Es sieht nicht so aus, als ob sie hier landen wollten. Und da lang geht es nur zum Wald. Das einzige was da gibt ist…«

»…die Sieben Kastanien«, hauchte Nadia und ihre Beine gaben unter ihr nach. Ihre Freundin konnte sie gerade noch so halten.

Kevin Schildmann rannte mit einem Megaphon nach draußen um die Bewohner von Arbali zu beruhigen.

»Das ist absurd. Was könnten sie da nur wollen?« Sonjas Gesicht war blass wie ein Geist. Selbst beim Anblick der Raumschlacht hatte sie nicht so entsetzt ausgesehen.

»Wir müssen dorthin, Sonja. Wir müssen gucken, ob alles in Ordnung ist. Denn die sieben Kastanien… sie sind… sie…« Meine Heimat.

Derweil hatten die drei Flugmaschinen von Eris begonnen in einem sanften Winkel hinabzusteigen. Wenn sie ihren Kurs zu beibehielten, würden sie tatsächlich auf dem Hügel landen, wo sich die Herberge von Frau Zwetkow befand.

Stuart A. Smith

Prolog

Kapitel 8

Kapitel 10

Das Lied der sieben Kastanien – Kapitel 9: Dorfrat